Uno-Hungergipfel "Einmalige Nahrungsmittelhilfen nutzen wenig"

Die Staatengemeinschaft wollte die Zahl der Hungernden halbieren, doch heute leiden mehr als eine Milliarde Menschen an chronischem Hunger. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht sich Landwirtschaftsministerin Aigner zu Beginn des Uno-Welternährungsgipfel für ein Recht auf Nahrung aus.

Bundeslandwirtschaftsministerin Aigner: "Vor allem Menschen auf dem Lande haben zu wenig zu essen"
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Bundeslandwirtschaftsministerin Aigner: "Vor allem Menschen auf dem Lande haben zu wenig zu essen"


"Es ist eine weit verbreitete Ansicht, Hunger gehöre nun mal zu den schwächsten Staaten", sagte Papst Benedikt heute zur Eröffnung des Welternährungsgipfel in Rom, "aber das ist ein Irrtum, die Welt hat genug Nahrungsmittel für alle Menschen". Doch mehr als eine Milliarde Menschen leiden an chronischer Unterernährung - so viele wie nie zuvor.

"Das ist nicht akzeptabel" rief auch Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon den rund 70 Staats- und Regierungschefs zu, die drei Tage über Auswege aus der globalen Hungerkrise debattieren wollen. Doch wichtige Figuren der internationalen Politik fehlten, wie Libyens Staatschef Muammar al-Gaddafi bemerkte: "Die Reichen haben sich entschieden, zu Hause zu bleiben." Tatsächlich saß nur Gastgeber Silvio Berlusconi als Vertreter der Industriestaaten im Plenarsaal - und gönnte sich erstmal ein Nickerchen.

Es steht zu befürchten, dass die Veranstaltung außer Rhetorik nur ein mageres Ergebnis bringen wird, denn in den Vorgesprächen strichen die Unterhändler nahezu alle konkreten Ziele und Verpflichtungen aus dem Text der Abschlusserklärung. Dennoch bleibt die Leiterin der deutschen Delegation, Agrarministerin Ilse Aigner verhalten optimistisch: "Die Sicherung der Welternährung ist neben dem Klimawandel die größte globale Herausforderung" sagte die CSU-Politikerin im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, "ein Erfolg in Rom ist genauso wichtig wie eine Einigung in Kopenhagen" - die bekanntlich kaum noch wahrscheinlich ist.

SPIEGEL ONLINE: Frau Ministerin, trotz vieler Konferenzen, hoher Finanzzusagen, Ernten auf Rekordniveau und gesunkener Nahrungsmittelpreise hungern ständig mehr Menschen, derzeit sind es 1,02 Milliarden. Hat die Staatengemeinschaft versagt?

Aigner: Wir werden am Ende des Gipfels hoffentlich darin übereinstimmen, dass das globale Hungerproblem vor allem lokal gelöst werden muss. Es wird genug produziert, aber die Ernte gelangt oft nicht an die Märkte und die Armen haben zu wenig Kaufkraft, sich selbst zu versorgen.

SPIEGEL ONLINE: Ist der Hunger also eher ein Verteilungs- und Armutsproblem?

Aigner: Vor allem Menschen auf dem Lande haben zu wenig zu essen. Dort fehlt der Bevölkerung der Zugang zu Ackerland und zu Wasser, es mangelt an Wissen für die nachhaltige Bewirtschaftung. Einmalige Nahrungsmittelhilfen nutzen oft wenig.

SPIEGEL ONLINE: Entwicklungsländer und Geber haben Investitionen in ländliche Entwicklung fast auf Null gefahren. Ein fataler Fehler?

Aigner: Ganz sicher, aber seit 2006 haben wir eine Trendumkehr. Rund fünf Prozent der internationalen Entwicklungsgelder fließen jetzt in den ländlichen Aufbau. Es muss mehr werden.

SPIEGEL ONLINE: 1980 lag der Anteil bei 19 Prozent, in Rom wollen die Staaten sich nicht festlegen. Kann der Gipfel dennoch etwas bewirken?

Aigner: Erstmals wollen nun alle Länder das "Recht auf Nahrung" akzeptieren. Demnach verpflichten sich die Regierungen, der Ernährungssicherheit für ihre Bevölkerung oberste Priorität einzuräumen. Daran werden wir stets erinnern.

SPIEGEL ONLINE: Industrie, reiche Stiftungen aber auch Ihr Koalitionspartner FDP messen der grünen Gentechnik einen hohen Stellenwert für die Welternährung bei. Sie waren bisher eher skeptisch. Was gilt?

Aigner: Grüne Gentechnik ist sicher nicht der entscheidende Faktor für die Lösung. Sie nützt nichts, wenn die Bauern kein Geld für Saatgut haben geschweige denn Land besitzen oder Zugang zu Wasser haben. Das sind die entscheidenden Grundlagen.

SPIEGEL ONLINE: In den letzten zwei Jahren haben Großinvestoren 33 Millionen Hektar fruchtbaren Ackerlandes in Afrika und Asien gepachtet oder gekauft, die nun für die lokale Versorgung fehlen. Sind Regeln nötig?

