Uno-Militärbeobachterinnen Für den Frieden fehlen Frauen

Es gibt zu wenige Militärbeobachterinnen, nur knapp vier Prozent des Personals auf Uno-Friedensmissionen sind Frauen. Ein Lehrgang in Unterfranken soll das ändern - Tee mit einem Warlord inklusive.

Militärbeobachter in Wargolshausen in Bayern beim Uno-Lehrgang
SPIEGEL ONLINE

Militärbeobachter in Wargolshausen in Bayern beim Uno-Lehrgang

Aus Aubstadt und Wargolshausen berichtet


Vor einem Haus, auf einem Parkplatz in der unterfränkischen Provinz steht eine Frau in Uniform. Sie wartet, tritt von einem Bein auf das andere. Dann biegen zwei weiße Geländewagen auf das Grundstück, Männer steigen aus, sie tragen Waffen. An der Tür des Hauses klebt ein Schild: "Keine Waffen ab diesem Punkt".

"Wir bitten Sie, die Pistolen abzulegen, bevor Sie hereinkommen", sagt die Frau, ihre Stimme klingt dünn, aber bestimmt. Die Männer schauen zu ihrem Chef, einem kleinen, untersetzten Mann mittleren Alters. Er nickt. Ein Mann lässt routiniert das Magazin aus der Pistole fallen.

Mehr Verantwortung in der Welt

Aubstadt ist ein kleiner Ort in Bayern. Auf dem Haus ist ein Wappen zu sehen, "Abschter Fosenöchter" steht darauf, auf hochdeutsch: "Aubstädter Fastnächter". Normalerweise tagt hier der Fastnachtsverein. Doch an diesem Tag Ende Oktober sind es vermeintliche Warlords und angehende Militärbeobachter der Uno, die in dem fiktiven Land "Obsidia" alle möglichen Szenarien durchspielen.

Deutschland will mehr Verantwortung in der Welt übernehmen, so steht es seit 2006 im Weißbuch des Bundesverteidigungsministeriums, das die sicherheitspolitischen Linien der nächsten Jahre skizzieren soll. Ein Weg, um Verantwortung zu zeigen, ist es, Uno-Lehrgänge auszurichten. Das Besondere: In diesem Jahr sind 22 Frauen dabei, mehr als die Hälfte der 41 Lehrgangsteilnehmer ist weiblich.

Militärbeobachter sind Soldaten, sie kommen aus allen Ländern der Vereinten Nationen und arbeiten in kleinen Teams. Sie vermitteln zwischen Konfliktparteien und sollen neutral sein. Sie tragen keine Waffen.

So ist das auch in Aubstadt.

Vier künftige Militärbeobachter sitzen an einem Ende des Tischs, darauf stehen Kekse und Kaffee, schräg gegenüber sitzen der Warlord und sein Attaché. Die Militärbeobachter besprechen sich kurz, einer steht hektisch auf und bietet dem Warlord einen Kaffee an. Höflichkeit bei Verhandlungen ist wichtig.

Die junge Soldatin beugt sich vor: "Wir müssen wissen, wie die Situation der Zivilbevölkerung ist, der Frauen und der Kinder", sagt sie zu dem Warlord. Die Waffenruhe werde nicht eingehalten, sagt sie. Der Warlord lehnt sich zurück. Er nimmt seinen einen Schluck vom Kaffee. Heute sei er besser, sagt er, gestern habe der Kaffee nach Tee geschmeckt.

Frauen sind im militärischen Bereich unterrepräsentiert

Bereits im Jahr 2000 verabschiedete die Uno die Resolution 1325: "Frauen, Frieden und Sicherheit". Darin wird die Bedeutung der Rolle der Frauen betont, die sie bei der Verhütung und Beilegung von Konflikten und der Friedenskonsolidierung einnehmen. Frauen seien bei den Anstrengungen zur Wahrung und Förderung von Frieden und Sicherheit gleichberechtigt.

Im Jahr 2000 waren die meisten Karrierewege der Bundeswehr Frauen noch verwehrt, sie durften ausschließlich im Sanitätsdienst oder Musikkorps dienen. 2001 wurde die Armee für Frauen in jeder Disziplin geöffnet. Die "FAZ" schrieb damals über einen Artikel: "Invasion der Frauen".

