Umstrittene Veröffentlichung Oettingers Problem mit dem Wehrmachtslied

"Viel Freude beim Singen": Baden-Württembergs Ministerpräsident Oettinger hat ein Liederbuch herausgegeben. Neben allerlei Gassenhauern findet sich darin auch ein Wehrmachtslied. Jetzt will er den Band einstampfen lassen - ihm droht eine erneute Geschichtsdebatte.

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Berlin - Günther Oettinger feiert gerne. Wenn der baden-württembergische Ministerpräsident mal in Berlin ist, lässt er kaum eine Party aus. Weil der CDU-Politiker aber auch mit seinen Kreisverbänden vor Ort mal die eine oder andere lange Nacht verbringen will, hat er das seit 20 Jahren existierende Liederbuch der Landespartei neu aufgelegt und erweitert. "Lied.Gut" heißt das neue gelbe Bändchen - im Grußwort wünscht der Ministerpräsident "frohe Stunden und viel Freude beim Singen in geselliger Runde".

Oettinger: "Ein solches Lied hat in keinem Liederbuch etwas verloren"
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Oettinger: "Ein solches Lied hat in keinem Liederbuch etwas verloren"

Es ließen sich in der Tat ein paar lustige Abende mit dem Büchlein verbringen. Denn Oettinger hat an alle gedacht: Für die Pensionäre hat er alte Gassenhauer wie "Lebt denn der alte Holzmichel noch" aufgelistet, jüngere Zeitgenossen wiederum können zu Songs "Tür an Tür mit Alice" oder "Anton aus Tirol" das Tanzbein schwingen. Und für die polyglotten Freunde hat Oettinger noch ein paar internationale Hits untergebracht: "Oh happy day" zum Beispiel, oder "Itsy Bitsy Teenie Weenie".

Doch jetzt will der Ministerpräsident das Buch wieder einstampfen. Der Grund findet sich auf Seite 86. Dort nämlich ist das sogenannte "Panzerlied" abgedruckt, ein bekanntes Wehrmachtslied mit dem Titel "Ob's stürmt oder schneit". "Ganz klar kriegsverherrlichend", sagt der SPD-Landtagsabgeordnete Stephan Braun. "Ihm ist da gewaltig was aus dem Ruder gelaufen." Und Oliver Kopf vom Kieler Prieberg-Archiv, das sich auf Liederbücher in der Nazi-Zeit spezialisiert hat, meint: "Damals war das sehr beliebt."

Es ist vor allem ein Teil des Lieds, an dem Oettingers Kritiker Anstoß nehmen. "Mit donnerndem Motor, so schnell wie der Blitz, dem Feinde entgegen, im Panzergeschütz. Voraus die Kameraden, im Kampf sind wir allein', so stoßen wir tief in die feindlichen Reih'n", heißt es in Strophe zwei.

Dass diese Zeilen politisch für Unruhe sorgen könnten, hätte Oettinger merken müssen, bevor er sein Grußwort unterschrieb. Baden-Württembergs Landeschef und Geschichte - da gucken seine Kritiker jedenfalls genau hin, seit er im April 2007 am Grab des umstrittenen Politikers Hans Filbinger eine Rede hielt, die ihn politisch fast den Kopf gekostet hätte. Er hatte den CDU-Politiker indirekt zum Widerstandskämpfer erklärt, obwohl seit langem bekannt war, dass dieser Ende des Zweiten Weltkriegs als Marinerichter an Todesurteilen gegen deutsche Soldaten beteiligt gewesen war.

So eine Diskussion will Oettinger nicht noch einmal erleben. Deswegen hat er am Freitag auf die Kritik am Liederbuch reagiert. "Ein solches Lied hat in keinem Liederbuch etwas verloren, schon gar nicht in einem der CDU", teilte er mit. Die vorhandenen Bestände sollten vernichtet werden, habe er die Landesgeschäftsstelle der Partei angewiesen. Noch am Donnerstag hatte sein Generalsekretär Thomas Strobl einen solchen Schritt verweigert: "Wir lehnen Bücherverbrennungen ab." Einen Tag später sagt Strobl SPIEGEL ONLINE: "Ich habe die Verteilung gestoppt, der Restebestand von 2000 Stück wird vernichtet und in der Neuauflage wird das Lied nicht mehr drin sein. Damit ist die Sache erledigt."

Doch etliche Exemplare des Liederbuchs sind längst verteilt worden - auf Parteitagen und Ortsfesten. Wie viele Bestellungen der Neuauflage schon vorliegen, will der Verlag, die Service-Gesellschaft für Druck, Verlag und Vertrieb SDV, nicht verraten. "Dazu sagen wir nix", sagt eine Frau am Telefon, bevor sie den Hörer aufknallt.

"Die Einstampfung ist richtig", sagt der Generalsekretär der SPD in Baden-Württemberg, Peter Friedrich. "Aber der gesamte Vorgang wirft ein schiefes Licht auf das Geschichtsbewusstsein der hiesigen CDU." Besonders übel stößt ihm die erste Reaktion Strobls auf: "Die Kritik an dem Buch in Zusammenhang zu Bücherverbrennungen zu bringen, ist ungeheuerlich." Sein Kollege Braun sagt: "Das schlägt dem Fass den Boden aus."

