Umweltminister Gabriel Ewiges Talent

Ministerpräsident, Pop-Beauftragter, Bundesminister: Die Karriere des Niedersachsen Sigmar Gabriel verläuft in skurrilen Bahnen. Der künftige Umweltminister ist bislang nicht als Experte für umweltpolitische Fragen aufgefallen. Aber in der Partei gilt er als durchsetzungsstarker Generalist.

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Hamburg - Generalsekretär, Kanzlerkandidat? Immer dann, wenn in den vergangenen Jahren in der SPD potentielle Nachfolger für einen wichtigen Posten gehandelt wurden, war ein Name mit Sicherheit dabei: Sigmar Gabriel. Der Niedersachse gilt bei den Sozialdemokraten als eine der größten politischen Nachwuchshoffnungen - dabei zählt Gabriel mit seinen 46 Jahren nicht mehr unbedingt zu den Jüngsten. Auch bei den Genossen hat er schon einige Jahre auf dem Buckel: 1977 trat der Mann, der jetzt Umweltminister werden soll, in die SPD ein.

Sigmar Gabriel: Der SPD-Politiker soll Umweltminister werden
AP

Sigmar Gabriel: Der SPD-Politiker soll Umweltminister werden

Sein Werdegang: eine schnelle Karriere, tiefe Abstürze inklusive. 1990 gewinnt er im konservativen Goslar ein Direktmandat und zieht in den Landtag ein, er wird innenpolitischer Sprecher seiner Fraktion, später stellvertretender Fraktionschef, 1998 setzt ihn der damalige Ministerpräsident Gerhard Schröder an die Spitze der Fraktion. Schröder spart nicht mit Lob: "Ein Naturtalent", sagt er damals über Gabriel. Die forsche Art des ausgebildeten Pädagogen, der eigentlich Gymnasiallehrer werden wollte, gefällt ihm. Wie er im Landtag austeilt gegen die Opposition, wie er den CDU-Landeschef Christian Wulff als "Warmduscher" und "Wetterfrosch" angreift.

"Zweitwohnsitz in der Christiansen-Redaktion"

Schröder und Gabriel, sie verstehen sich, zwei Alpha-Tiere, die wissen, wie man poltert, mit dem politischen Gegner umspringt und in der Partei nach vorn drängt. Rhetorisches und analytisches Geschick sprechen Gabriel selbst seine politischen Gegner nicht ab. Für Schröder ist im Dezember 1999 - da ist er selbst schon Bundeskanzler - deshalb auch völlig klar, wer die Nachfolge des über eine Affäre gestolperten niedersächsischen Ministerpräsidenten Gerhard Glogowski antreten soll. Gabriel natürlich, und der sieht das ebenso. Das freigewordene Amt reklamiert er schon vor dem Ritterschlag durch Schröder für sich. Er ist damals 40, wird jüngster Regierungschef eines Bundeslandes und ist mit seinen kecken Sprüchen schnell in der ganzen Republik bekannt. Auftritte in Talks-Shows? Gabriel ist regelmäßig dabei. Manchen ist das zu viel, einen Dampfplauderer nennen sie ihn deshalb. Er habe den Eindruck, dass Gabriel "seinen Zweitwohnsitz in der Redaktion von Sabine Christiansen" habe, sagt David McAllister, Fraktionschef der CDU im niedersächsischen Landtag, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Gabriel Anfang 2002 in einem Bioladen in Brinkum: Umweltpolitisch wenig erfahren
DPA

Gabriel Anfang 2002 in einem Bioladen in Brinkum: Umweltpolitisch wenig erfahren

Kritik kommt aber nicht nur vom politischen Gegner, sondern auch aus den eigenen Reihen. Selbst Schröder rückt irgendwann von seinem Liebling ab, weil ihm die Querschüsse und Profilierungsversuche Gabriels nicht mehr passen. So macht sich Gabriel gegen Schröders Willen für die Wiedereinführung der Vermögensteuer stark und stichelt gegen die Sparpolitik von Finanzminister Hans Eichel. Aber das Verhältnis zwischen Gabriel und Schröder wird noch frostiger. Beim SPD-Parteitag im November 2003 in Bochum wird Generalsekretär Olaf Scholz mit einem desaströsen Ergebnis von 52,6 Prozent nur knapp in seinem Amt bestätigt. Schröder vermutet den niedersächsischen Landesverband hinter dem Wahldebakel - und damit auch den Dauerquerulanten Gabriel. "Euch mach' ich fertig", droht Schröder.