Aigner: Jeder Staat muss das Interesse haben, seiner Bevölkerung Ackerland zur Verfügung zu stellen. Landverkauf muss möglich sein, darf aber nicht der eigenen Bevölkerung schaden. In Namibia beispielsweise hat sich der Staat ein Vorkaufsrecht gesichert. Wir setzen uns für internationale Regeln ein, die einen fairen Zugang zu Land gewährleisten. Das Thema wird in Rom angesprochen.

SPIEGEL ONLINE: Agrarexportsubventionen in der EU und den USA haben dazu beigetragen, dass die Landwirtschaft in den Entwicklungsländern vielfach unrentabel geworden ist. Muss damit nicht endlich Schluss sein?

Aigner: Wir haben in der EU immer darauf hingewiesen, dass wir gegen Exportsubventionen sind, die anderen Ländern schaden. Insgesamt wollen wir diese Subventionen international abbauen. Für Mager- und Vollmilch werden seit dem 5. November keine Exportsubventionen mehr gezahlt, weil der Weltmarktpreis angezogen hat.

SPIEGEL ONLINE: In Afrika werden Geflügelteile oder Schweineohren aus der EU zu Schleuderpreisen verhökert und ansässige Züchter in den Ruin getrieben. Was ist zu tun?

Aigner: Das ist tatsächlich ein Problem. Es handelt sich oft um "Abfallprodukte", die bei uns keinen Markt mehr finden. Die Entwicklungsländer könnten sich schützen durch Importzölle, nur tun sie es zu selten.

SPIEGEL ONLINE: Subventionen für Agrartreibstoffe haben den Anbau von Energiepflanzen stark gesteigert, oft zu Lasten der Nahrungsmittelproduktion. Im Koalitionsvertrag ist das kritisch vermerkt, was planen Sie konkret?

Aigner: Das ist ein sehr komplexes Thema, das wir 2010 in einem umfassenden Energiekonzept angehen werden.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Ressort ist zuständig für die Welternährung, hat dafür aber nur einen winzigen Etat, während Entwicklungsminister Dirk Niebel rund 700 Millionen Euro für den Kampf gegen den Hunger verwaltet. Wie passt das zusammen?

Aigner: Darüber sind wir im Gespräch. Wir bringen unser Wissen zur nachhaltigen, standortangepassten Landbewirtschaftung ein und lenken insofern die Entwicklungsgelder mit in die richtige Richtung.

SPIEGEL ONLINE: Da haben Sie sich viel vorgenommen. Ihr Kabinettskollege Dirk Niebel wollte als FDP-Oppositionspolitiker Entwicklungsgelder streichen und das Ministerium auflösen. Prima Grundlage für die Kooperation?

Aigner: Ich gehe davon aus, dass Kollege Niebel angesichts von 1,02 Milliarden hungernden Menschen Zeichen setzen wird und wir gut zusammenarbeiten werden.

SPIEGEL ONLINE: Der Entwurf für Niebels Etat 2010 sieht faktisch ein Null-Wachstum vor. Werden Sie auf eine Erhöhung der Gelder für den Kampf gegen Hunger und Armut drängen?

Aigner: Mir geht es darum, dass möglichst viele Mittel für die ländliche Entwicklung eingesetzt werden.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt ähnlich allgemein wie das Bekenntnis von Schwarz-Gelb zum Kampf gegen Hunger und Armut.

Aigner: Falsch, wir haben vereinbart, dass wir bis 2015 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens für die Entwicklungshilfe aufwenden wollen.

SPIEGEL ONLINE: 2015 ist diese Regierung nicht mehr im Amt. Die Koalition hat es vermieden, den EU-Stufenplan für die Erhöhung der Mittel zu bekräftigen. So riskieren Sie, jeden Etat-Streit mit dem Finanzminister zu verlieren.

Aigner: Alle wissen, dass wir bis 2015 das Ziel erreichen wollen und müssen. Das geht nur in Stufen und kostet etwas, Jahr für Jahr.

SPIEGEL ONLINE: Werden 2010 weniger Menschen an Hunger leiden?

Aigner: In den nächsten 20 Jahren wird die Bevölkerung um etwa 1,5 Milliarden Menschen wachsen. Das sind etwa so viele Bürger, wie derzeit in Europa, Nord- und Südamerika leben. Es ist eine Herkulesaufgabe, sie zu ernähren und insgesamt die Zahl der Hungernden zu verringern.

Das Interview führte Petra Bornhoeft.

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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
shatreng 16.11.2009
1. blub
Bundeslandwirtschaftsministerin Aigner: "Vor allem Menschen auf dem Lande haben zu wenig zu essen" Genau Frau Aigner und die hochsubventionierten Bauern im Westen tragen daran keinerlei Mitschuld... Wir sind ja Lebensretter, indem wir unsere Milchseen in Milchpulver umwandeln und es dann als "Geschenke" nach Afrika verschiffen. Die Armutsdebatte ist so hochgradig von Heuchelei geprägt, wie kein anderes Politikfeld. Einfach nur ekelhaft! Nahrung gibt es weltweit genug, aber der Preis muss stimmen, gell?
dotd, 16.11.2009
2. Da meldet sich ja der richtige zu Wort
Wenn es eine Ursache für immer mehr hungernde Menschen gibt, dann ist es die, dass es immer mehr Menschen gibt. Der erste Schritt gegen Armut und Hunger ist eine vernünftige Bevölkerungspolitik. Wenn in einem Land heute heute das Vielfache an Menschen verglichen mit vor 100 Jahren lebt, ohne dass es eine merkliche technische Entwicklung zu deren Versorgung gab, dann reicht die Versorgung halt nicht mehr. 10 Kinder sind heute kein Garant für Wohlstand mehr, sonder einer für Armut. Darum als erstes den ollen Pfaffen und seine ganze Kirche dahin jagen wo der Pfeffer wächst, da sie in velen Bereichen der Welt eine der größten Ursachen für das Bestehen dieses Zustands sind. Aber sowas will ja keiner hören, wir diskutieren lieber drüber ob wir nicht viel besser unsere Überschüsse teilen, die wir eigentlich gar nicht teilen wollen, weil es uns viel zu wenig einbringt.
robdan, 16.11.2009
3. selbst...
mit regelmäßiger Hilfe geht doch nichts voran, wenn es ca. 1,5 MILLIARDEN Menschen mehr innerhalb der nächsten 20 Jahre gibt. Tut mir leid, dass das jetzt ein bisschen hart klingt, gerade weil ich glücklicherweise genug zu essen hab, aber wenn es 1,5 Mrd. Menschen mehr gibt, dann gibt es scheinbar auch in den "Hungerstaaten" noch genug zu essen...irgendwas muss bei uns Menschen während der Evolution gewaltig falsch gelaufen sein...wenn es nicht genug zu essen gibt, dann sollte es doch logischerweise weniger Kinder geben, um uns den Umständen anzupassen, aber es tritt das komplette Gegenteil ein
tetaro 16.11.2009
4. ..
Zitat von dotdWenn es eine Ursache für immer mehr hungernde Menschen gibt, dann ist es die, dass es immer mehr Menschen gibt. Der erste Schritt gegen Armut und Hunger ist eine vernünftige Bevölkerungspolitik. Wenn in einem Land heute heute das Vielfache an Menschen verglichen mit vor 100 Jahren lebt, ohne dass es eine merkliche technische Entwicklung zu deren Versorgung gab, dann reicht die Versorgung halt nicht mehr. 10 Kinder sind heute kein Garant für Wohlstand mehr, sonder einer für Armut. Darum als erstes den ollen Pfaffen und seine ganze Kirche dahin jagen wo der Pfeffer wächst, da sie in velen Bereichen der Welt eine der größten Ursachen für das Bestehen dieses Zustands sind. Aber sowas will ja keiner hören, wir diskutieren lieber drüber ob wir nicht viel besser unsere Überschüsse teilen, die wir eigentlich gar nicht teilen wollen, weil es uns viel zu wenig einbringt.
Da stimme ich Ihnen voll zu. Aus der Bevölkerungsexplosion ein "Recht" auf Ernährung der Explodierten abzuleiten, ist irgendwie eine Verhöhung der Natur und ihrer impliziten Grenzen. Ich kann auch nicht im Winter nackt auf die Straße gehen und ein "Recht" auf Wärme einfordern.
tetaro 16.11.2009
5. ..
Zitat von robdanmit regelmäßiger Hilfe geht doch nichts voran, wenn es ca. 1,5 MILLIARDEN Menschen mehr innerhalb der nächsten 20 Jahre gibt. Tut mir leid, dass das jetzt ein bisschen hart klingt, gerade weil ich glücklicherweise genug zu essen hab, aber wenn es 1,5 Mrd. Menschen mehr gibt, dann gibt es scheinbar auch in den "Hungerstaaten" noch genug zu essen...irgendwas muss bei uns Menschen während der Evolution gewaltig falsch gelaufen sein...wenn es nicht genug zu essen gibt, dann sollte es doch logischerweise weniger Kinder geben, um uns den Umständen anzupassen, aber es tritt das komplette Gegenteil ein
Leider IST der Hunger (sowie Krankheiten, Kriege usw.) ja der Gegensteuermechanismus der Überbevölkerung, das muss man dummerweise mal ganz klar sagen. Wenn Sie eine Bakterienkultur züchten, wächst diese so lange munter weiter, bis ihre Mitglieder an den Grenzen der Kultur an ihren eigenen Abfällen und Mangelernährung zugrundegehen. Das klingt vielleicht unpassend, aber für menschliche Kulturen gelten dieselben Grundsätze. Es hilft leider nur, vernünftig zu sein, und das Wachstum einzuschränken, bevor diese Grenzen erreicht werden.
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