Bei der Bundeswehr kann man den ganzen Trubel nicht ganz nachvollziehen. "Das Lied haben wir früher doch immer gesungen", erinnert sich ein Sprecher. "Aber das war ja auch mitten im Kalten Krieg. Da durften wir das."

Der Sprecher wusste nicht, dass das Stück noch immer im Liederbuch der Bundeswehr zu finden ist. Im Rahmen der Brauchtumspflege habe man das Lied in einer entschärften Form immer wieder in die Neuauflagen übernommen, so ein Sprecher des Streitkräfteamts in Bonn zu SPIEGEL ONLINE. Die besagte Strophe ist abgedruckt. Verzichtet wurde lediglich auf die Zeilen aus der Originalversion: "Was gilt denn unser Leben für unsres Reiches Wehr? Für Deutschland zu sterben ist unsre höchste Ehr'."

Die aktuelle Version hält man in Bonn für unverfänglich. "Wir stehen zum Liedgut der Soldaten", so der Sprecher. "Krieg ist gefährlich. Das heißt: Attacke und Angriff. Und der Panzer ist halt das Hauptangriffsgerät des Heeres."



insgesamt 183 Beiträge
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Seite 1
Mollero 03.04.2009
1.
Oettinger! Vielleicht wäre bei entsprechenden Schulungsmaßnahmen ein brauchbarer Backpulververtreter aus ihm geworden. Vom Namen her hätt's ganz gut gepasst. Bei dem Bildungsniveau, das er offenbar besitzt, würde es mich nicht wundern, sollte er am 20.4., an Filbingers Grab, einige dieser Liedchen schmettern. Ach ja, für einen CDUler ist in unserem Ländle fast nichts schädlich.
Bonteburg 03.04.2009
2.
Zitat von sysopNachdem Günther Oettinger ein seit 20 Jahren existierendes Liederbuch mit Wehrmachtslied wieder neu aufgelegt hat, will er es jetzt wieder vernichten lassen. Wie schädlich sind diese Patzer für ihn? Diskutieren Sie mit!
Langsam reichen mir diese unbewussten "Patzer" von Oettinger. Er kann seine wahre Gesinnung wohl nicht verbergen. Es wird Zeit für einen Personalwechsel.
Bonteburg 03.04.2009
3.
Zitat von sysopNachdem Günther Oettinger ein seit 20 Jahren existierendes Liederbuch mit Wehrmachtslied wieder neu aufgelegt hat, will er es jetzt wieder vernichten lassen. Wie schädlich sind diese Patzer für ihn? Diskutieren Sie mit!
Mich stört die Verharmlosung "historische Patzer". Das kling nach "Kann ja mal passieren".Oettinger verklärt Geschichte. Außerdem sind sie nicht nur für ihn, sondern für die gesamzte Politiklandschaft schädlich. Wer vertraut denn Politikern die ständig in rechten Löchern herumgraben. ich nicht.
Huuhbär, 03.04.2009
4. Es lebe die Demokratie ...
Zitat von sysopNachdem Günther Oettinger ein seit 20 Jahren existierendes Liederbuch mit Wehrmachtslied wieder neu aufgelegt hat, will er es jetzt wieder vernichten lassen. Wie schädlich sind diese Patzer für ihn? Diskutieren Sie mit!
Es liegt in der Hand der Wähler und Wählerinnen diesen Gesinnungsmenschen bei den anstehenden Wahlen ordentlich den Marsch zu blasen. Nutzt die Chance im Zuge der Demokratie: Wer nicht weiß oder nicht mehr, wen oder was er/sie wählen soll ... geht auf jeden Fall zur Wahl und zur Not macht den Stimmzettel ungültig ... geht hervorragend per Briefwahl ... und vergeßt nicht den Stimmzettel abzukopieren. Damit aus den orginellsten eine Ausstellung gemacht werden kann ...
shimnu 03.04.2009
5.
Was soll denn diese ganze Diskussion wieder? Das ist so lächerlich. Dass unser MP besser Vertreter für Backzutaten geworden wäre steht ausser Frage, aber was ist denn an diesem einen Lied mit diesen Texten so schädlich? Ich lebe seit 2 Jahren in den USA. Hier fliegen bei jeder großen Sportveranstaltung Air Force TransAll über den Ort während die Nationalhymne gesungen wird. Ganz zu schweigen, wenn ein Soldat im Flugzeug sitzt wird er von allen Passagieren beklatscht. Wann befreit sich Deutschland und seine Bewohner endlich von diesem Schuldzwang. Ich bin 32, verurteile die Machenschaften der Nazi zutiefst, bin treuer SPD-Wähler aber auch stolzer Deutscher! Darum kann man auch ein "Panzerlied" singen. Diese Diskussion ist so lächerlich!
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