Umstrittene Antisemitismus-Studie "Scheu vor unangenehmen Wahrheiten"

Klammheimlich wollte die EU eine Studie über den Antisemitismus in Europa umschreiben lassen, doch der Jüdische Weltkongress veröffentliche die Ergebnisse. Mitautor Bergmann wirft der EU "wissenschaftlichen Rufmord" vor und bemängelt, dass weder der Zeitpunkt noch der Zeitraum für die Erhebung richtig gewesen wäre.

Von Lars Langenau


Antisemitismus: Nicht nur ein Phänomen bei Neonazis
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Antisemitismus: Nicht nur ein Phänomen bei Neonazis

Hamburg - Man bewegte sich auf vermintem Gelände - aber das ist das renommierte Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin seit jeher gewöhnt. Diesmal kam die Breitseite der Kritik allerdings vom Auftraggeber einer Studie, die die Wissenschaftler für die Europäische Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (EUMC) erstellt hatten.

Zum Politikum wurde der eher ungewöhnliche Vorgang erst dadurch, dass die Antisemitismus-Studie über die 15 Mitgliedstaaten einfach sang- und klanglos in der Schublade des Wiener Auftraggebers verschwinden sollte. Der wollte sie erst (mit einer neuen Ausschreibung und vollkommen neu geschrieben) im April kommenden Jahres veröffentlichen. Doch gegen dieses Ansinnen haben sich Europa-Abgeordnete aus allen Parteien gewandt. Daniel Cohn-Bendit nannte das Verhalten der EU schlicht "verrückt".

Der Jüdische Weltkongress (WJC) veröffentlichte die Studie nun eigenmächtig. WJC-Vize-Präsident Elan Steinberg bezeichnete die Nichtveröffentlichung als einen Akt der Unehrlichkeit und Feigheit: "Ich denke, die EU ist nicht bereit, sich mit dem heiklen Problem des Antisemitismus unter Muslimen auseinander zu setzen, die in Europa die größte Minderheit bilden." Der Bericht werde auf den Internetseiten der jüdischen Organisationen in den EU-Staaten veröffentlicht, sagte Steinberg.

Doch im Gegensatz zur Vertretung der französischen Juden war sie am Mittwoch nicht auf der Seite des Zentralrats der Juden in Deutschland zu finden. Für den Zentralrat sprechen vor allem "urheberrechtliche Gründe" dagegen, sagte eine Sprecherin auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE.

"Innerhalb der nächsten 24 Stunden auf unserer Site"

Im Laufe des heutigen Tages ist die EUMC aufgewacht und will die Studie nun doch "mit kritischen Kommentaren" auf ihrer Webseite publizieren. Der für die EUMC-Seite verantwortliche Webmaster Luc Schwartz will sie "innerhalb der nächsten 24 Stunden" der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen, sagte er am Mittwochnachmittag zu SPIEGEL ONLINE. Allerdings sei die Studie damit noch immer keine Veröffentlichung seiner Einrichtung, betont Schwartz. Tatsächlich will die mit jährlich sechs Millionen Euro von der EU unterstützte Organisation mit der Offensive wohl eher dem Eindruck entgegenwirken, sie übe Zensur aus.

"Uns ist nicht an der Stigmatisierung ganzer Gemeinschaften wegen der Aktionen rassistischer Einzelpersonen gelegen": EUMC-Direktorin Beate Winkler
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"Uns ist nicht an der Stigmatisierung ganzer Gemeinschaften wegen der Aktionen rassistischer Einzelpersonen gelegen": EUMC-Direktorin Beate Winkler

Der für die Verschlusssache verantwortliche Sachverständigenrat des EUMC und die Leiterin, Beate Winkler, hatten sich vor allem daran gestoßen, dass die Berliner in ihrer Studie besonders unter arabischen Einwanderern in Europa einen Zuwachs der antisemitischen Haltungen dokumentierten. Neu daran ist eigentlich nur, dass für die Steigerung antisemitischer Vorfälle eben nicht nur die üblichen verdächtigen Skinheads und Rechtsextremisten verantwortlich sind, sondern auch junge Muslime mit familiärem Hintergrund aus dem Nahen Osten.

