Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Reform des Länderfinanzausgleichs: Schuldenländer sollen Einkommensteuer selbst bestimmen

Von

Es wäre eine finanzpolitische Revolution: Haushaltspolitiker der Union haben sich auf eine Reform des Länderfinanzausgleichs geeinigt. Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen soll es mehr Wettbewerb geben, Länder sollen eigenmächtig die Einkommensteuer erhöhen dürfen. Das Bundesfinanzministerium unterstützt die Pläne.

Abstimmung im Bundesrat: Bald unterschiedliche Steuersätze in den Ländern? Zur Großansicht
dapd

Abstimmung im Bundesrat: Bald unterschiedliche Steuersätze in den Ländern?

Berlin - Es geht um Milliarden, und die Fronten sind klar: Auf der einen Seite stehen Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und Hamburg. Auf der anderen Seite der Rest der Republik. Die einen, die Geberländer, drohen mit Klage beim Bundesverfassungsgericht. Die anderen, die Nehmerländer, pochen auf gesamtstaatliche Solidarität. Der Länderfinanzausgleich ist eigentlich dazu gedacht, im Bund weitgehend einheitliche Lebensverhältnisse zu schaffen. In der Realität hat sich der Mechanismus längst zum dauerhaften Spaltpilz der deutschen Politik entwickelt - und das über alle Parteigrenzen hinweg.

Jetzt haben erstmals Finanz- und Haushaltspolitiker aus allen 16 Ländern den Versuch unternommen, gemeinsam eine Reform des umstrittenen Ausgleichsystems zu erarbeiten. Das Papier, das die haushalts- und finanzpolitischen Sprecher der CDU/CSU-Fraktionen in den Ländern am Vormittag in Potsdam verabschiedet haben, könnte zur umfangreichsten Reform der föderalen Finanzbeziehungen seit Jahren führen. Vor allem aber: Der Beschluss fiel einstimmig. Geberländer wie Bayern sind genauso dafür wie das hochverschuldete Saarland.

Geht es nach den Finanzexperten der Union, sollen die bisherigen Ausgleichselemente "in ihrer Wirkung abgeschwächt" und "neu organisiert" werden. Empfängerländer sollen "deutliche Anreize" erhalten, "ihre Einnahmesituation zu verbessern". Gleichzeitig solle bei den Geberländern das Ergebnis ihrer erfolgreichen Politik in Form von Einnahmesteigerungen nicht vollständig durch den Länderfinanzausgleich aufgezehrt werden, heißt es in dem fünfseitigen Beschluss, der SPIEGEL ONLINE vorliegt.

Die wichtigsten Punkte:

  • Ein Kernpunkt der Überlegungen ist, dass der Bund der Hauptstadt Berlin künftig eine sogenannte Bundeshauptstadthilfe zur Verfügung stellt - und die Geberländer so entlastet werden. Das Geld dafür soll der Bund aus seinen bis 2019 sinkenden Verpflichtungen im Rahmen des Solidarpakts II für die ostdeutschen Bundesländer nehmen. Für die Geberländer wäre dies eine deutliche Entlastung: Der Länderfinanzausgleich umfasst heute insgesamt sieben Milliarden Euro. Davon gehen gegenwärtig rund drei Milliarden Euro an Berlin. Für Berlin kommen dazu schon heute die sogenannten Bundesergänzungszuweisungen. Diese sollen auch künftig beibehalten werden.

  • Schuldenländer müssen mit deutlich mehr Kontrolle rechnen. Der Stabilitätsrat, der seit 2010 die Haushaltsführung von Bund und Ländern überwacht, soll mehr Kompetenzen erhalten und "Hüter der innerdeutschen Finanzstabilität" sein. Ab 2020 sollen Länder, die gegen die Schuldenbremse verstoßen, automatisch mit Sanktionen belegt werden können. Zum Beispiel ist angedacht, dass die Gelder aus dem Länderfinanzausgleich bei notorischen Schuldensündern erst einmal auf ein Sperrkonto fließen.

