Umstrittener Wissenschaftler Sen Der Mann, der mit zwei Zungen spricht

Der Leiter des Zentrums für Türkeistudien soll sein Amt verlieren, weil er Türken als "neue Juden" bezeichnete. Das tat er in einem kleinen türkischen Blatt - in Deutschland würde er so nie reden, beteuert Sen. Wohl wahr: Er äußert sich in türkischen Medien seit Jahren anders als in deutschen.

Von


Berlin - Faruk Sen, 60, versteht die Welt nicht mehr. Jahrelang konnte er in den türkischen Medien sagen und schreiben, was er wollte. Nie gab es Probleme deswegen. Doch jetzt soll er den Posten als Leiter des Zentrums für Türkeistudien aufgeben, weil er vor über einem Monat in einem kleinen türkischen Wirtschaftsblatt geschrieben hatte, die Türken seien "die neuen Juden Europas".

Direktor des Zentrums für Türkeistudien Sen: Hat in den Medien "innertürkischen Populismus" betrieben
DDP

Direktor des Zentrums für Türkeistudien Sen: Hat in den Medien "innertürkischen Populismus" betrieben

Sen fühlt sich missverstanden: Er habe sich doch nur hinter den jüdischen Unternehmer Isaak Alaton stellen wollen, der über Antisemitismus in der Türkei klagte. Quasi von Unterdrückungsopfer zu Unterdrückungsopfer schrieb Sen: "Sehr geehrter Herr Alaton, als Europas neue Juden verstehen wir - Ihre in Europa lebenden 5,2 Millionen Brüder - Sie wohl am besten." Die türkische Bevölkerung in Europa leide unter nicht enden wollenden Angriffen, deswegen verurteile Sen die Ungerechtigkeiten in der Türkei.

Inzwischen hat Sen eingeräumt, dass das ein Fehler war. Er habe unterschätzt, wie belastet der Begriff Juden in Deutschland sei. "Aber", fügt er in der "Süddeutschen Zeitung" hinzu, "den Artikel habe ich für Türken in der Türkei geschrieben - in Deutschland würde ich das nie so schreiben".

Das stimmt. In deutschen Medien wirbt Faruk Sen lieber für die Wirtschaftskraft der Türken in Deutschland oder erklärt, dass es in der Türkei keinen nennenswerten Antisemitismus gibt.

Im Jahr 2006, als deutsche Medien den türkischen Kinofilm "Im Tal der Wölfe" kritisierten, sagte Faruk Sen in der türkischen Zeitung "Hürriyet": "Die Reaktionen sind völlig übertrieben. Der Film ist gar nicht so schlecht, wie alle behaupten." In der "Welt am Sonntag" erklärte er dagegen als Türkei-Fachmann, dass unter Türkischstämmigen neuerdings radikale minderheitenfeindliche Tendenzen auszumachen seien, die sich "auch über Kinofilme wie 'Im Tal der Wölfe' verbreiten".

Sen spricht in seinen Medienbeiträgen gegenüber der Öffentlichkeit in der Türkei eine andere Sprache, als in Deutschland. Das kritisierte der CDU-Bundestagsabgeordnete Willi Zylajew bereits im Jahr 2002 in einem Brief, den er an den zuständigen Landesminister Schartau schrieb: Sen agiere wie ein "Doppel-V-Mann". Die Widersprüchlichkeit seiner Aussagen gegenüber den hiesigen Geldgebern und gegenüber der türkischen Öffentlichkeit sei inakzeptabel. Zylajew, damals migrationspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion, war dagegen, dass Faruk Sen Direktor des Zentrums für Türkeistudien bleibt.

Der Dortmunder Kommunikationsforscher Daniel Müller beobachtet seit Jahren türkische Medien. Laut Müller nimmt Faruk Sen in der deutschen und türkischen Öffentlichkeit eine Doppelrolle ein: "In den deutschen Medien ist er seit über 20 Jahren der verständnisvolle Türkei-Experte, in den türkischen der Anwalt der unterdrückten Landsleute." Die türkischen Medien würden das so erwarten.

Bei Faruk Sen, sagt Müller, sei einfach auffällig, dass er Medien in beiden Ländern instrumentalisiere.

Der Direktor der Essener Stiftung Zentrum für Türkeistudien zog im türkischen Fernsehen und den Zeitungen in einer harschen Ausdrucksweise über die deutsche Politik her, die ihm in Deutschland schon längst Probleme bereitet hätte. "Merkel ist schlecht für die Türken in Deutschland" hatte er etwa vor der Bundestagswahl 2005 in einem Interview im türkischen Leitmedium "Hürriyet" gesagt. "Sie wird den Türken in Deutschland das Leben schwer machen." Solche Worte sind von dem Professor ehrenhalber in Deutschland nicht zu hören. Hier erhält sein Institut Gelder von der Landesregierung Nordrhein-Westfalen, wo die CDU das Sagen hat.

Vom Zentrum ausgeschlossen

Die gesellschaftspolitische Rolle Sens sei in hohem Maße von "innertürkischem Populismus" gezeichnet und weniger von einem Beitrag zur Integration, zitiert der Abgeordnete Zylajew in seinem Brief das Hamburger Orient-Institut. Sen habe deutschen Parteien regelmäßig fremdenfeindliche Propaganda unterstellt und Deutschland als "Architekten der Diskriminierung" bezeichnet.

Forderungen an die Landesregierung, dem Zentrum für Türkeistudien die Gelder zu kürzen, bezogen sich in den vergangenen Jahren ausschließlich auf die Person Faruk Sen. Deswegen hat das Institut nun auch schnell reagiert: Der Vorstand des Zentrums stellte beim Stiftungskuratorium den Antrag, Sen seines Postens zu entheben. Dies solle möglichst schnell geschehen.

Sen ist es inzwischen auch untersagt, selbstständig in das Gebäude der Stiftung in Essen zu gehen. Wegen "Reparaturarbeiten" wurden die Schlösser ausgetauscht, sagte Geschäftsführer Andreas Goldberg zu SPIEGEL ONLINE - er hat vorläufig die Leitung übernommen. Sen habe keine Weisungsbefugnis mehr, "er wird seine Sachen in Anwesenheit der Mitarbeiter abholen müssen".

Dass Faruk Sen - im Urlaub in der Türkei - die Welt nicht mehr versteht, ist durchaus nachvollziehbar. Er hat in weitaus bedeutenderen türkischen Medien Aussagen gemacht, bei denen er froh sein konnte, dass sie in Deutschland ignoriert wurden. Und ausgerechnet jetzt, wo er einmal die Türkei kritisiert - "mit einem ehrenwerten Anliegen", wie Sen sagt, wird ihm das zum Verhängnis.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.