Umstrittenes Web-Ranking: Abgeordnete im Sexy-Check
Eine Internetseite lässt Bundestagsabgeordnete gegeneinander antreten, Nutzer können sie nach ihrem Sex-Appeal beurteilen. Viele Parlamentarier sind empört, aber ernsthaft wehren wird sich wohl keiner.
Seit rund fünf Tagen herrscht wieder Wahlkampf in Deutschland, zumindest auf einer obskuren Internetseite: sexybundestag.de lässt Parlamentarier aller Parteien gegeneinander antreten. Es geht jedoch nicht um Macht, um Inhalte oder Programme, sondern nur um den schönen Schein. Einziges Bewertungskriterium ist die Attraktivität der Kandidaten.
Das Konzept, Fotos von Menschen zu zeigen und die Nutzer über deren Attraktivität abstimmen zu lassen, hat schon einige Jahre auf dem Buckel. Bereits 1999 ließen erste Web-Seiten junge Menschen gegeneinander antreten, taxierten Mädchen nach ihrem Sex-Appeal oder verglichen Lehrer. Bald darauf folgten Prominente, Hässliche, Ärzte und alles, was sich sonst nicht wehrte.
Zur bekanntesten Web-Seite dieser Art avancierte Hot or Not, das jeweils zwei "Kandidaten" gegeneinander antreten ließ. Mark Zuckerberg nahm sich die Seite zur Vorlage seines Facemesh, das kurz darauf zu Facebook werden sollte. Die inhaltsfreie Fleischbeschau mit dem darwinistischen Ansatz schaffte es trotz immer wieder aufflammender Kritik, weil dort Menschen auch ungefragt gezeigt wurden, in mehreren Ländern sogar ins Fernsehen. In Deutschland etwa konnten sich zeigefreudige Teens bei Viva demütigen lassen. Das Konzept war über mehrere Jahre erfolgreich.
Auch Politiker verschiedener Länder fanden sich schon auf solchen Rating-Sites der Öffentlichkeit präsentiert, bisher aber vor allem in Wahlkampfzeiten. Denn früh wurde auch erkannt, dass sich Rating-Tools durchaus auch sinnvoll einsetzen lassen: als Prognose-Instrumente, um Meinungen und Stimmungen zu erfassen.
Es zählen äußere Werte
Auch sexybundestag.de fragt nach Meinungen, geradlinig und direkt, wie man sagen muss. "Mit welchem Politiker oder welcher Politikerin würden Sie lieber...?", heißt es auf der Seite. Wer das für respektlos hält, hat das Original noch nicht gesehen. Denn sexybundestag.de ist nur die neueste Umsetzung der ursprünglich britischen Web-Seite SexyMP. Ihre Frage an die Web-Nutzer: "Which MP would you rather have sex with?"
Was dabei herauskommt, wenn diese Frage in Deutschland gestellt wird, können Internetnutzer seit dem 24. Juni beobachten. Nach nur fünf Tagen sind die Abgeordneten weitgehend sortiert. Das offenkundig wichtigste Kriterium: das Alter.
Jüngere Parlamentarier und Parlamentarierinnen (für die deutlich mehr Nutzer abstimmen) haben demnach bessere Chancen, in Sachen Sex-Appeal bei ihren Wählern anzukommen. Politische Arbeit, Parteizugehörigkeit und Prominenz sind Faktoren, die keine Rolle zu spielen scheinen. Auffällig ist zwar, dass bei den Frauen die eher linken Parlamentarier besser wegkommen. Doch auch das lässt sich wohl weitgehend auf das Lebensalter und auf das weniger konservative Styling zurückführen - so weit, so platt.
Durchbruch per Nebensatz
Beim Bundestag weiß man offiziell noch nicht so genau, ob und was man dazu sagen sollte. Im Plenum wird seit Tagen darüber gesprochen. "Viele empören sich darüber", hatte die CSU-Abgeordnete Dorothee Bär beiläufig in einem Interview mit der "Welt" gesagt - und damit die Aufmerksamkeit der Medien auf die Seite gelenkt. Sie, sagte sie, finde das Ding lustig: "Es ist natürlich Nonsens - aber wenn es Leute dazu bringt, sich ihre Abgeordneten mal anzuschauen, finde ich das nicht schlimm."
Kurz darauf sahen sich einige Abgeordnete mit Nachfragen zum Thema konfrontiert: Die Erwähnung hatte die Popularität der Seite befeuert. Der Link verbreitete sich per Twitter, bis die Server ächzten - zeitweilig ist die Seite nur schwer zu erreichen.
Öffentlich aufregen mag sich über den Spuk niemand, denn Bär hat prinzipiell recht: sexybundestag.de ist "natürlich Nonsens". Die meisten Parlamentarier demonstrieren Langmut in der Sache. "Beim Frauenfußball gibt es gerade den Trend, mehr auf Leistung statt auf Aussehen zu achten", sagt etwa die SPD-Abgeordnete Anette Kramme. "Das Gleiche wünsche ich mir für Politikerinnen. Im Übrigen wäre interessant, wie das Ranking aussähe bei einer Bewertung der 'Schönheit der Überzeugungen' statt der Schönheit professioneller Bilder."
