Uni Marburg Kohl verzichtet auf Ehrung

Helmut Kohl sollte als "Vater der deutschen Einheit" durch die Marburger Philipps-Universität geehrt werden. Doch nach Protesten der Studentenvertreter verzichtet der Altkanzler auf die Auszeichnung.

Von Almut Hielscher


Preisträger Kohl: 10.000 Euro für den "Vater der deutschen Einheit"
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Preisträger Kohl: 10.000 Euro für den "Vater der deutschen Einheit"

Frankfurt - Er wolle wegen der am 25. September geplanten Preisverleihung nicht in eine öffentliche Diskussion geraten, teilte Kohl in einem Schreiben an die juristische Fakultät der Universität mit.

Ein Kohl nahe stehender Professor hatte die Vergabe des mit 10.000 Euro dotierten Savigny-Preis der Marburger Juristen an Kohl bekannt gegeben - ohne Einwilligung des zuständigen Uni-Gremiums. Die Einladungskarten mit dem Konterfei des Marburger Rechtswissenschaftlers Friedrich Carl von Savigny (1779-1861) waren bereits verschickt, die Aula der Alten Universität schon gebucht. Ex-Bundespräsident Roman Herzog hatte schon vor Wochen zugesagt, die Laudatio zu halten.

Die Studentenvertreter hatten für den Tag der Preisverleihung zu Protestkundgebungen aufgerufen. Und nicht nur der Asta der Uni, sondern auch Professorenkollegen vermuteten hinter der Wahl Kohls eine parteipolitische Kungelei ersten Ranges.

"Schließlich ist Helmut Kohl in jüngster Vergangenheit nicht gerade durch sonderliche Rechtstreue in Erscheinung getreten", hatte der Asta-Vorsitzende Daniel Schneider protestiert. Der Ex-Kanzler breche permanent das Parteiengesetz, indem er die Millionenspender nicht nenne und verstoße damit gegen das Verfassungsgebot der Rechenschaftspflicht der Parteien. Stattdessen kaufe er sich durch die Zahlung von 300.000 Mark aus seinem Ermittlungsverfahren frei. "Es ist absurd", so Schneider, "einem solchen Mann den Preis der Rechtswissenschaften zu verleihen. Der Ruf unserer Uni wird darunter leiden."

Einsamer Beschluss eines Juristen

Kohl-Gönner Pohl ernannte schon so manchen Ex-CDU-Minister in seinen Beirat
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Kohl-Gönner Pohl ernannte schon so manchen Ex-CDU-Minister in seinen Beirat

Neben den politischen Zweifeln am rechten Preisträger wuchs auch die Kritik am Auswahlverfahren. So hätte Ende des Monats der Fachbereichsrat der Juristen (sieben Professoren, drei wissenschaftliche Mitarbeiter, drei Studierende) dem Preisträger mit Zwei-Drittel-Mehrheit nachträglich zustimmen müssen. Das schreibt die Rahmenregelung der Uni "zur Auszeichnung von Personen" von 1997 zwingend vor. Doch die Wahl Kohls für den Savigny-Preis, der in diesem Jahr zum ersten Mal vergeben wird, war ein einsamer Beschluss des Dekans der Juristen: Professor Steffen Detterbeck, ein Experte des Öffentlichen Rechts, behauptete, diese Vorschrift nicht zu kennen.

Der Asta reichte gegen ihn eine Dienstaufsichtsbeschwerde ein. Auch der Präsident der Universität wollte das Verfahren beanstanden. Dekan Detterbeck bleibt jedoch uneinsichtig. "Nach meiner Überzeugung liegt kein Verfahrensfehler vor", teilte der Jurist schriftlich mit.

Das Spendengeld, das nach Absprache mit Kohl wiederum der juristischen Fakultät zufließen sollte, kommt aus der Wirtschaft und ist von der Dr. Reinfried Pohl Stiftung vermittelt worden, die auch die Festveranstaltung zur Preisverleihung sponsert. Reinfried Pohl, Chef der Deutschen Vermögensberatung AG (DVAG), hat eine besondere Beziehung zur Marburger Universität.

Freunde unter sich: Altkanzler Kohl und sein Gönner Reinfried Pohl auf der Homepage der Deutschen Vermögensberatung

Freunde unter sich: Altkanzler Kohl und sein Gönner Reinfried Pohl auf der Homepage der Deutschen Vermögensberatung

Der Firmenpatriarch und Multimillionär, der zu Kohls engsten Freunden gehört, hat nicht nur in Marburg Jura studiert. Im Oktober 1998 erhielt er die Ehrensenatorwürde der Alma Mater, nachdem er mit einer großzügigen Spende von mehreren Millionen Mark bei den Juristen eine Forschungsstelle für Finanzdienstleistungen finanzierte. Im vergangenen Herbst machte Pohl Altkanzler Helmut Kohl zum Vorsitzenden des Beirats seiner DVAG, in dem schon so prominente Unionspolitiker wie Ex-Innenminister Manfred Kanther, die Ex-Finanzminister Gerhard Stoltenberg und Theo Waigel, Ex-Kanzlersamtsminister Friedrich Bohl oder Ex-Kohl-Sprecher Friedhelm Ost Unterschlupf fanden.

"Wer den Preis bekommt, das bestimmt allein der Fachbereich", behauptete Friedhelm Ost, Generalbevollmächtigter der DVAG. "Wenn es Preisgeld gibt, dann kommt das von der Forschungsstelle für Finanzdienstleistungen an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Marburg". Die aber, daraus machte Ost keinen Hehl, kriegt Geld von der Pohl-Stiftung.



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