Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Umwelt: Regierung erwartet drastische Folgen des Klimawandels

Trockenere Sommer, mehr Niederschläge im Winter, steigende Meeresspiegel und zurückgehende Gletscher: Der Klimawandel wird nach Einschätzung der Bundesregierung auch für Deutschland drastische Folgen haben - bis 2011 soll ein Aktionspaket erarbeitet werden.

Berlin - Das Papier trägt den sperrigen Titel "Deutsche Anpassungsstrategie gegen den Klimawandel" und soll ein erster Schritt sein, um gegen drastische Folgen des Klimawandels gegenzusteuern. Das Kabinett beschloss am Mittwoch in Berlin ein umfangreiches Strategiepaket mit 15 Aufgabenfeldern. Bis 2011 soll ein Aktionspaket von Bund und Ländern erarbeitet werden.

Völlig ausgetrocknet: Boden auf einem Getreidefeld in Brandenburg im Sommer 2008
DPA

Völlig ausgetrocknet: Boden auf einem Getreidefeld in Brandenburg im Sommer 2008

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) erklärte, das Klima ändere sich weltweit. "Und mit dem Klima ändern sich die Lebensbedingungen der Menschen - auch in Deutschland." Das gelte selbst bei einem gebremsten Temperaturanstieg. Laut dem Papier muss Deutschland sich bis zum Zeitraum 2021 bis 2050 auf eine Erwärmung um 0,5 bis 1,5 Grad und bis zum Zeitraum 2071 bis 2100 um 1,5 bis 3,5 Grad Celsius einstellen. Sich verändernde Niederschlagsmengen könnten je nach Jahreszeit und Region zu Wasserknappheit oder Hochwassergefahr führen.

Die wichtigsten Punkte des Strategiepakets im einzelnen:

  • Gesundheit: Die Erderwärmung begünstigt nach Einschätzung der Bundesregierung den Ausbruch von Krankheiten wie Borreliose und Frühsommer-Meningoenzephalitis, die durch Zeckenstiche ausgelöst werden. Magen-Darm-Krankheiten können durch leichter verderbende Nahrungzunehmen. Mehr Allergien sind möglich. Das Hautkrebsrisiko kann steigen. Empfehlung: mehr Aufklärung, mehr Forschung.

  • Hochwasserschutz: Das Hochwasserrisiko steigt an Küsten und in Flussgebieten durch mehr Niederschläge im Winter und im Frühjahr. Empfehlung: Schutzanlagen sollen verstärkt werden. Der Bund will bis 2025 insgesamt 380 Millionen Euro zusätzlich für Küstenschutz bereitstellen. Auch beim Bau sollen Klimafolgen stärker berücksichtigt werden.

  • Energie: Der Bedarf an Kühlenergie wird dem Strategiepapier zufolge steigen. Bei Stürmen, Dürren und Hochwasser könne die Versorgung gestört sein, höhere Energiepreise seien möglich. Empfehlung: alternative Kühlsysteme für Kraftwerke.

  • Wirtschaft: Für die Wirtschaft gibt es nach Ansicht der Regierung Chancen (etwa in der Umwelttechnik) und Risiken (etwa in Anlagen mit Gefahrgütern bei Wetterextremen). Der Tourismus kann trotz möglicher Einbußen beim Wintersport insgesamt profitieren. Bei der Landwirtschaft werden Ertragsausfälle prophezeit. Empfehlung: resistente Sorten in der Landwirtschaft.

  • Finanzwirtschaft: Wegen drohender hoher Schäden sieht die Regierung mögliche neue Risiken für Banken und Versicherungen. Staatliche Hilfen zur Ergänzung werden als letztes Mittel in Aussicht gestellt etwa über eine Pflicht-Elementarschadenversicherung oder einen staatlichen Fonds.

Der Präsident des Umweltbundesamts (UBA), Andreas Troge, betonte in der "Neuen Osnabrücker Zeitung" vom Mittwoch, die Anpassung an den Klimawandel werde umso einfacher und kostengünstiger, "je schneller wir dem Klimaschutz Beine machen". Der UBA-Fachgebietsleiter Klimaschutz, Benno Hain, sagte der "Thüringer Allgemeinen", Deutschland brauche dringend eine umfassende und konzertierte Aktion, um die Verantwortlichkeiten "zwischen Bund, Ländern und Gemeinden und den einzelnen Sektoren und Themenfeldern" zu klären. Die Strategie der Bundesregierung setze dafür nur den Rahmen. Der vorgesehene Aktionsplan müsse nun präzisieren, wie die konkrete Umsetzung aussehen soll.

Das Umweltgesetzbuch, dessen Beratung im Kabinett kurzfristig verschoben worden war, sahen Umweltschützer indes als gescheitert an. Die Sitzung sei der letztmögliche Termin gewesen, um das Gesetzgebungsverfahren noch vor der Bundestagswahl im Herbst abschließen zu können, erklärte der Nabu. Das im Koalitionsvertrag von Union und SPD vereinbarte "Prestigeprojekt" sei "am Ende". Der BUND warnte in der "NOZ" vor einem "Fiasko in der Umweltpolitik", sollte das UGB tatsächlich scheitern. Statt Planungssicherheit drohe dann eine "total zersplitterte Gesetzgebung" auf Länderebene. Die FDP kritisierte das "Totalversagen" der Koalition "zum Schaden aller Betroffenen".

Das UGB soll die Vorschriften des deutschen Umweltrechts vereinen. Bislang steht in unterschiedlichen Fachgesetzen der Schutz einzelner Umweltgüter wie Luft, Wasser oder Boden im Vordergrund. Das Zusammenführen der Regelungen soll ihre Anwendung vereinfachen und Bürokratie abbauen helfen.

hen/dpa/AFP

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: