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Umstrittene Frauenministerin: Politikerinnen ziehen in Emanzipationskampf gegen Schröder

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Frauenministerin Schröder zieht Zorn auf sich - weil sie sich von der Frauenbewegung distanziert. "Krude", "Unsinn", "bar jeder Kenntnis" finden Kolleginnen aus der Opposition ihre Thesen, genau wie Alice Schwarzer. Nur eine unterstützt die CDU-Frau: Silvana Koch-Mehrin von der FDP.

Familienministerin Schröder: Heftige Kritik nach ihren Feminismus-Äußerungen Zur Großansicht
DPA

Familienministerin Schröder: Heftige Kritik nach ihren Feminismus-Äußerungen

Berlin - Renate Künast redet über ihre Zukunft in Berlin. Wie sie die Menschen in der Hauptstadt dazu bringen kann, zum ersten Mal jemanden von den Grünen ins Rote Rathaus zu wählen. Künast tut das sehr ruhig und überlegt, auch auf dieser Pressekonferenz. Die Chefin der Grünen-Bundestagsfraktion muss sich jetzt häufig zügeln - das Gesetzte gehörte bisher nicht zu ihren Stärken. Aber dann kommt diese Frage nach der Familienministerin.

Plötzlich ist die alte Renate Künast zurück: "Entgeistert" sei sie über das Interview von Kristina Schröder im SPIEGEL, poltert sie los. "Krude und altbacken" nennt sie die Äußerungen der CDU-Politikerin zum Thema Feminismus und unterstellt ihr einen "angewandten Spaltungsirrsinn - was ein anderes Wort für Schizophrenie ist".

Auch andere Spitzenpolitikerinnen sind entsetzt über Schröder. Die Ministerin hatte in dem Interview zwar eingeräumt, dass ihre rasante Karriere ohne den Feminismus nicht möglich gewesen wäre - sich ansonsten aber deutlich von der Frauenbewegung distanziert. So kritisiert Schröder die Idee, dass die Frauenrolle nicht allein biologisch determiniert ist, sondern auch eine gesellschaftliche Konstruktion. Dies ist eine zentrale feministische Position, die inzwischen zum gesellschaftlichen Mainstream gehört. Schröder verteidigt außerdem Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen und wendet sich gegen Quoten. Dabei wurden diese selbst von der CSU gerade beschlossen.

"So viel Unsinn im Zusammenhang mit Frauenpolitik habe ich lange nicht mehr gelesen", sagt SPD-Vizechefin Manuela Schwesig. "Frau Schröder hat keinerlei Verständnis für die historische Bedeutung des Feminismus." Schwesig, Sozialministerin in Mecklenburg-Vorpommern, meint: "Es tut der Sache der Frauen heute überhaupt nicht gut, wenn die jungen Frauen und die Frauenbewegung von damals gegeneinander ausgespielt werden."

SPD-Vize Schwesig: Schröder hat "keine Ahnung" von Frauenproblemen

Von den tatsächlichen Problemen der Frauen von heute habe die Ministerin "offenbar keine Ahnung", sagt die SPD-Politikerin. Ungleiche Bezahlung, mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Familie, wenig Frauen in Führungspositionen - da gebe es "einen riesigen Handlungsbedarf". Dass Frauen mit guter Ausbildung deutlich weniger verdienen als Männer, "ist nicht fair und muss geändert werden". Auch beim Thema Managerinnen-Quote kritisiert sie Schröder: "Freiwillige Vereinbarungen zwischen Politik und Wirtschaft haben zu nichts geführt, wir brauchen eine Quote von mindestens 40 Prozent für Frauen in Vorständen und Aufsichtsräten."

Katja Kipping, Vize-Chefin der Linken, attackiert Schröder ebenfalls scharf. "Die Familienministerin kritisiert die radikale Frauenbewegung bar jeder Kenntnis", sagt die Bundestagsabgeordnete. "Dem Feminismus ging es nie um Männerhass, sondern um den Kampf gegen das Patriarchat - also um Strukturen, die Frauen benachteiligen." Kipping distanziert sich von Schröders These, Frauen seien mitschuld daran, dass sie häufig weniger Geld verdienen als Männer. So gebe es in der Pflege - einem klassisch weiblichen Berufsfeld - im Unterschied zur männlich dominierten Baubranche keine Erschwerniszulage. "Zu viele Frauen halten Bescheidenheit immer noch für eine Tugend", sagt Kipping.

