Umfragenbilanz Demoskopen zerpflücken SPD-Wahlkampf

Negativrekorde in Sachen Politikverdrossenheit, Langeweile und Wahlbeteiligung - nach der Wahl ziehen die Meinungsforschungsinstitute Bilanz. Ihre Prognosen waren weit realistischer als 2005.

Eine Frau an der Wahlurne: Vor allem Rentner bestimmten das Wahlergebnis
dpa

Eine Frau an der Wahlurne: Vor allem Rentner bestimmten das Wahlergebnis

Von Lisa Hemmerich


Berlin - Im Wahlkampf hat die SPD viele Gegner ausgemacht: Neben CDU, FDP und den anderen Parteien fühlte sie sich auch noch von Meinungsforschungsinstituten angegriffen. 2005 hatte die SPD am Wahlabend deutlich besser abgeschnitten als in Umfragen vorhergesagt. Das erhofften sich die Sozialdemokraten auch diesmal.

"Der 27. September wird ein neuerliches Debakel für die Demoskopen und ein Fiasko für Forsa," zitierte die "Süddeutsche Zeitung" den Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier im Juli. Insbesondere kritisierte Steinmeier das Meinungsforschungsinstitut Forsa, das die Chancen der SPD oft geringer einschätzte als andere.

Einen Tag nach der Wahl verkündete Forsa-Chef Manfred Güllner mit Genugtuung, dass die Prognosen seines Instituts diesmal näher am Wahlergebnis lagen als die der anderen. "Unsere Einschätzung, dass die SPD sich in einer existentiellen Krise befindet, war richtig," sagte Güllner in Berlin. "Die SPD zerfällt." Statistisch wählten nur 16 von hundert Wahlberechtigten die SPD, 24 wählten die CDU, und 30 gingen gar nicht zur Wahl.

"Die SPD konnte den Wähler nicht erreichen", bilanzierte Güllner. "Der frühe Beginn des Wahlkampfes hat nichts gebracht." Die Sozialdemokraten haben das Vertrauen der Wähler verloren. "Zwei Millionen SPD-Wähler sind zu Hause geblieben, weil Hartz IV und die Rente mit 67 Politik gegen die eigene Klientel war," sagte auch Richard Hilmer von Infratest dimap. Darin liege eine wesentliche Ursache für die niedrige Wahlbeteiligung. Zudem seien die Wahlplakate "hirnrissig und handwerklich schlecht" gewesen, sagte Güllner. Weitere Gründe seien die Nominierung Gesine Schwans als Gegenkandidatin zum beliebten Bundespräsidenten Horst Köhler sowie die Kandidatur Andrea Ypsilantis in Hessen gewesen.

"Inhaltsloser Wahlkampf hat sich gelohnt"

Die Union dagegen konnte sich als Partei positionieren, die sich um die Menschen in der Krise kümmere, was ihr die bürgerliche Mehrheit gesichert habe. Angela Merkel habe vor allem im Osten und bei jungen Frauen an Zuspruch gewonnen. "Die Entscheidung der CDU einen inhaltslosen Wahlkampf zu führen, hat sich im Nachhinein gelohnt", erklärte Güllner.

Gründe für den starken Zugewinn der FDP sind laut Allensbach-Geschäftsführerin Renate Köcher vor allem taktische Überlegungen von CDU/CSU-Stammwählern gewesen, die ein Ende der Großen Koalition wünschten. Von der SPD wanderten Wählerströme in alle Richtungen ab. Ursache für die Verluste der bayerischen CSU sei gerade der traditionelle Wahlkampf der Politikversprechen gewesen, erklärte Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen. Eine breite Mehrheit der Wähler sei zwar für Steuerentlastungen, die Mehrheit durchschaue jedoch, dass diese nicht bald kommen. Nur zehn Prozent glauben diesem Versprechen.

Das Ergebnis der Wahl zeichnete sich in den Umfragen seit langem ab. "Die SPD hat einen langen Prozess der Auszehrung in der Regierungsverantwortung hinter sich", sagte Köcher. "Obwohl sie bei der letzten Wahl fast mit der Union gleichzog, wurde die SPD von der Bevölkerung und in den eigenen Reihen als Juniorpartner wahrgenommen." Hilmer bezeichnete das Wahlergebnis als "zweite Etappe" des Regierungswechsels, der 2005 begann.

Skeptisch beurteilte Güllner die Auswirkungen einer Öffnung zur Linken für die Sozialdemokraten, damit die SPD wieder zu alter Stärke zurückfinde. Dies werde auf Bundesebene von der Mehrheit der SPD-Wähler abgelehnt. In der Opposition habe die SPD die Chance wieder scharfkantiger zu werden. "So sie sich nicht zerlegt, hat die SPD noch Chancen von dem extrem niedrigen Ergebnis aufzusteigen", sagte Köcher. Güllner bezweifelt jedoch, dass die SPD diese ergreife.

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Mit Material von dpa/AP/Reuters



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Seite 1
Nante, 27.09.2009
1.
Ich habe richtig gewählt. Aber die anderen?
LukasE 27.09.2009
2.
Zitat von NanteIch habe richtig gewählt. Aber die anderen?
Haben alle falsch gewählt!!!
heisenberg, 27.09.2009
3. Bekommt die CDU endlich ihren Denkzettel ???
Ich habe auch richtig gewählt LINKS !
andreas13053 27.09.2009
4.
Zitat von NanteIch habe richtig gewählt. Aber die anderen?
Glückwunsch. Ich habe die Kreuzchen auch im richtigen Kreis untergebracht - war gar nicht so schwer.
pssst... 27.09.2009
5.
Zitat von sysopMerkel besiegt Steinmeier, die FDP als große Gewinnerin - wie beurteilen Sie das Wahlergebnis?
Wir haben nicht gewählt, meine Familie und ich....
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