Union "Anden-Pakt" nimmt Friedrich Merz auf

Koch, Wulff und jetzt auch Merz - im sagenumwobenen Geheimbund "pacto andino" sammeln sich die Gegner von CDU-Chefin Angela Merkel. Derzeit üben sich die Herren in tückischer Loyalität. Doch sie bleiben Merkels schärfste Opposition.


Berlin - Am vorletzten Oktoberwochenende war es wieder so weit. Generalsekretär Bernd Huck hatte zum Jahrestreffen gebeten. Der "Anden-Pakt", Deutschlands mächtigste Polit-Loge, traf sich vertraulich in Berlin. Zu den Mitgliedern gehören Spitzenleute der CDU wie die Ministerpräsidenten Christian Wulff und Roland Koch, der designierte Verteidigungsminister Franz-Josef Jung und Außenpolitiker Friedbert Pflüger, aber auch Helden von gestern wie der ehemalige Bundesverkehrsminister Matthias Wissmann oder Schöngeister wie Wulf Schönbohm.

Offizielle Aufnahme in den Anden-Pakt: CDU-Finanzexperte Merz
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Offizielle Aufnahme in den Anden-Pakt: CDU-Finanzexperte Merz

Seit Neuestem ist auch Friedrich Merz dabei. Dem Kreis seit Jahren freundschaftlich verbunden, wurde der Finanzpolitiker jetzt offiziell aufgenommen. Merz, von SPIEGEL ONLINE um eine Stellungnahme gebeten, mochte sich dazu nicht äußern.

Mit der Aufnahme von Merz, so höhnte ein Sympathisant, seien alle wichtigen CDU-Politiker im Anden-Pakt versammelt, bis auf eine. Sämtliche Putschgelüste des Westmännerkreises gegen die Vorsitzende wurden auf dem Treffen jedoch gebremst. Es gebe vorerst nur eine strategische Linie, so lautete die Mehrheitsmeinung: unbedingte Loyalität mit Angela Merkel. Im Falle eines vom Zaun gebrochenen Streits verlören alle.

Serviette als Gründungsurkunde

Der sagenumwobene "pacto andino" existiert bereits seit 1979. Damals beschlossen karrierebewußte Jung-Unionisten während einer Bildungsreise der Konrad-Adenauer-Stiftung, ein Bündnis zu schmieden, das auf einem Grundsatz fußte: Mitglieder sollten weder gegeneinander kandidieren noch in der Öffentlichkeit allzu schlecht übereinander reden. Der Pakt wurde bei einer Flasche zollfreien Whiskys der Marke Chivas Regal beschlossen, hoch über den Anden, auf dem Nachtflug VA 930 von Caracas nach Santiago de Chile. Als Gründungsurkunde diente eine Serviette der Fluglinie Viasa. Launige Kernforderung: "Mehr Ambiente in der Politik."

Aus der Jungenbande von einst ist ein mächtiger Männerbund geworden, westlich, vorwiegend katholisch, CDU pur eben. Ostfrau Angela Merkel ist in diesem Kreis weder kulturell noch historisch verankert. Ein Vorstoß Pflügers, die Partei-Vorsitzende mal wieder einzuladen, wurde unlängst mehrheitlich abgelehnt. Vom ersten und einzigen Treffen vor drei Jahren haben die Teilnehmer nur die frostige Atmosphäre in Erinnerung.

Der kulturelle Graben zwischen dieser "boy group" und Merkels "girls camp" zieht sich mitten durch die aktuelle Politik. Auffällig hielten sich die Paktbrüder vor dieser Bundestagswahl mit ihren Berliner Ambitionen zurück. Lediglich Gründungsmitglied Jung wird wohl in ein Kabinett der mutmaßlichen Kanzlerin eintreten. Der Vertraute Roland Kochs wird in Berlin als Späher und Fernmelder des Paktes betrachtet. Und Anden-Bruder Friedbert Pflüger geht möglicherweise als Staatssekretär ins Verteidigungsministerium.

Anden-Pakt-Brüder Koch und Wulff: "Mehr Ambiente in der Politik"
AP

Anden-Pakt-Brüder Koch und Wulff: "Mehr Ambiente in der Politik"

Ein klarer Anti-Merkel-Kurs wird von den Logen-Brüdern derzeit allerdings nicht verfolgt. Getreu des alten Kohl-Mottos von Geschlossenheit als oberster Maxime warten die Männer geduldig auf ihre Chance. Fraglich ist, wie stabil die über 20 Jahre alten, unter Studenten beschlossenen Nichtangriffs-Abmachungen sein mögen. Schließlich spekulieren sowohl Wulff als auch Koch auf eine mögliche Kanzlerschaft nach der Ära Merkel.

Bis heute ist der Anden-Pakt nicht nur ein politischer Zusammenschluss, sondern auch eine Reisegruppe. Generalsekretär Huck organisiert jährlich wechselnde Ausflüge in alle Welt mit zuweilen abenteuerlichen Erlebnissen. Auf einer Reise nach Caracas wurde unlängst Frau Jung auf offener Straße die Handtasche entrissen. Während Gatte Franz-Josef die Verfolgung unter lautstarken hessischen Verwünschungen aber letztlich erfolglos aufnahm, schlug sich der diplomatisch versierte Pflüger in die Büsche. Seitdem heißt er im Pakt "der Verteidigungsbeauftragte".



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