  • Als neues Element wollen die Länderpolitiker die demografische Entwicklung stärker berücksichtigen, die in den verschiedenen Bundesländern zum Teil stark gegenläufig ist. Die Auswirkungen von Bevölkerungsschwund sollen abgemildert werden.

  • Im Rahmen einer Föderalismuskommission III soll dann unter anderem geklärt werden, ob Haushaltsnotlageländer eigene Zuschlagsrechte auf Gemeinschaftsteuer erhalten können. Verschuldete Länder könnten so temporär beispielsweise die Einkommensteuer für ihre Bürger erhöhen. Das heißt, ein Arbeitnehmer im hochverschuldeten Saarland würde so mehr Einkommensteuer zahlen als sein Kollege in Bayern.

Die Landespolitiker aus den 16 Ländern haben seit über einem Jahr an diesem Beschluss gearbeitet. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) stehe den Überlegungen grundsätzlich offen gegenüber, heißt es aus den Kreisen der Länder. Bei einem Treffen vor rund einem Monat habe Schäuble den Unionsfinanzexperten klar gemacht, dass eine Reform des Länderfinanzausgleichs nicht am Bund scheitern werde, sollten sich tatsächlich alle Länder über mögliche Reformen einig sein.

"Unser Anliegen war, die Probleme beim Länderfinanzausgleich politisch zu lösen und nicht, wie so oft, durch ein Urteil aus Karlsruhe", sagt der Vorsitzende der Finanzpolitischen Sprecher von CDU/CSU, Mike Mohring. "Unsere politische Botschaft ist: Schlechtes Regieren muss sichtbar werden, gutes Regieren muss sich lohnen."

Unterstützung für die Vorschläge kommt aus dem Bundesfinanzministerium. "Ich freue mich, dass die Debatte über die Föderalismuskommission III und die Neuregelung der finanziellen Beziehungen von Bund und Ländern eröffnet ist", sagte Steffen Kampeter, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesfinanzministerium SPIEGEL ONLINE.

Auch die Idee, dass in den Bundesländern künftig unterschiedliche Steuersätze gelten könnten, findet Kampeter richtig. Einen ähnlichen Vorschlag hatte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble bereits in der Debatte der Gemeindefinanzreform gemacht. "Ich finde es richtig, dass der Vorschlag aufgegriffen wird, bei einzelnen Steuerarten in der Höhe zu differenzieren."

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 368 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Warum
LJA 23.10.2012
soll Berlin denn noch mehr Gled vom Bund bekommen ? Das widerspricht zunehmend dem föderalen Charakter der Bundesrepublik Deutschland.
2. Tolle Idee
mlbn 23.10.2012
den Bürgern in den armen Bundesländern noch mehr Geld abzuzocken. Bei der Ausplünderung des normalen Arbeitnehmers ist sich die Koalition schnell einig. Geht es darum Reichtum zu besteuern wird gezaudert und gezögert. Das beste wäre doch die albernen und teuren Bundesländer abzuschaffen oder wenigstens deutlich zu reduzieren.
3.
max-mustermann 23.10.2012
Zitat von sysopDER SPIEGELFinanz- und Haushaltspolitiker der Union haben sich auf eine Reform des Länderfinanzausgleichs geeinigt: Zwischen den Ländern soll es nach Informationen von SPIEGEL ONLINE mehr Wettbewerb geben, Berlin würde verstärkt vom Bund finanziert. Zudem könnte es künftig unterschiedliche Steuersätze geben. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/unions-haushaltspolitiker-einig-ueber-reform-des-laenderfinanzausgleichs-a-862905.html
Na super dann werden die Menschen noch zusätzlich für unsere unfähigen Politiker zur Kasse gebeten, als ob die jetzige Abgabenlast nicht schon hoch genug wäre, unglaublich.
4. Au weia
unfassbaralles 23.10.2012
Da wird der Bewohner in nem Schuldnerland aber deutlich schlechter gestellt als ein Bewohner von einem Geberland. Wohnt er dann noch in einer überschuldeten Gemeine (Stadt), tuts richtig weh. Kindergartenpläte sehr teuer, Müll, Grundbesitz, Straßenreinigung usw. sind ja eh schon viel höher. Und für Selbständige eine extrem hohe Gewerbesteuer. Prost Mahlzeit, wer dann in Oberhausen wohnt. Da kann man ja nur noch wegziehen.
5. Titel
woiza 23.10.2012
Zitat von mlbnden Bürgern in den armen Bundesländern noch mehr Geld abzuzocken. Bei der Ausplünderung des normalen Arbeitnehmers ist sich die Koalition schnell einig. Geht es darum Reichtum zu besteuern wird gezaudert und gezögert. Das beste wäre doch die albernen und teuren Bundesländer abzuschaffen oder wenigstens deutlich zu reduzieren.
Ich finde die Idee gut. Dann überlegen sich die Bürger in Bremen und anderswo vielleicht, ob sie wirklich ein eigenes Bundesland brauchen. Wenn ja, dann sollen sie dafür bezahlen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Zur Großansicht
DER SPIEGEL


