Umstrittene Aufklärungsbroschüre "Ich habe keine Sex-Tipps gegeben"

Der Ratgeber "Körper, Liebe, Doktorspiele" soll angeblich zum Missbrauch von Kindern aufgerufen haben. Dabei wollte Autorin Ina-Maria Philipps genau das Gegenteil. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht sie über missverstandene Formulierungen und konservative Gegner der sexualfreundlichen Pädagogik.


SPIEGEL ONLINE: Eine Kölnerin hat Sie und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) angezeigt, weil die von Ihnen verfasste Broschüre "Körper, Liebe, Doktorspiele" öffentlich zum sexuellen Missbrauch von Kindern auffordere. Wie nun bekannt wurde, hat die Staatsanwaltschaft Köln die Anzeige fallen gelassen: Es bestehe kein Tatverdacht.

In Misskredit geratener Elternratgeber: Schlagzeilen entsetzen Experten und Autorin
BZgA

In Misskredit geratener Elternratgeber: Schlagzeilen entsetzen Experten und Autorin

Philipps: Das entspricht meiner Erwartung. Ich war mir sicher, dass die Anzeige unangemessen und sachlich nicht haltbar war. Gleichzeitig finde ich es bedauerlich, dass solch eine Klage, die ja wirklich keine fachliche Basis hat, solch einen Wirbel und eine Verunglimpfung der Broschüre verursacht.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie gedacht, als Sie die ersten Schlagzeilen vergangene Woche gelesen haben?

Philipps: Ich war erschrocken, entsetzt und konnte das zunächst nicht einordnen. Die Broschüre ist seit sechs Jahren auf dem Markt. Viele Fachleute haben sie gelesen und ich habe immer wieder Anerkennung bekommen, gerade auch von denen, die sich in dem Bereich des sexuelles Missbrauchs und der Prävention sehr gut auskennen.

SPIEGEL ONLINE: Die Broschüre richtet sich doch aber eigentlich an Eltern.

Philipps: Das stimmt. Die Kollegen haben den Ratgeber auch immer Eltern empfohlen: Wenn Sie die Broschüre lesen, dann wissen Sie, was normale sexuelle Entwicklung bei Kleinkindern ist, was Grenzverletzungen sind, was man im eigenen Verhalten überprüfen sollte. Außerdem veranstalte ich selbst seit 20 Jahren Elternabende und sage das, was in dieser Broschüre steht. Da erlebe ich immer wieder, dass die Eltern zunächst unsicher sind, nach den Informationen aber erleichtert. Nun befürchte ich, dass durch die Kampagne die Unsicherheit wieder wächst.

SPIEGEL ONLINE: Gab es wirklich nie Kritik?

Philipps: Natürlich gab es auch die eine oder andere Stimme, die sagt: "Das geht zu weit." Darüber kann man sich auch streiten. Wie weit soll sexualfreundliche Erziehung gehen? Wie stark soll man von sich aus Aufklärung betreiben? Wie körperlich kann die sein? Das ist sicherlich etwas, das in den Familien unterschiedlich gehandhabt wird. In der Broschüre schreibe ich ja auch immer wieder, dass es keine feste Richtlinie gibt. Was ich an Sex-Tipps gegeben haben soll, ist einfach an den Haaren herbeigezogen. So habe ich das nicht gemeint und auch nicht geschrieben.
Vor der Veröffentlichung hat die Broschüre verschiedene Stufen durchlaufen. Fachkollegen haben sie vor der Veröffentlichung gelesen. Das BZgA hat kurz nach der Veröffentlichung eine Evaluationsstudie in Auftrag gegeben - das Ergebnis war sehr positiv. Danach hat die Praxis den Ratgeber fortwährend evaluiert: Es gab viel Zustimmung aus Kinderschutzkreisen und Kindergärten; Fachschulen für Erzieherinnen geben die Broschüre als Pflichtlektüre aus - immer mit der Rückmeldung, dass die Beispiele praxisbezogen und angemessen seien, Eltern sich verstanden und sicherer fühlten.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt aber folgenden Satz: "Scheide und vor allem Klitoris erfahren kaum Beachtung durch Benennung und zärtliche Berührungen (weder seitens des Vaters noch der Mutter) und erschweren es damit für das Mädchen, stolz auf seine Geschlechtlichkeit zu entwickeln." Ist das nicht zweideutig?

Philipps: Wenn man den Absatz davor nicht beachtet, mag das sein. Aber diejenigen, die meine Vorträge gehört oder die Broschüre aufmerksam gelesen haben, wissen: Der vorherige Absatz beschrieb, dass Jungen allein wegen der Anatomie die Aufmerksamkeit erhalten. Mütter und Vater haben mir bestätigt, dass sie selbstverständlich Kosenamen für den Penis haben und ihn berühren, bei notwendigen Handlungen wie Säubern und Eincremen und um Zärtlichkeit zu geben - solange es nicht der eigenen sexuellen Erregung dient. Mädchen erfahren das nicht, deswegen der Satz. Ich fordere ja dann auch, dass die Eltern sich nun bitte nicht nur den weiblichen Genitalien widmen sollen, sondern dem Mädchen als Person Anerkennung geben.

SPIEGEL ONLINE: An einer Stelle heißt es in dem Ratgeber: "Das Notwendige mit dem Angenehmen zu verbinden, in dem das Kind beim Saubermachen gekitzelt, gestreichelt, liebkost, an den verschiedensten Stellen geküsst wird". Welche Körperregionen meinen Sie damit?

Philipps: Alle, den ganzen Körper.

SPIEGEL ONLINE: Das kann doch dann wirklich als Einladung für Pädophile angesehen werden ...

Philipps: … das stimmt. Nur wissen wir, dass pädophile Täter alles Mögliche als Argument für ihre Rechtfertigung nutzen. Das ist schauderhaft und natürlich völlig unangemessen. Ich rufe nicht dazu auf, sich ausschließlich um die Genitalien der Kinder zu kümmern, sondern um deren ganzen Körper. Kinder mögen überall Liebkosungen. Und Kinder unterscheiden gar nicht; für die ist die Genitalregion nicht bedeutsamer als die Finger, der Bauch oder die Zehen.

SPIEGEL ONLINE: In dem Kapitel über das zweite Lebensjahr fordern Sie Eltern aber dazu auf, nicht einzuschreiten, wenn die Mädchen sich etwas in die Scheide stecken. Die Befürchtung der Eltern, das Kleinkind könne sich verletzen, sei nur ein Vorwand. Sind zweijährige Mädchen überhaupt in der Lage dazu, sich zur Selbstbefriedigung etwas einzuführen?

Philipps: Man darf die Ratschläge nicht wortwörtlich auf ein Lebensjahr beziehen: Die einen Kinder erkunden sich früher, andere später, manche gar nicht. Kinder erkunden alle Körperöffnungen neugierig. Dabei können sich Mädchen etwas in die Scheide stecken, einen Legostein etwa oder bei Doktorspielen das Fieberthermometer. Eltern müssen einschreiten, wenn Verletzungsgefahr bei kleinen Kindern besteht, aber sie sollten diese nicht als Vorwand für die Verhinderung von Selbstbefriedigung benutzen. Wie ich in der Broschüre geschrieben habe, können sie bei etwa Fünfjährigen auch im Vorfeld solche Verletzungsgefahren ansprechen.



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