Undine von Blottnitz Kämpferin bis zum Ende

Die frühere grüne Europa-Abgeordnete Undine von Blottnitz ist am Samstag nach langer Krankheit gestorben. Die Mitbegründerin der Grünen und engagierte Atom-Gegnerin war über Jahrzehnte eine Leitfigur der Grünen Partei, mit der sie noch kurz vor ihrem Tod im Interview mit SPIEGEL ONLINE heftig abrechnete.

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Undine von Blottnitz ist am Samstag an Krebs gestorben
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Undine von Blottnitz ist am Samstag an Krebs gestorben

Berlin/Lüchow-Dannenberg - Sie ist bis zum Ende eine Kämpferin geblieben. Gern hätte sie sicher auch an den Proben für die Proteste am Wochenende in Gorleben teilgenommen. "Ich will an den Blockaden gegen die Castoren teilnehmen, wenn es denn geht", hatte Undine-Uta Bloch von Blottnitz noch vor wenigen Tagen im Interview mit SPIEGEL ONLINE gesagt.

Diesen Wunsch wird sich die Widerstandskämpferin nicht mehr erfüllen können. Undine von Blottnitz starb am Samstag in ihrem Haus im niedersächsischen Dannenberg. Die 64-Jährige erlag einem Krebsleiden, gegen das sie bis zum Schluss gekämpft hatte.

Noch vom Krankenbett aus gab die Mutter zweier Kinder telefonisch Interviews, informierte sich aus Zeitungen und hielt mit ihrer Kritik nie zurück. "Wir haben keinen Grund, nun nicht mehr gegen die Castoren zu demonstrieren, da ändert die Anweisung von Herrn Trittin auch nichts", sagte sie im Interview.

"Sie wollte alles bewegen, sie hat so vieles bewegt"

"Sie wollte alles bewegen, sie hat so vieles bewegt und so viele bewegt", schrieb die Familie in der Todesanzeige. Mehr als 25 Jahre hat die gelernte Innenarchitektin für die Grünen aber auch für ihre Region gestritten, verhandelt und demonstriert.

Am 20. August 1936 war sie als Freifrau von Reißwitz und Kadersin in Berlin zur Welt gekommen. In der DDR hatte sie Probleme mit dem Regime, wollte nicht in die FDJ eintreten und ihren Adelstitel ablegen. Sie musste von der Schule abgehen, flüchtete nach West-Berlin und begann mit dem Architektur-Studium.

Mit 41 Jahren trat die Gutsherrin aus dem niedersächsischen Grabow das erste Mal auf die politische Bildfläche. Sie hatte 1977 gemeinsam mit anderen Widerständlern aus Gorleben die Stimme gegen die Lagerung von atomarem Müll erhoben. Damals war die Entscheidung, Gorleben als Zwischenlager zu erkunden, gefallen. Unerschrocken, couragiert und geradeaus machte sie seitdem Politik.

Ein Castor-Transport unter Polizeischutz im Jahr 1997
REUTERS

Ein Castor-Transport unter Polizeischutz im Jahr 1997

Schon 1979 wurde Undine von Blottnitz deshalb verurteilt. Gemeinsam mit ihrem Mann Fritz hatte sie mittels Blockaden demonstriert und war zu einer Geldstrafe verurteilt worden. Trotzdem arbeitete sie weiter in der Bürgerinitiative "Bäuerliche Notgemeinschaft", bei der sie über Jahre die Kasse führte. Bei keiner Demo in Lüchow-Dannenberg fehlte die grüne Adelige.

Die Karriere von Undine von Blottnitz erinnert die Grünen gerade dieser Tage an ihren Ursprung. Aus Bürgerinitiativen wie der rund um Gorleben rekrutierten die jungen Grünen damals ihre Mitstreiter, um aus den Einzelkämpfern eine Bewegung zu schmieden. Auch Undine von Blottnitz gehörte damals zu den Gründungsmitgliedern. Und auch in einem weiteren urgrünen Thema war von Blottnitz eine Vorreiterin: Von Beginn an versuchte sie, auch die Frauen in die Initiativen zu bringen, eine Feministin im wörtlichen Sinn wollte sie aber nie sein.

Für die Grünen im EU-Parlament

Eine politische Laufbahn wollte von Blottnitz eigentlich nie antreten, doch als eine Kandidatin für das EU-Parlament gesucht wurde, sagte sie schließlich zu. Für die Grünen saß die resolute Dame zwei Wahlperioden im Europäischen Parlament, Fachgebiet: Anti-Atom- und Energiepolitik, Verbraucherschutz und Ökologie.

Als sachkundige Berichterstatterin überzeugte von Blottnitz in Straßburg und Brüssel, wenn es um die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl oder um erneuerbare Energien ging. Europaweit machte der von ihr initiierte Untersuchungsausschuss zur Ermittlung des Skandals um die Hanauer Plutoniumfabrik Schlagzeilen.

Widerstand modern im Jahr 2001
AP

Widerstand modern im Jahr 2001

Im Jahr 1996 erhielt sie für ihre politische Arbeit vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog das Bundesverdienstkreuz für "die Vermittlung politischer Grundwerte". Doch auch während der in Formalien gezwängten Verleihung verlor von Blottnitz nicht ihren Witz. Dass der CDU-Innenminister sie und die anderen Atom-Gegner als "unappetitliches Pack" bezeichnet hatte, wollte sie nicht auf sich sitzen lassen. "Nett, dass der Bundespräsident nun eine Frau aus dem Pack ausgezeichnet hat", spöttelte sie.

Nicht nur diese Bemerkung brachte die politischen Gegner von damals auf die Palme. Lauthals beschwerten sich Unionspolitiker, aber auch Liberale, beim Bundespräsidenten. Sie habe zu Anschlägen auf Bahnstrecken aufgerufen und habe ein grundsätzlich schiefes Demokratieverständnis.

Von Trittin verraten

Immer wieder meldete sich Undine von Blottnitz in Sachen Gorleben zu Wort. Am Ende war sie fast die Einzige, die noch mit grünem Parteibuch gegen das Zwischenlager protestierte. "Herr Trittin hat die gesellschaftlichen Werte, für die wir gemeinsam mit ihm gekämpft haben, verraten", sagte sie wenige Tage vor ihrem Tod.

Die Abkehr der grünen Partei von ihren Wurzeln aus Bürgerbewegungen und Umweltinitiativen machte von Blottnitz bitter. "Wenn wir die endgültig verlieren, haben wir viel verschenkt", sagte sie.

Mit Undine Bloch von Blottnitz verlieren die Grünen nicht nur eine Leitfigur. Beim Parteirat wurde der Tod der Mitstreiterin als "großer Verlust" bedauert. "Sie wird in dem Herz der Partei bleiben", sagte der Parteivorsitzende Fritz Kuhn.



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