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11. Februar 2013, 17:49 Uhr

Umstrittene Bohrmethode

Fracking wird zum Wahlkampf-Aufreger

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Die Bundesregierung will das umstrittene Fracking ausgerechnet im Wahljahr vorantreiben, wenn auch unter strengen Auflagen. Die Opposition spricht von Trickserei, Umweltschützer schlagen Alarm - der Einsatz der riskanten Technologie könnte eine bundesweite Protestwelle auslösen.

Berlin - Die Szenarien klingen gruselig: "Keine Chemie in unserer Erde!", warnt die Dachorganisation "Gegen Gasbohren" im Internet. Andere Aktivisten geißeln drohende "CO2-Endlager" oder "Anschläge auf die Trinkwasserversorgung". Knapp ein Dutzend Bürgerinitiativen im Netz illustrieren ihre Schreckensvision mit Stoppschildern, Gasmasken, Totenköpfen. Sie alle kämpfen gegen das sogenannte Fracking, eine chemische Fördermethode, mit der man bislang unberührte Gasvorkommen anzapfen kann.

Noch läuft die Protestbewegung auf lokaler Ebene, dafür aber umso hartnäckiger. In vielen Gemeinden hat das Thema das Zeug zum Superaufreger - denn selbst für Geologielaien hat die Vorstellung von künstlich aus dem Erdreich gepresstem Gas, womöglich in der Nähe von Trinkwasserreservoirs, etwas Bedrohliches. Die Debatte um die umstrittene Methode ist neu entbrannt, seit der SPIEGEL am Wochenende die Fracking-Pläne der Bundesregierung bekannt machte. Demnach will Schwarz-Gelb Voraussetzungen für die umstrittene Schiefergasförderung noch im Wahljahr anschieben.

Bislang gibt es keine klare gesetzliche Grundlage für den Einsatz von Fracking in Deutschland. Die Gasförderung aus tiefen Gesteinsschichten müsse rasch bundesweit geregelt werden, erklärte Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU). "Wir wollen das Fracking einschränken, wir wollen es nicht ermöglichen", sagte er im Deutschlandfunk. Er sehe "auf absehbare Zeit nicht, dass irgendwo in Deutschland Fracking zur Anwendung kommt oder kommen kann", so Altmaier. Allerdings warnte die FDP zugleich vor "ideologischen Vorbehalten" gegen die Methode.

Für die Opposition sind Altmaiers Worte der Beschwichtigung Trickserei - sie wirft der Bundesregierung vor, dass selbst bei strengsten Auflagen Fracking durch die Hintertür erst möglich gemacht werden würde. "Wer glaubt, hier könne man mit solchen Versuchen einfach mal an der Erde herumexperimentieren, der hat nicht begriffen, was Fukushima uns gelehrt hat", sagte Torsten Albig (SPD), Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, SPIEGEL ONLINE am Montag. "Das ist ein Fracking-Legalisierungsgesetz", lästerte Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin und drohte: "Das werden wir im Bundesrat verhindern."

Gesprengt, gepresst, gebohrt

Richtig ist: Deutschland ist weit davon entfernt, im großen Stil zu fracken. Derzeit wird die Methode gerade einmal testweise ausprobiert. Fakt ist aber auch, dass hier eine große Gesetzeslücke klafft. Und die lässt viel Spielraum für Interessengruppen, die Fracking-Frage zu ihren Gunsten zu entscheiden.

Besonders in den USA hat das Fracking zu einem wahren Öl- und Gasrausch geführt. Und der Boom weckt auch in Deutschland Begehrlichkeiten auf unterirdische Milliardenschätze, gerade im Zuge der holprig vorankommenden Energiewende. Experten der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe schätzen, dass hierzulande zwischen 0,7 und 2,3 Billionen Kubikmeter Gas in der Erde verborgen sind - genug, um bis zu 13 Jahre lang den deutschen Gasbedarf zu decken. Die Energieriesen Exxon Mobil und Wintershall stehen bereits in den Startlöchern für erste Probebohrungen.

Benutzt wird dazu ein Gemisch aus Wasser, Sand und verschiedenen Chemikalien, um das Gestein aufzusprengen und den Weg in Richtung Bohrloch freizumachen. Inzwischen ist die Technologie so weit entwickelt, dass damit auch bislang unerreichbare Vorkommen erschlossen werden können.

Wahlkampfthema Gasbohrungen

Aktivisten befürchten, dass die hochgiftigen Chemikalien das Trinkwasser vergiften könnten und Erdrutsche auslösen, wenn das zerbröselte Gestein tief in der Erde nicht mehr genügend Tragkraft besitzt. Umweltgruppen verlangen ein totales Verbot der Methode: "Die Risiken sind auch mit den besten Prüfmaßnahmen nicht zu erfassen", warnt Rüdiger Rosenthal vom BUND gegenüber SPIEGEL ONLINE.

Die steigende Anzahl von Petitionen und Initiativen deutet auf ein größeres Protestpotential hin, das auch im Bundestagswahlkampf eine Rolle spielen könnte. Vor den Landtagswahlen in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen machten Bürgergruppen ordentlich Stimmungen gegen die Bohrpraxis - unter beiden Flächenländern schlummern die größten Erdgasfelder Deutschlands. Mit David McAllister (CDU) wurde einer der Befürworter der umstrittenen Fördermethode im Januar abgewählt, und in NRW wurde Fracking-Skeptikerin Hannelore Kraft (SPD) im Amt bestätigt.

Alles nur ein Hype?

Die Fracking-Gegner können sich auf Expertise von höchster Stelle stützen, das Umweltbundesamt beschrieb die Risiken in einer umfangreichen Studie. Doch selbst in der Fachwelt ist man sich uneins. Claudia Kemfert, Energieexpertin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, plädiert dafür, zumindest die Möglichkeiten auszuloten - wenn dabei die strengen Umweltauflagen beachtet werden.

Einen vergleichbaren Boom, wie er in den USA zu beobachten ist, erwartet Kemfert ohnehin nicht. "Soweit man das bisher absehen kann, sind die Felder in Deutschland kleiner und der Ertrag pro Bohrung geringer", sagte sie SPIEGEL ONLINE. Außerdem müsse man überhaupt erst ermitteln, wie groß die Vorräte wirklich seien.

In dieser Hinsicht haben auch die USA bereits die große Ernüchterung hinter sich. Die zahllosen Bohrungen lieferten nämlich nicht nur Gas, sondern auch die Erkenntnis, dass die Vorräte wahrscheinlich sehr viel weniger ergiebig sind, als zunächst angenommen. Die US-Energieagentur EIA korrigierte ihre ursprünglichen Schätzungen bereits um 42 Prozent nach unten.

Und auch in Europa mussten die Geologen ihre Prognosen bereits revidieren. In Polen stellte Exxon sein Engagement nach den ersten Testbohrungen bereits wieder ein. Dort legten die Ergebnisse nahe, dass sich Schiefergas auf absehbare Zeit nicht mit Gewinn fördern lassen würde.

Mitarbeit: Florian Gathmann, Veit Medick

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