Noch immer sind Frauen bei der Armee deutlich in der Unterzahl. Fast 157.000 Männer gehören der Bundeswehr an und nur knapp 22.000 Frauen. Auch in internationalen Organisationen sind Frauen unterrepräsentiert. Zum Beispiel bei den Militärbeobachtern: Von 2008 bis 2017 wuchs der Anteil von Frauen am militärischem Personal von 1,9 Prozent auf gerade einmal 3,9 Prozent. Die Uno leitete in der Zeit 48 Friedensmissionen.

Die Europäische Union führte in der gleichen Zeit 26 Missionen und Operationen durch, die unter der gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik firmierten. Der Anteil der Frauen am militärischen Personal wuchs in diesem Zeitraum von 5,3 auf 8,4 Prozent.

Von dem Ziel, Parität zu erreichen, sind die Organisationen also noch weit entfernt.

In einem Papier zur Zusammenarbeit zwischen der Uno und Deutschland schreibt das Auswärtige Amt, die Steigerung des Anteils von Frauen in der Uno und bei Friedensmissionen sei einer der Schwerpunkte der Reformagenda, die Uno-Generalsekretär Antonio Guterres im März 2018 lanciert habe. Staaten, die sich an Friedensmissionen beteiligten, sollten sicherstellen, dass mindestens 15 Prozent ihres Personals weiblich sei, heißt es darin. Zum Vergleich: Bei der Bundeswehr liegt der Anteil der Soldatinnen knapp über zwölf Prozent.

Darsteller während der Übung der Mission "Blue Flag"
SPIEGEL ONLINE

Darsteller während der Übung der Mission "Blue Flag"

Im Hauptquartier der Mission "Blue Flag", wie sich der Lehrgang nennt, steht an dem kühlen Oktobermorgen Oberstleutnant Karl Wolfgang Wieser und erklärt den Aufbau der Szenarien. Es seien knapp 80 Darsteller dabei, sie mimen die Dorfbewohner, die Mitglieder der Rebellengruppen, Verletzte und Hinterbliebene, auch die verfeindeten Warlords. Die Lehrgangsteilnehmer leben während der Übung gemeinsam in zwei Unterkünften, "Super-WG", nennt das Wieser. Insgesamt nehmen 41 Soldatinnen und Soldaten an der Übung teil - aus 20 Nationen.

Beobachter verhandeln mit dem Warlord

Zurück im Vereinsheim der "Abschter Fösenöchter": Die Uno-Beobachter verhandeln inzwischen mit dem Warlord über einen Besuch seines Camps. Er will nicht, dass sie kommen, jedenfalls wirkt es so.

"Wann können wir Sie besuchen?", fragt die Beobachterin.
"Die Rebellen beleidigen uns jeden Tag", sagt der Warlord über eine verfeindete Miliz in dem fiktiven Szenario.
"Wir sind nicht hier, um zu bewerten", sagt die Beobachterin.
"Es könnte kritisch werden", sagt der Warlord.
"Wann können wir Sie besuchen? Es muss morgen geschehen", sagt die Beobachterin.

Am Ende stimmt er zu. Als er geht, drückt die Beobachterin die Hand der anderen. Sie atmet einmal tief aus. Geschafft, so sieht es aus.

Die Uno weiß, warum sie mehr Frauen will

Die Ausbilder, erkennbar am blauen Barett, waren meist bereits im Einsatz für die Uno. Es sei ein ganz anderes Gefühl, als in einem klassischen Bundeswehreinsatz zu sein, sagt einer der Ausbilder, der im Südsudan stationiert war.

Warum man denn überhaupt Frauen im Einsatz brauche? Frauen könnten wahrscheinlich besser mit anderen Frauen umgehen, sagt Oberstleutnant Wieser. Eigentlich sei das Geschlecht aber auch nicht so wichtig, so Wieser: "Hauptsache, man ist verlässlich."