Der Stern von Gabriel, er sinkt in dieser Zeit allmählich. Nicht nur in seiner Partei, in der er fortan mit wenig schmeichelhaften Attributen in Verbindung gebracht wird: disziplin- und konzeptlos, illoyal und ungeduldig. In Niedersachsen geht es mit Gabriel schon vorher abwärts. Die Landtagswahl im Februar 2003 verliert er gegen Christian Wulff - weil er sich mit seiner niedersächsischen SPD nicht gegen den Bundestrend stemmen kann. Die SPD liegt damals in der politischen Stimmung nur noch bei 25 Prozent. Aber auch seine landespolitische Bilanz treibt die Wähler nicht unbedingt zur SPD. Das Wirtschaftswachstum ist unterdurchschnittlich, dagegen steigt die Verschuldung des Landes.

Vom Regierungschef zu Siggi Pop

Vom Ministerpräsidenten zum Fraktionschef. Das ist eine Rolle, die Gabriel nicht behagt, der tiefe Fall von der Parteihoffnung zum Verlierer setzt ihm zu. "Er weiß nicht, was er will. Er fühlt sich unwohl. Am liebsten wäre er schnell im Bundeskabinett", sagt damals ein Parteifreund über ihn. Aber daraus wird vorerst nichts. Dafür filmt der NDR im Landtag regelmäßig seinen verwaisten Platz. Gabriels Wiederannäherung an die Bundes-SPD verläuft über ein Amt, das ihm mehr Häme als Ehre einträgt. Die Partei macht ihn zum Beauftragten für Popkultur und Popdiskurs. "Siggi Pop" wird er seitdem von vielen spöttisch genannt. Nach ein paar Monaten verzichtet er auf das Amt.

Trotzdem erhält er von der Partei eine weitere Chance, selbst sein Verhältnis zu Schröder gilt als wiederhergestellt. Der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering will Gabriel rehabilitieren, in Zukunftsszenarien des Sauerländers spielt Gabriel weiter eine wichtige Rolle, Gabriel soll für den Bundestag kandidieren, um möglicherweise später die Fraktion zu übernehmen. Er müsse aber noch an seiner Selbstdisziplin arbeiten, sagt Müntefering 2004 über Gabriel. "Er muss zeigen, dass er Substanz hat und den Laden zusammenhalten kann."

Durch die unvorhergesehenen Neuwahlen und die veränderte politische Lage in Berlin kommt auf Gabriel jetzt aber eine ganz andere Herausforderung zu: die des Umweltministers. Dieses Politikfeld habe bisher nicht zu seinen Schwerpunkten gezählt, sagt der niedersächsische SPD-Fraktionschef Wolfgang Jüttner, der von 1998 bis 2003 selbst Umweltminister in der niedersächsischen Regierung war, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Aber Gabriel ist ein Generalist und für unterschiedliche Ressorts" geeignet. Gabriel gehöre "in die erste Reihe" der SPD.

Die Grünen in Niedersachsen sind da deutlich skeptischer: Umweltpolitik und Sigmar Gabriel? Die SPD sei mit dieser Personalentscheidung "nicht gut beraten", sagte der Grünen-Fraktionschef Stefan Wenzel im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Sozialdemokraten verfügten über profiliertere Umweltpolitiker. Wenzel erzählt die Anekdote, wie Gabriel gegen das Dosenpfand der rot-grünen Bundesregierung wetterte und dann doch im Bundesrat dafür stimmte.

Ähnliche Geschichten erzählt man sich auch in der niedersächsischen CDU-Fraktion. Es gebe kaum ein Thema, zu dem Gabriel nicht schon unterschiedliche Positionen bezogen habe. Gabriel auf einen Standpunkt festzulegen, sei ähnlich erfolgversprechend wie der Versuch, einen Pudding an die Wand zu nageln. Selbst sein Engagement bei den "Netzwerkern" innerhalb der SPD, die der Parteimitte zugeordnet werden, hindere ihn nicht daran im Landtag wie ein Klassenkämpfer aufzutreten.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) dagegen bewertete die Nominierung Gabriels zum Umweltminister heute positiv. Sie sei "eine Chance für den Umwelt- und Naturschutz". Gabriel sei ein durchsetzungsfähiger Politiker, der in einer Großen Koalition dringend notwendige Reformen auf den Weg bringen könne, hieß es in einer Erklärung. Seine ersten Äußerungen werden sie goutiert haben. Den Wiedereinstig in die Kernenergie werde es "mit der SPD nicht geben", sagte Gabriel heute.

Viele Parteifreunde würden ihn am liebsten "auf die Vogelschutzinzsel Mellum im Wattenmeer verbannen", hat Gabriel einmal gesagt, als er die Genossen mit seinen Alleingängen verärgerte. Aber den Gefallen "werde er ihnen nicht tun".

Vielleicht kommt er dort demnächst doch einmal vorbei - von Amts wegen.



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