Union Kirchhof verhilft Merz zum Wiederaufstieg

Der Streit um Kirchhof setzt der Kanzlerkandidatin zu. Nur eine Woche vor der Wahl bringt der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff seinen Freund Friedrich Merz wieder ins Gespräch. Beide verbindet eine langjährige Freundschaft.

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 CDU-Politiker Wulff und Merz: Langjährige Freundschaft
DDP

CDU-Politiker Wulff und Merz: Langjährige Freundschaft

Berlin - Als Paul Kirchhof am 28. August in der Dortmunder Westfalen-Halle von den CDU-Delegierten und den rund 9.000 Gästen überschwänglich gefeiert wurde, hatten zwei Männer bereits Stunden zuvor einen Wahlkampftermin absolviert. Gemeinsam. Christian Wulff, der niedersächsische Ministerpräsident, war am Vormittag in Arnsberg auf einer Kundgebung von Friedrich Merz aufgetreten - zum Jazz-Frühshoppen. Das Foto, das die beiden lächelnd Seite an Seite zeigt, findet sich heute auf der Ausgabe der "BILD" wieder - mit einer Botschaft, die zunächst unverfänglich klingt: "Merkel wird eine exzellente Kanzlerin."

Wulff und Merz kennen sich seit über 20 Jahren, bereits Mitte der neunziger Jahre, als Helmut Kohl noch regierte, hatte der Niedersachse den Sauerländer als Finanzminister für den damaligen Amtsinhaber Theo Waigel ins Spiel gebracht - erfolglos. Dass die beiden nun gemeinsam in der massenstärksten Zeitung der Republik ein Interview zu einem Zeitpunkt geben, da die Union in Umfragen verliert, ist eine Woche vor der Bundestagswahl mehr als ein Personality-Auftritt: Es ist eine Aufforderung an Merkel, nach dem 18. September eine Kurskorrektur vorzunehmen. Wulff, der Mann mit den hohen Sympathiewerten in den Umfragen, stützt Merz, der sich nach seinem Abgang aus Fraktion und Partei ins scheinbare Aus manövriert hatte.

Es ist fast ein Treppenwitz der Geschichte: Innerhalb kürzester Zeit ist der Jurist aus dem Sauerland wieder als Minister denkbar. Sein unverhoffter Helfer heißt dabei Kirchhof. Denn dessen Äußerungen zum eigenen Steuerkonzept und zur Rente haben den Unionswahlkampf ins Schleudern gebracht. Die SPD, dankbar für die Angriffsfläche, plakatiert mittlerweile mit dem Slogan "Merkel/Kirchhof -radikal unsozial".

Die Kanzlerkandidatin steht nun möglicherweise vor der Entscheidung, den einstigen Konkurrenten wieder an Bord zu holen. Dabei hatte sie eigentlich geglaubt, mit dem parteilosen und früheren Verfassungsrichter Kirchhof die Leerstelle zu besetzen, die Merz durch seinen Abgang in der Steuer- und Finanzpolitik hinterlassen hatte. Immerhin hatte Merkel die Bestallung ihres Teamspielers bereits mit dem Einzug Ludwig Erhards ins Kabinett Adenauer verglichen. In der "Bild am Sonntag" hatte Merkel bereits angedeutet, Merz könne wieder in ein Führungsamt aufsteigen. Bislang hatte es von ihrer Seite immer geheißen, Merz sei freiwillig aus dem Amt ausgeschieden und das habe sie zu respektieren.

In der "Bild am Sonntag" lobte sie nun dessen engagierten Wahlkampf, nannte ihn einen der "talentiertesten Politiker" und stellte zur Personalfrage fest: "Gewinnen wir zunächst einmal die Wahl - und reden wir dann über Personalien".

Wer Merkels und Merz Verhältnis kennt, der ahnt, dass eine Zusammenarbeit beiden viel Disziplin abverlangen würde. Merkel hatte Merz als Fraktionschef nach der Niederlage von 2002 am Tag nach der Wahlnacht vom Posten des Fraktionsvorsitzenden gestoßen. Das hat Merz nie richtig verwunden. Nun könnte es sein, dass Merkel nichts anderes übrig bleibt, als den einst Verdrängten am Kabinettstisch zu (er)dulden, denn Merz genießt in weiten Kreisen der Union und darüber hinaus eine große Reputation. Doch gilt Merz auch als unberechenbar und sprunghaft - schon einmal wollte er im Konflikt mit Merkel den Vizeposten in der Fraktion hinwerfen, überlegte es sich dann aber noch einmal anders.

Als Finanzminister würde er eines der wichtigsten und mächtigsten Ämter der Republik innehaben. Ohne dessen Zustimmung geht faktisch nichts - alle Minister müssen ihre Haushalte mit ihm abstimmen. Mehr aber noch ist ein Kanzler darauf angewiesen, mit dem Finanzminister ein vertrauensvolles Verhältnis zu führen. Gerhard Schröder und Oskar Lafontaine waren ein Paar, das am Ende nicht miteinander konnte - erst mit Hans Eichels Einzug ins Finanzministerium kehrte relative Ruhe im Verhältnis zum Kanzleramt ein.

Noch vor zwei Wochen hatten Unionspolitiker aus dem Merkel-Lager, die man nach einer Rückkehr von Merz auf den Posten des Finanzministers fragte, dies kategorisch ausgeschlossen. Nun liegen alle Optionen wieder auf dem Tisch. Dass Kirchhof noch vor der Wahl aus dem Team zurücktritt, wird in Unionskreisen indes ausgeschlossen. Träte das ein, würde es in den nächsten Jahren schwer fallen, unabhängige Personen für exponierte Positionen an der Seite der Union zu gewinnen, hieß es aus führenden Unionskreisen. Aus der CSU erklärte dessen Generalsekretär Markus Söder, es werde keinen Strategiewechsel geben. Merkel habe klar gemacht, dass Kirchhof "ihr Finanzexperte im Kompetenzteam" sei.

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Die Diskussion, was nach dem 18. September im Falle eines Wahlsieges auf der Personalebene geschieht, dürfte derweil weitergehen. In der "Bild" hat Merz eine Rückkehr in höchste Ämter nicht ausgeschlossen: "Wer welches Amt bekleidet, darüber reden wir, wenn die Wahl gewonnen ist." Und auf die Frage, dass viele Bürger ihn gern zurückhaben würden, erklärte er: "Ich bin doch gar nicht weg!"

Auch Wulff legt sich für seinen Freund ins Zeug. Mit Merz werde ökonomische Kompetenz verbunden. Den Bürgern sei wichtig, dass Politiker vorangingen, die ein Gesamtkonzept hätten, wie Deutschland zu alter Stärke zurückfinde: "Deswegen ist Friedrich Merz unentbehrlich in der Spitzenmannschaft der Union."

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