Die Starken helfen den Schwachen
Der Grundgedanke der Transferleistungen zwischen Bund, Ländern und Kommunen sowie unter den Ländern ist im Grundgesetz festgehalten: Die Starken helfen den Schwachen. Hauptziel ist laut Grundgesetz die Vereinheitlichung der Lebensverhältnisse.

  • Solidaritätspakt II

    Der Solidarpakt ist eine Transferleistung von Bund und Ländern an die neuen Bundesländer. Die zweite Auflage dieser Vereinbarungen trat 2005 in Kraft, läuft bis 2019 und garantiert den neuen Ländern insgesamt 156,6 Milliarden Euro. Der Pakt besteht aus zwei Körben. Mit den 105 Milliarden Euro aus Korb I sollen teilungsbedingte Rückstände in der Infrastruktur beseitigt und die Finanzkraft der Kommunen gestärkt werden. Von 2020 an soll die frühere DDR ohne Subventionen auskommen. Experten halten eine Angleichung auf 100 Prozent des West-Niveaus bis dahin jedoch für unwahrscheinlich.

  • Solidaritätszuschlag

    Der Solidaritätszuschlag wurde kurz nach der Einheit von Juli 1991 an für ein Jahr eingeführt. Der Aufschlag von 3,75 Prozent auf die Einkommen- und Körperschaftsteuer sollte damals den Aufbau Ost mitfinanzieren helfen. Die schwarz-gelbe Regierung unter Helmut Kohl führte den Zuschlag 1995 wieder ein - diesmal unbefristet und mit einem Satz von 7,5 Prozent. Seit 1998 liegt er bundeseinheitlich bei 5,5 Prozent. Das Geld von heute, um die 13 Milliarden Euro, geht komplett an den Bund und fließt in den allgemeinen Etat. Es ist also mittlerweile eine allgemeine Steuer, die von allen Steuerzahlern in Ost und West entrichtet werden muss. Trotzdem gehen viele Bundesbürger weiterhin davon aus, dass der Soli an den Aufbau Ost gebunden sei.
Länderfinanzausgleich

Der Länderfinanzausgleich regelt die Verteilung der Einnahmen zwischen Bund, Ländern und Kommunen und ist eigentlich schon seit seiner Einführung umstritten. Bisher sind es vor allem Bayern, Baden-Württemberg und Hessen, die Front gegen das Ausgleichssystem machen. Die Geberländer ärgern sich, dass finanzschwache Nehmerländer mit dem Geld üppige Abgeordnetensaläre, beitragsfreie Kindergartenjahre oder ein gebührenfreies Studium finanzieren - ein Luxus, den sich die Geberländer nicht leisten. Geberländer waren neben den dreien auch Nordrhein-Westfalen und Hamburg. Diesen fünf Ländern standen elf Nehmerländer gegenüber. Das mit Abstand meiste Geld erhielt Berlin. 2010 wurde Nordrhein-Westfalen wieder Nehmerland.

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: