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Union: Das schleichende Ende der Volkspartei

Von Franz Walter

Die Union steckt in der Krise: Es ist der Schwund der Bürgerlichkeit, der den Konservativen zu schaffen macht. Das Bürgertum, wie wir es kannten und wie es über vierzig Jahre in der Bundesrepublik politisch hegemonial war, befindet sich im Auflösungsprozess.

Und wieder gingen in diesen Tagen die Umfragewerte der CDU/CSU um ein Prozent zurück. Wenig sprich für ein Zwischentief, viel für einen langfristigen Absenkungsprozess der früheren bundesdeutschen Hegemonialpartei. Die gegenwärtige Krise der CDU, ihr tiefgreifendes Orientierungsproblem und ihre Schwierigkeiten mit einer konsistenten Reformpolitik, all das ist Ausdruck und Resultat einer langen Geschichte - die bei Konrad Adenauer anfing, sich mächtig bei Helmut Kohl fortsetzte und nun bei Angela Merkel angekommen ist. Es ist zugleich die Geschichte der Entbürgerlichung der deutschen Republik, betrieben von der großen Partei des Bürgertums selbst.

Erzählen wir also diese Geschichte. Beginnen wir mit dem ersten deutschen Bundeskanzler. Konrad Adenauer war ein bereits hochbetagter, denkbar misstrauischer Mann, als er vom Palais Schaumburg aus die Republik regierte. Der Alte aus Rhöndorf traute seinen Mitmenschen nicht über den Weg, gab nichts auf deren Rationalität und gutdemokratische Berechenbarkeit. Seine polit-anthropologische Devise lautete vielmehr: Es kommt darauf an, ein Volk ruhig zu stellen, es ordentlich zu saturieren, seinen materiellen Bedürfnissen großzügig entgegenzukommen. Auf einem solchen Fundament lassen sich Wahlen gewinnen und ungestört vernünftige Politik - vor allem Außenpolitik – betreiben.

Infolgedessen zeigte sich Adenauer in Wahljahren stets höchst spendabel. Es waren goldene Jahre für die Verbände und Interessenvertreter aller Richtungen. Sie bekamen, was sie bei ihren Aufmärschen im Kanzleramt forderten: Subventionen für die Bauern, Unterstützung für den Mittelstand, Steuervergünstigungen für die Industriellen, Entschädigungen für die Kriegsversehrten, Renten für die Alten, Prämien für die Bausparer. Mit Adenauer begann die Gefälligkeits- und Domestizierungspolitik, mehr noch: die Entbürgerlichung der Republik. Immer wieder protestierten die bürgerlich-marktliberalen Wirtschaftsexperten in der CDU-Fraktion und im Bundeskabinett gegen Adenauers Ruhigstelletatismus. Sie fürchteten, dass die bürgerlichen Tugenden dabei zu Schaden kamen, dass der Sinn für Selbstvorsorge und Eigenverantwortung im Volk verloren ging. Doch das beeindruckte Adenauer nicht im geringsten, er hielt die bekennenden prinzipiellen Wirtschaftsliberalen – den "Herrn Erhard", seinen heute noch in CDU-Kreisen gern gepriesenen Wirtschaftsminister vorneweg – allesamt für verblasene Idealisten.

Für Helmut Kohl waren das wichtige Jahre. Er hatte genau beobachtet, mit welchen Methoden Konrad Adenauer lange die Macht festgehalten hatte. In vielerlei Hinsicht war Kohl tatsächlich der "politische Enkel" Adenauers, als welchen er sich selbst gern bezeichnet hat. Adenauer und Kohl waren beide ungemein zäh. Beide arbeiteten so beharrlich wie geduldig auf ihr Ziel hin. Beide kannten nicht den intellektuellen Zweifel an den Grundaxiomen ihrer Politik; sie waren beide ideologisch gleichgültig und daher große bewegliche Pragmatiker. Und: Sie trauten beiden den Wählern nicht allzu viel Altruismus oder gar bürgerliche Selbständigkeit zu, achteten daher mit Argusaugen darauf, dass die versorgungsstaatlichen Alimentationen flossen. Kurzum: Adenauer und Kohl waren beide Gefälligkeitspolitiker. Geld - "Bimbes", wie es in der Sprache von Helmut Kohl hieß - war für sie ein wichtiges Schmiermittel zur Herstellung von Loyalitäten und zur Absicherung von Politik - bei beiden wieder vor allem: der Außenpolitik.