FDP-Vize Koch-Mehrin verteidigt die Ministerin

Doch die CDU-Ministerin bekommt auch Unterstützung für ihre Thesen - und zwar von einer prominenten Vertreterin des Koalitionspartners: "Ich finde, Frau Schröder hat Recht", sagt Silvana Koch-Mehrin, Vorstandsmitglied der FDP. "Wir sind über den klassischen Begriff des Feminismus schon weit hinaus." Der heutige Feminismus zeige sich "vielmehr in dem Anspruch einer gleichberechtigten Gesellschaft, in der Mann und Frau die Chance haben, denselben Lebensweg zu gehen". Koch-Mehrin, dreifache Mutter und Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments, wünscht sich in diesem Sinne "mehr Feministen - also Männer, die sich ebenfalls für das Ideal einer gleichberechtigten Gesellschaft einsetzen".

Alter Feminismus, neuer Feminismus - es geht vieles durcheinander in dieser Debatte. Und deshalb hat sich nun wohl auch die deutsche Ur-Feministin in die Diskussion eingeschaltet: Alice Schwarzer, Gründerin und Wieder-Chefredakteurin der Zeitschrift "Emma", hat einen offenen Brief an Kristina Schröder geschrieben, in dem sie der CDU-Politikerin die Leviten liest. Die Ministerin reproduziere "Stammtisch-Parolen aus den 1970er Jahren", beklagt Schwarzer, "obwohl die Stammtische 2010 längst viel weiter sind, viel weiter als Sie".

"Hanebüchenen Unsinn" würde Schröder behaupten, findet die "Emma"-Chefin. Am Ende ihres Briefs an Schröder schreibt sie: "Ich halte Sie für einen hoffnungslosen Fall. Schlicht ungeeignet. Zumindest für diesen Posten."

Mitarbeit: Björn Hengst und Severin Weiland

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Ohne Schwarzer keine Schröder, so einfach ist das
Klo, 09.11.2010
Zitat von sysopFrauenministerin Schröder zieht Zorn auf sich -*weil sie sich von der Frauenbewegung distanziert. "Krude", "Unsinn", "bar jeder Kenntnis" finden Kolleginnen*aus der Opposition ihre Thesen, genau wie Alice Schwarzer.*Nur eine unterstützt die CDU-Frau: Silvana Koch-Mehrin von der FDP. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,727900,00.html
Diese Leute wissen, warum sie das tun. Frau Schröder wäre heute ein Heimchen am Herd, wenn es die Emanzipation der Frauen nicht gegeben hätte. noch vor 40 Jahren hätte sie keine Chance zum Studium gehabt und wäre mit ziemlicher Sicherheit als kinderreiche Hausfrau geendet. Und leider kann man weiß Gott nicht sagen, dass das schlechter gewesen wäre. Frau Schröder ist überflüssig. Sie sollte an ihrer Familie arbeiten, anstatt sich an denen zu ergehen, die ihr ins Amt geholfen haben.
2. .
DJ Doena 09.11.2010
---Zitat--- Kipping distanziert sich von Schröders These, Frauen seien mitschuld daran, dass sie häufig weniger Geld verdienen als Männer. ---Zitatende--- [/quote]"Zu viele Frauen halten Bescheidenheit immer noch für eine Tugend", sagt Kipping.[/quote]Also gibt sie doch selbst gerade zu, dass die Frauen mitschuldig dran sind...
3. hahahaha
propaganda, 09.11.2010
jetzt regt euch doch nicht so über muttis wackeldackel auf. glaubt ihr allen ernstes, merkel holt sich jemand mit substanz an die seite? also!
4. italiano
Sabi 09.11.2010
Zitat von sysopFrauenministerin Schröder zieht Zorn auf sich -*weil sie sich von der Frauenbewegung distanziert. "Krude", "Unsinn", "bar jeder Kenntnis" finden Kolleginnen*aus der Opposition ihre Thesen, genau wie Alice Schwarzer.*Nur eine unterstützt die CDU-Frau: Silvana Koch-Mehrin von der FDP. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,727900,00.html
Wie erklären Italiener die Artikel in der deutschen Sprache und die Verwirrung der deutschen Frauen ??? Ist die Frau sehr jung heißt es "das" Mädchen, wird sie erwachsen, heißt dann "die" Frau und wenn sie alt geworden ist , heißt's dann "der" Drache ! q.e.d. Siehe Alice !!!
5. Es werden immer mehr...
Dampflok, 09.11.2010
Zitat von sysopFrauenministerin Schröder zieht Zorn auf sich -*weil sie sich von der Frauenbewegung distanziert. "Krude", "Unsinn", "bar jeder Kenntnis" finden Kolleginnen*aus der Opposition ihre Thesen, genau wie Alice Schwarzer.*Nur eine unterstützt die CDU-Frau: Silvana Koch-Mehrin von der FDP. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,727900,00.html
Jede Wahrheit braucht eine Mutige, die sie ausspricht. Insbesondere dann, wenns von der "Bild" kein Geld dafür gibt.
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