Zudem war der EUMC die Unterscheidung von Antisemitismus und Israelkritik zu undeutlich - eine Grenze, die in der Tat im gesamten Kontext der Forschung schwammig und umstritten bleibt.

Neuer Zündstoff

Gegenüber SPIEGEL ONLINE verteidigt sich Werner Bergmann, der die Studie gemeinsam mit Juliane Wetzel bereits vor einem Jahr verfasst hatte. Vieles an der Kritik der EU sei ungerechtfertigt, sagt er. Beispielsweise habe man nach Abgabe monatelang keinen Ton von der EUMC gehört - "so geht man nicht mit seinen Autoren um", sagt Bergmann, der in den Vorwürfen der EU eine Art von wissenschaftlichem Rufmord sieht.

Zudem habe die EUMC die Datenbasis selbst durch ihre Beobachtungsstellen vorgegeben. Dem Institut für Antisemitismusforschung sei hautsächlich die Aufgabe zugefallen, diese Ergebnisse zusammenzufassen. Schließlich habe man sich darauf verlassen müssen was aus den einzelnen Ländern geliefert wurde: "Ich kann ja überhaupt kein Finnisch oder Portugiesisch", sagt Bergmann. Da aus so wichtigen Ländern wie Großbritannien und den Niederlanden gar keine Berichte vorgelegen hätten, habe man das Datenmaterial sogar noch ergänzt und sämtliche Aussagen mit Quellenangaben versehen.

Doch auch die Zusammensetzung der Wiener EU-Stelle sei nicht ideal, sagt Bergmann. Im EUMC-Vorstand hätten Politiker und nicht die Wissenschaft das Sagen. Dies werfe für die Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern grundsätzliche Fragen auf. "Man scheut sich vor unangenehmen Wahrheiten." Inzwischen reagierte auch das Europäische Parlament und strich der EUMC 200.000 Euro Unterstützung, wie der CDU-Europaabgeordnete Armin Laschet mitteilte. "Die Vermischung von Politik und Wissenschaft" muss geklärt werden, sagte Laschet.

Problematisch sei sicher gewesen, dass die EUMC ihm und seiner Kollegin nur vier Wochen Zeit dazu gegeben habe, zumal der Berichtszeitraum genau mit dem israelischen Einmarsch in die palästinensischen Städte wie Dschenin und Betlehem zusammengefallen sei. Methodisch besser wäre es gewesen, wenn in die Untersuchung auch eine "ruhige Phase" des Nahostkonflikts mit eingeflossen wäre. Auch deshalb ist Bergmann nicht besonders glücklich darüber, dass nun der Aspekt der muslimischen Jugendlichen ein so großes Echo gefunden hat und für "Zündstoff" sorge.

Er bedauert, dass dieser Aspekt nun alle anderen, etwa den des Anstiegs antisemitischer Verschwörungstheorien, verdrängt habe. Auch würden "typisch antisemitische Stereotypen" über die "geheime Macht" der Juden zunehmend laut. Zudem schlage die Kritik an der Politik Israels und den USA in Europa immer mehr in Judenhass um. Auch unter Gegnern der Globalisierung werde eine "antisemitische Grundstimmung" deutlich: "Antisemitismus und Antiamerikanismus gehen eine Koalition ein."

Allerdings habe er registriert, dass die "Islamophobie" mittlerweile dem Antisemitismus gleichrangig sei und die Studie nun auch dazu instrumentalisiert werde. "Trotzdem können wir eine Minderheit nicht auf Kosten einer anderen in Schutz nehmen", sagt Bergmann.

"Muslime befinden sich heute fast in der gleichen Situation wie die Juden im 19. Jahrhundert", sagt Bergmann. Sein Arbeitsschwerpunkt sei zwar der Antisemitismus nach 1945, aber eben auch die Soziologie und Psychologie des Vorurteils.



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