Doch entbürgerlichte Kohl dann in seiner Amtszeit die CDU in einem Maße, wie das unter Adenauer eher schwer vorstellbar gewesen wäre. Dabei halfen ihm seine späteren Hauptrivalen, Kurt Biedenkopf und Heiner Geißler, kräftig mit. Denn sie transformierten die CDU von einer Sammlung bürgerlicher Honoratiorenwelten zu einer Mitglieder-, Apparat- und Funktionärspartei. Sie versozialdemokratisierten die CDU organisatorisch. Für die alte sozialdemokratische Facharbeiterbewegung war dieser Organisationstypus durchaus angemessen. Er gab einer zunächst randständigen, politisch benachteiligten Bewegung Schlagkraft, und er vermittelte über Funktionärpositionen begabten Kadern der unteren Schichten Aufstiegsmöglichkeiten zumindest im eigenen Subsystem. Das Bürgertum dagegen hatte das alles nicht nötig. Für das Bürgertum bedeutete ein schlecht bezahlter Funktionärsposten lediglich der soziale Abstieg. So entfernten und entfremdeten sich seit den 70er Jahren gerade die bürgerlichen Eliten von der neuen Funktionärsschicht der großen bürgerlichen Partei.

Aber eben diese Schicht der Parteibürokratie wurde zum Fundament der innerparteilichen Herrschaft Kohls. Eine großartige bürgerliche Karriere jenseits der Parteistrukturen hatten viele aus dieser Gruppe nicht zu erwarten. Gerade das machte sie – wenngleich natürlich nicht alle - abhängig von der Gunst des Vorsitzenden, deshalb waren sie ihm loyal ergeben, versorgten ihn mit Informationen über Freund und Feind, sammelten für ihn Stimmen und Truppen, setzten seine Order an der Basis um.

Die durchmodernisierte Parteiorganisation - Struktur und Unterbau des "System Kohl" - unterminierte letztlich die früheren autonomen bürgerlich-konfessionellen Milieus, Lebenswelten und Heimat der christdemokratischen Sammlung. Eben deshalb findet die CDU heute keinen weithin renommierten Repräsentanten des Protestantismus, keinen politisch begabten Nationalkonservativen, kaum einen jungen und zeitgemäßen Sozialkatholiken mehr. Die Talente dieser früheren Milieus haben sich überwiegend längst aus der Politik verabschiedet, haben der christdemokratischen Stromlinienförmigkeit und Apparathaftigkeit den Rücken gekehrt. Nur deshalb konnte sich Kohl so lange halten, weil ihm keine selbstbewussten bürgerlichen Honoratioren mit Einfluss in der CDU zielstrebig aufs Altenteil zu schicken wagten, als es allmählich an der Zeit war. Es gab diese eigenständigen, politisch hartgesottenen, energischen Honoratioren nicht mehr in der CDU. Deren Nachwuchs war in der Wirtschaft, nicht mehr in der Politik, nicht mehr in der Partei. Es gab dort überwiegend subalterne Geschäftsführer, die omnipräsenten Juristen und einige öffentliche Dienstler, welche die Patronagemöglichkeiten des Kanzlers und CDU-Chefs nutzten und ihn daher treue Gefolgschaft leisteten.

Im Grunde ist es der Schwund der Bürgerlichkeit überhaupt in der Gesellschaft, was der CDU zu schaffen macht. Es gab in den letzten Monaten in den deutschen Feuilletons eine Reihe von Beiträgen über die Renaissance der Bürgerlichkeit. Doch mindestens ebenso viel spricht dafür, dass sich das Bürgertum, wie wir es kannten und wie es über vierzig Jahre in der Bundesrepublik politisch hegemonial war, als eindeutig charakterisierte Sozialformation eher in einem Auflösungsprozess befindet.

