Politische Borniertheit Alles Nazis außer mir

Je gebildeter jemand ist, desto vorurteilsfreier blickt er auf die Welt - so die populäre Annahme. Experimente von Psychologen zeigen, dass genau das Gegenteil wahr zu sein scheint. Erklärt das den Zustand des politischen Diskurses?

Webseite "unfollowme.org" (Screenshot)

Webseite "unfollowme.org" (Screenshot)

Eine Kolumne von


Eine der seltsamsten Kampagnen, die ich in letzter Zeit beobachtet habe, trägt den Namen "#unfollowme". Die Idee dabei ist, Menschen, die im Netz aktiv sind, dazu zu bewegen, anderen Menschen zu sagen, dass sie ihnen nicht länger auf Twitter, Instagram oder Facebook folgen sollen. Das Kriterium für die Bitte um Entfolgung ist die politische Gesinnung. "Lass uns gemeinsam ein starkes Zeichen gegen Rechts setzen!", heißt es auf der Webseite der Initiatoren. "In Social Media ist es wie im Real Life - Fremdenfeindlichkeit und Rassismus im Freundeskreis will keiner."

Einer der ersten prominenten Unterstützer der Kampagne war der ehemalige Kanzlerkandidat der SPD, Martin Schulz. In einem Tweet forderte er Twitter-Nutzer dazu auf, nichts mehr von ihm zu lesen, sollten sie bei rechten Demos mitmarschieren. Lässt sich der Wandel des politischen Klimas besser auf den Punkt bringen? Früher waren Politiker stolz, auch Menschen zu erreichen, die sich politisch verirrt hatten. Heute brüsten sie sich damit, keinen Kontakt zu den falschen Leuten zu unterhalten.

Im Grunde handelt sich bei #unfollowme um einen Separatismus, wie ihn auch die sogenannten Identitären propagieren: Statt hinzunehmen, dass sich fremde Menschen begegnen, plädiert man dafür, Kulturräume strikt getrennt zu halten, damit sich nichts mehr vermischt. Dankenswerterweise gibt es sogar Apps, die einem herauszufinden helfen, wer einem nicht mehr folgt.

Ich habe seit Längerem den Eindruck, dass es vielen Leuten bei ihrem politischen Engagement in erster Linie um Exklusivität geht. Im Gegensatz zu dem, was die Vertreter des Multikultis sagen, hat es durchaus Vorteile, wenn man unter sich bleibt, das gilt auch für den Meinungskampf.

Man ist vor Überraschungen geschützt, wozu ja auch unangenehme Meinungen gehören. Man hört im Wesentlichen, was einen in seiner Haltung bestätigt, und stärkt so das Selbstwertgefühl. Vor allem hilft die Abschottung, Überlegenheit zu demonstrieren: Wir sind "die Vielen", wie eine Erklärung des deutschen Kulturbetriebs heißt - die anderen sind die Nazis und Deppen.

"Intelligenz und Bildung begünstigen nicht Selbstkritik und Erkenntnisfähigkeit"

Sozialwissenschaftler haben einen Fachbegriff für diese Form sozialer Distinktion. Sie sprechen von "Virtue Signalling". Schlüsselbegriffe und -formeln wie "#unfollowme" oder - aktuell - "Nazis raus" funktionieren dabei wie Tattoos oder auffällige Piercings: Man signalisiert Gleichgesinnten, dass man auf der richtigen Seite steht. Dass es meist bei der Geste bleibt, kann man kritisch sehen, läuft aber als Vorwurf ins Leere. Der Sinn von Identitätsmarkern ist ja eben das: Identitäten zu markieren. Deshalb wäre es zum Beispiel auch völlig unsinnig, einen Fahrensmann wie Sascha Lobo zu kritisieren, dessen Texte im Wesentlichen der Tugend-Anzeige dienen.

Der Mensch ist nicht für die unparteiische Betrachtung der Wirklichkeit gemacht, das vielleicht zur Erklärung. Wir halten uns für rational urteilende Wesen. In Wahrheit sind wir Herdentiere, deren Hirne so ausgelegt sind, dass wir immer Gründe finden, warum der Stamm, dem wir angehören, besser und gescheiter als andere Stämme ist. Die Voreingenommenheit ist ein Erbe der Geschichte unserer Sesshaftwerdung, bei der es sich für das Überleben einer Gruppe auszahlte, wenn die Kohäsionskräfte besonders ausgeprägt waren.

Angeblich sind gebildetere Menschen eher in der Lage, eine Situation vorurteilsfrei zu beurteilen, so glauben sie jedenfalls. Wie ich der "FAS" entnehme, scheint das Gegenteil richtig zu sein. Dort wird von einem Experiment berichtet, in dem Psychologen Probanden baten, zu einer strittigen Frage alle denkbaren Pro- und Contra-Argumente zu benennen, unabhängig von deren Güte. Den meisten fielen sehr viel mehr Argumente ein, die die eigene Position stützten, was zeigt, dass uns Vorurteilsfreiheit nicht angeboren ist.