Die Uno aber hat einen durchaus messbaren Unterschied festgestellt und führt genau auf, warum gemischte Teams bei Friedensmissionen eigentlich unabdingbar sind: Wenn Frauen in den Friedensprozess eingebunden seien, gebe es eine 20 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, dass das Abkommen mindestens zwei Jahre halte und eine 35 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, dass das Abkommen mindestens fünfzehn Jahre halte.



insgesamt 16 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
vulcan 09.12.2018
1.
"Die UNO weiß, warum sie mehr Frauen will".....hoffentlich weiß die UNO auch, wo diese dann einzusetzen sind. Es gibt genug Krisengebiete, in denen 'Warlords' gar nicht erst mit einer Frau sprechen würden, geschweige denn, sie ernst zu nehmen. Weiterhin hoffe ich, dass sowohl die UNO als auch die Bundeswehr dann damit umgehen kann, dass sich der Anteil gefallener Soldatinnen beispielsweise in Afghanistan von bisher 0% möglicherweise auf eine deutlich höhere Quote steigert. Allerdings bezweifle ich das und auch da wird sich, wie bei Kampfeinsätzen (siehe 0%) eine Lösung finden, Frauen die gefährlicheren Aktionen zu ersparen bzw. ihnen die Möglichkeit dazu zu geben. Das Leben einer Soldatin ist in der BW eben deutlich mehr wert als das eines Soldaten. Siehe dazu auch 'Frauen in der Bundeswehr' - Bevorzugung, Privilegien, Sonderstatus und geringere Anforderungen. Das fängt schon mit dem Haar- und Barterlaß an. Alles dürfen wollen aber bloß nichts machen müssen. Lächerlich.
vetris_molaud 09.12.2018
2.
Mit Frauenquote den Weltfrieden schaffen - einfach nur grotesk. Da werden die Warlords aber Augen machen, wenn sie auf dem „stillen Stuhl“ geschickt werden ...
chainso 09.12.2018
3. was, nur 4% der posten von frauen besetzt !
wo bleibt da der aufschrei der gleichstellungsbeauftragten?
StefanieTolop 09.12.2018
4. Rosinenpickerei
Gibt es denn kein Gebiet, das vor diesem Feminismusquatsch sicher ist? Ja doch, solche Gebiete gibt es. Nämlich überall dort, wo die Arbeit hart wird. Körperlich hart oder aber auch seelisch unheimlich belastbar. Quoten werden überall dort gefordert, wo man mit relativ sanfter Arbeit sehr viel Geld verdienen kann. Hat aber schon einmal jemand etwas davon gehört, dass Quoten beim Wehrdienst eingefordert wurden, bei Müllmännern, bei Kanalarbeitern, im Straßenbau, bei Matrosen, in der Forstwirtschaft, im Häuserbau, in Kfz-Werkstätten, im Schiffsbau, beim Bau von Windkraftanlagen, im Bergbau, als Line(wo)men,............ Aber nein, dort kann man nämlich trotz harter Arbeit nicht reich werden.
whitewisent 09.12.2018
5.
Zuerst einmal muss man anerkennen, daß Männer und Frauen biologisch nicht gleich sind. Sie haben prinzipiell eine unterschiedliche Konstitution, und daraus abgeleitete Bedürfnisse, Kompetenzen und Fähigkeiten. Viele davon kann man mit Ausbildung und Talent kompensieren, was aber für viele Frauen nur bedeutet, daß sie sich den Männern anpassen, nicht daß die Umwelt sich ihnen anpasst. Militärbeobachtung basiert auf Respekt und Vertrauen von Konfliktparteien gegenüber, um deren Respekt und Vertrauen zu gewinnen. Da zählt militärischer und technischer Fachverstand viel, wird aber mehr von Softskills beeinflusst. Fängt bei sowas banalem wie der Unterkunft und der Versorgung mit Sanitäranlagen an, die dann doppelt bereitzustellen sind, was den Frauen als Solche angelastet wird, weil sie "unisex" ablehnen. Und selbst wenn die Frauen im Militär das akzeptieren, ist dies in vielen Kulturen ein Tabu. Die Frage bleibt, ob eine Veränderung wünschenswert ist, wenn diese entweder den Zielen der Missionen widerspricht, oder Frauen weiter nicht mit einer "Willkommenskultur" begleitet. Da sollte man sich vieleicht zuerst die Prozente in den entsprechenden Diensträngen und Gattungen anschaun. Mögen bei den Mannschaftsdienstgraden und der Versorgung auch die Frauenquoten steigen, das für die Beobachtung wesentliche Wissen ist vielerorts immer noch eine Männerdomäne, weil Frauen mit entsprechender Kompetenz in der Wirtschaft und Lehre wesentlich mehr Erfolg haben und verdienen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.