Als politische Einheit wurde es lange geprägt und zusammengehalten durch den sozialistischen Gegner. Hinzu kamen einige kulturell einheitsstiftende Werte wie Fleiß, Arbeitsdisziplin, humanistische Bildung, Distinktion, Diskretion, Sparsamkeit, auch die Orientierung auf die Familie, die Heimat, die Nation, die Religion. Diese Bürgerlichkeit ist weitgehend Vergangenheit. Der alte linke Gegner ist fort; die herkömmlichen bürgerlichen Werte sind durch eine amorphe und instabile Neumittigkeit ersetzt, in der weder Diskretion noch humanistische Bildung, weder Heimat noch Religion eine konstitutive Rolle spielen - und in der lärmenden, geschichtslosen Neumittigkeit, die an die Stelle alter Bürgerlichkeit einer etablierten Eigentümerklasse getreten ist, hatte jemand wie Gerd Schröder, hat nun ein Mann wie Guido Westerwelle kongenial Platz genommen. Zumindest sind alle die klassischen Bürgertumswerte gerade zwischen den Generationen und eben auch im christdemokratischen Anhang strittig geworden. Der normative Konsens darüber jedenfalls, der die CDU trotz aller sozialen Heterogenität lange so geschlossen wirken ließ, ist zerbrochen. Global engagierte Wirtschaftsbürger denken anders als lokalistische Kleinbürger; ländliche Katholiken differieren von säkularisierten Metropolbürgern.

Und die wahlpolitische Maläse der CDU setzte folgerichtig ein, als die bürgerlichen Mitte-Mentalitäten zentrifugal auseinander gingen. Erst kehrten die neuakademischen Schichten aus den Humandienstleistungssektoren dem altbürgerliche Lager den Rücken. Dann setzten sich jungen dauerbetriebsamen bürgerlichen Eliten von den eher sesshaften und besitzstandswahrenden Kleinbürgern traditioneller Provenienz ab. Das eine floss in den Postmaterialismus, das andere nährte den Neuliberalismus; zusammen schwächte es die klassische christliche Demokratie.

Infolgedessen fiel die CDU/CSU dreimal hintereinander unter die 40 Prozent-Marke. Auf diese Weise schreitet die Erosion gar weiter fort. Und so beginnt die Union allmählich den Status der Volkspartei zu verlieren.