Ähnlich äußern sich männliche Abgeordnete. Niemand will sich in einer Konfrontation mit der Gaga-Seite als "Spielverderber" dargestellt sehen. Der Jurist Patrick Sensburg (CDU) macht aber auch klar, dass das kein Grund zum Jubeln ist: "Ich hätte es begrüßt, wenn man grundsätzlich vorher gefragt würde, ob man in die Liste aufgenommen wird. Dies ist für mich eine Frage des Respekts vor anderen Menschen. Ich hätte diese Teilnahme dann gar nicht gewollt. Ich finde Internetseiten wie abgeordnetenwatch.de sinnvoller und für die Bürger aussagekräftiger."
Dass solche Rankings gegenüber denen, die sich dann ganz am Ende der Liste finden, eine stillose Brutalität sind, sagt öffentlich niemand. Es ist leichter, so etwas als weitgehend harmlosen Blödsinn abzutun, wenn man nicht dadurch beleidigt wird. Sich beleidigt zu zeigen, ist aber auch keine ideale Reaktion: Man schießt nicht mit Kanonen auf Spatzen. "Ich weiß, dass mein Lebensgefährte mich 'hot' findet", meint dazu Bärbel Bas (SPD). "Das wird mir dabei helfen, darüber hinwegzukommen, falls ich in der Sexy-Hitliste nicht ganz so gut abschneiden sollte wie der ein oder andere Kollege von der CSU."
Ihre Parteigenossin Sabine Bätzing entdeckt zumindest einen kleinen Rechtsbruch: "Die verwendeten Fotos sind offensichtlich die Fotos der Bundestags-Homepage, die lediglich für persönliche Zwecke genutzt werden dürfen. Ich würde allerdings die Verletzung dieses Rechtes nicht zu hoch hängen. Wir sollten die Aktion weitgehend ignorieren und weiterarbeiten, dafür sind wir gewählt." Das sieht auch Bas so: "Ein alter Indianerspruch besagt, es sei ein Beleg für Kraft und Weisheit, das hinzunehmen, was ohnehin nicht zu ändern ist."
Der Macher: Prominent, weil er zur Prominenz gehört
Auch in Großbritannien wurde die ganze Sache als attraktiver Spaß verbucht. Einzelne Abgeordnete nutzten die Sache sogar für politische Seitenhiebe. Über einen als besonders attraktiv befundenen Abgeordneten befand ein Konkurrent öffentlich: "Den sollte man sich besser ansehen als anhören."
Francis Maximilien Yvan Christophe Boulle, auf dessen Mist die Idee gewachsen ist, preist das Ganze sogar als "Weg, seine Parlamentarier kennenzulernen" an. sexybundestag.de versteht er als "Geschenk an die Deutschen": "Enjoy!", viel Spaß damit, wünschte er uns auf seiner Twitter-Seite.
In Deutschland kennt Francis Boulle, 22, kaum jemand, in Großbritannien liegen die Dinge anders. Seit er als Polo-spielender hauptberuflicher Sohn eines Diamantenminenbesitzers durch eine Reality-TV-Show jetsettete, gilt er als prominent. Der Höhepunkt seiner bisherigen Karriere: eine Partynacht, in der er mit Harry-Potter-Co-Star Emma Watson tanzte, trank und flirtete und so umgehend eine Affäre angedichtet bekam. Wäre ja auch Zeit, schließlich schaffte er es seit seinem 18. Geburtstag jedes Jahr in die Liste der begehrenswertesten britischen Junggesellen der hippen Glamour-Postille "Tatler".
Jetzt nennt sich Boulle Unternehmer und hat offenbar einiges an Plänen in petto. Neben den Politiker-Sex-Appeal-Rankings, die er neben Deutschland und Großbritannien auch für Irland anbietet, sind mindestens vier Web-Unternehmen in Planung oder Vorbereitung.
Dem Erfolg seiner Aktivitäten, die alle auf bereits bekannten Grundkonzepten (Technik-Blog, Dating, Foto-Print-Service) zu beruhen scheinen, wird der Ansturm auf die Politiker-Sex-Einschätzungen wohl nicht abträglich sein: Boulle hat die Sache schon jetzt mehr Pressemeldungen eingebracht als die Partynacht mit Emma Watson oder seine Reality-TV-Karriere.
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- Mittwoch, 29.06.2011 – 15:33 Uhr
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- Hot or Not
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- SexyMP: Das Original zu Sexybundestag
- "Welt": Interview mit Dorothee Bär
- Abgeordnetenwatch.de
- FrancisBoulle.com
- Reality-TV-Show "Made in Chelsea": Francis Boulle
für die Inhalte externer Internetseiten.
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