Wie der Harvard-Professor David Perkins zu zeigen vermochte, konnten Studenten insgesamt mehr Argumente zu Papier bringen als Nichtakademiker, allerdings blieb die Zahl der Gegenargumente unverändert. Der Hang zur Rechthaberei nimmt also, das muss man daraus folgern, mit dem Grad der Bildung nicht ab, sondern zu. Oder wie der Evolutionspsychologe Leander Steinkopf schreibt: "Intelligenz und Bildung begünstigen nicht Selbstkritik und Erkenntnisfähigkeit, sie verstärken, was ohnehin im menschlichen Gehirn steckt: kognitive Verbohrtheit."

Der Mensch ist Opportunist, auch das gehört zur anthropologischen Wahrheit

Man sollte nicht naiv sein. Man wird Rechtsradikale nicht dazu bringen, von ihren Überzeugungen abzulassen, indem man ihnen den Dialog anbietet, so wie man auch einen radikalen Tierschützer oder einen Anhänger von "Cuba Sí" nicht durch Gesprächsbereitschaft umstimmen wird. Die menschliche Vernunft ist so beschaffen, dass sie jedes Schlupfloch nutzt, um an der einmal gefassten Meinung festhalten zu können. Aber zwischen Radikalen und ideologisch motivierten Menschen gibt es einen Graubereich, in dem zumindest friedliche Koexistenz möglich ist.

Kaum etwas bringt AfD-Anhänger so verlässlich auf die Palme wie der Vorwurf, sie seien Nazis. Selbst Nazis reagieren mitunter empört, wenn man sie Nazis nennt, was mir zeigt, dass offenbar selbst sehr rechts eingestellte Menschen mit der Mehrheitsgesellschaft bestimmte moralische Werte teilen.

Ein echter Rassist dürfte keinen Anstoß daran nehmen, dass man ihn einen Rassisten nennt - so wie es kein überzeugter Nationalsozialist als Beleidigung empfunden hätte, als Judenhasser zu gelten. Man kann einwenden, dass die Empörung gestellt ist, es tatsächlich also nur darum geht, einem Vorwurf zu begegnen, von dem man vermutet, dass er einem im Meinungskampf schadet. Aber ich glaube, so ist es nicht. Die Empörung ist echt.

Der Mensch ist Opportunist, auch das gehört zur anthropologischen Wahrheit. Der Opportunismus hat einen schlechten Leumund, dabei kann er für den Zusammenhalt einer Gesellschaft durchaus zweckdienlich sein. Warum hat die Überführung des nationalsozialistisch verseuchten Deutschlands in ein demokratisches Gemeinwesen funktioniert? Weil sich die überwiegende Zahl von Nazis nach dem Krieg dem demokratischen Zeitgeist angepasst hat.

Demokratische Wandlung setzt allerdings voraus, dass politisch Versprengten erlaubt wird, sich zu besinnen. Man kann Menschen auch in die Selbstradikalisierung treiben, indem man ihnen sagt, dass man sie für den letzten Dreck hält.

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insgesamt 404 Beiträge
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Seite 1
interessierter10 24.01.2019
1. Wie abgedreht ist das denn?
Kein Sadist nennt sich selbst Sadist... Was versucht Fleischhauer da zu rechtfertigen?
syracusa 24.01.2019
2. schlimm, wenn's anders wäre
Fleischhauer-Zitat: "Der Hang zur Rechthaberei nimmt also, das muss man daraus folgern, mit dem Grad der Bildung nicht ab, sondern zu." Das, Herr Fleischhauer, hoffe ich aus tiefstem Herzen. Wozu sonst wäre Bildung denn gut als genau dazu, weniger Fehler als andere zu machen, also öfter als andere recht zu haben?
isi-dor 24.01.2019
3.
Es war klar, dass Fleischhauer Herrn Lobo antworten muss, irgendwie. Aber genauso klar war, dass es wieder unreflektiertes Geschreibsel sein wird...
DougStamper 24.01.2019
4. Rein theoretisch
Ist der Gedanke ja wahr. Es bringt aber einfach 0 Punkte bei afd‘lern die andere Wange hinzuhalten, da die sich nur über gutmenschen und co empören. Reiche ihnen den kleinen Finger und sie nehmen sich die ganze Hand. Appeasment gegen Rechts funktioniert nicht. Klare Kante. Auf das vielleicht einer der „verlaufenen“ merkt das er abseits des Pfades wandelt. Auch wenn ich hier anecke, mmn ist die Stigmatisierung noch viel zu sanft.
ggneba 24.01.2019
5. Danke, Herr Fleischhauer
"Wir sind die Vielen" - das ist mir irgendwie sauer aufgestoßen. Auch das städtische Theater, für das ich ein Abo habe, informierte mich neulich schriftlich, dass man sich den "Vielen" angeschlossen hätte. Mein erster Impuls war, mein Abo zu kündigen. Ich habe diesem Impuls zwar nicht nachgegeben, ich möchte aber nicht zwangseingemeindet werden in "die Vielen", sondern ich möchte meine differenzierte Meinung (hinsichtlich des Migrationsthemas) behalten. Im Übrigen kenne ich sehr viele Menschen, deren Position sich von meiner Position nicht wesentlich unterscheidet. Wer sind wir? Die Nazis, die Fremdenhasser, die Ewiggestrigen? Ich bin wohl weder das Eine noch das Andere, aber wenn ich nicht zu den "Vielen" gehöre(n will), scheine ich es doch zwangsläufig zu sein. Wo führt uns dieses grobe Muster noch hin? Ich gebe Herrn Fleischhauer mit seiner Analyse vollkommen recht.
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