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Forum - Neue Bürgerlichkeit - nur ein Missverständnis?
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1.
Haio Forler 15.06.2006
---Zitat von sysop--- Diskutiert und feuilletonistisch bestaunt: Die vermeintlich neue Bürgerlichkeit in Deutschland. Hat der Autor Recht: Ist die so genannte neue Bürgerlichkeit in Wahrheit die alte Kleinbürgerlichkeit? ---Zitatende--- In unsicheren Zeiten religioeser und politischer Globalisierung und Aufloesung nationaler Identitätsstiftung ist es nur absehbar, dass eine Gegegenbewegung stattfindet, teils 'echt', teils herbeigeredet und herbeigewünscht. Da wird es dann auch moderne Wegelagerer geben, die dies in bare Münze umzusetzen versuchen. Die neue Bürgerlichkeit - was auch immer man darunter verstehen mag - wird nicht besser oder anderes sein als die 'alte'.
2. Hat der Autor Recht...
Stephan Jansen, 15.06.2006
.....Ist die so genannte neue Bürgerlichkeit in Wahrheit die alte Kleinbürgerlichkeit? Ich gehe davon aus, er wusste gar nicht so Recht, wass er da schrieb; schrottiger Artikel gewürzt mit der altklugen 'Lebenserfahrung' eines (um die 30) jährigen. Passt's?
3.
Mixolydian, 15.06.2006
Das ist doch alles ein gaaanz alter Hut *gähn*. Da gibt es das Buch von Paul Nolte und jede Menge Feuilletonartikel, die teilweise schon zwei Jahre alt sind. In dem Artikel steht nichts, aber auch gar nichts neues. Diese Debatte brauch kein Mensch...
4. weitere welten
hans hoch, 15.06.2006
der artikel ist sehr gut,trifft aber nicht alles. es gibt noch andere welten. der staat funktioniert nicht mehr so, wie es mal gedacht war.es gibt einen immer grösseren kreis, der weder zum proletariat noch zum grossbürger/kleinbürgertu gehört.das ist das kriminelle milieu-dem alle strömungen egal sind und teilweise recht gut und unbehelligt lebt, weil der staat überhaupt nicht mehr in der lage ist, dies zu verfolgen.deshalb wird dieser kreis weiter hohe zuwachsraten -nachahmer/mitspieler haben-allen gegenteiligen beteuerungen und statistiken zum trotz. nur wer skrupellos seine ellbogen zu seinem vorteil einsetzt, kann aus gut leben.warum nicht schmuggeln,menschenhandel,klauen,erpressen,insiderhandel,sozialbetrug,veruntreuung,vorteilsnahme,korruption,steuer-und subventionsbetrug,unerlaubter aussenhandel.zu allen gehört ein netzwerk,finesse und wertefreiheit.diese leute lachen über die bürger, ob mit oder ohne manieren oder solidarität. eine andere sozialkategorie sind dann noch die bewussten minimalisten-eine eher seltene spezies.auch diese leute werden auf ihre art und weise glücklich. bürgerlichkeit oder neue bürgerlichkeit,asoziale lebensform, minimalist-alles egal-gibt es immer wieder,wiederholt sich in jeder generation-wie modeerscheinung-alles kampfweisen der überlebensstrategie-bewusst oder unbewusst.
5. Kleine Burg, grosse Burg...Bürgerlichkeit ist immer Form der Ausgrenzung
donald doug 15.06.2006
Eine Burg ist eine Festung. Erbaut durch Angst vor Anderen und anders Gesinnten. Bürgerlichkeit, ganz gleich ob gross oder klein, neu oder alt, erzählt daher nie eine Geschichte von Freiheit, sondern immer von Angst und Abgrenzung. Freiheit ist offen, verabscheut Behinderungen, Mauern jeder Art. Auch die der Burgen, die die Bürger eingrenzen soll. Oder Beschützen, wie die Meisten meinen. Bürgerlichkeit basiert daher auf Angst vor dem, was man nicht kennt, da man nicht damit aufgewachsen ist, es nicht versteht oder erkennen kann. Von hoch oben auf der Burg schaut man herab über das Land ausserhalb der Mauern. Man betrachtet die Oberfläche des Umlandes und fürchtet sich, denkt, dass das eigene Mauerwerk die Fremde und das Unbekannte und Unberechenbare auf Abstand halten kann. Was für ein Irrtum. Bürgerlichkeit erzählt daher immer eine Geschichte der Oberfläche. Es geht darum die Existenz zu sichern. Letztendlich dem Tod, dem Schmerz, dem Hunger und der Einsamkeit zu entrinnen. Diesen fundamentalen, menschlichen Ängsten entgegenzuwirken erstellt die Basis für 'Bürgertum'. Das Konstrukte wie 'Moral', Religion', und so weiter als Mittel benutzt werden, um dem Menschen in seinen verständlichen Ängsten zu stützen, ist einleuchtend. Aber befreiend ist es nicht. Wir Menschen sind uralte Wesen. Älter, als Staat und Kirche uns wissen lassen wollen. Wir stammen aus Höhlen und Bäumen und haben uns hauptsächlich auf das bessere Überleben konzentriert. Nur weil wir durch Himmel und All fliegen können, heisst dies nicht, dass wir unsere Urängste überwunden haben. Und es sind gerade diese Urängste, die die Burgmauern uns vom Leibe halten sollen. Und es sind auch diese Urängste, die uns alle vereinen auf beiden Seiten des Gemäuers und durch alle Klassenschichten der Republik. Neues Bürgertum, alte Bürgerlichkeit. Es bleibt ein Konstrukt, das von Freiheit träumt, ohne sich jemals eingestehen zu können, dass es die Freiheit behindert, da es die Freiheit fürchtet. Denn wirkliche Freiheit erzählt vom Menschen, nicht vom Bürger, erzählt vom wirklichen Zustand, nicht nur der Oberfläche, erzählt von der wirklichen Tiefe der menschliche Psyche, nicht nur der momentanen, zeitgemässen Situation und Anpassung. In der eigenen Tiefe findet man das Licht, dass sich nicht durch Mauern, Angst oder Oberflächlichkeit behindern lässt.
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