Unsportliche Bundeswehr Minister Jung soll dicke Soldaten fit trimmen

Sie rauchen zu viel, sind zu dick und unsportlich: Deutschlands Wehrbeauftragter Reinhold Robbe beklagt in einem Alarmruf die mangelnde Fitness deutscher Soldaten - und belegt das Problem mit Zahlen. Verteidigungsminister Jung soll eingreifen und der Truppe einen gesünderen Lebensstil verordnen.


Berlin - Es wird zu wenig Sport getrieben, stattdessen zuviel geraucht und gegessen. Leider geht es dabei nicht um Workaholics, die sich nicht von ihrem Bürostuhl trennen können. Der SPD-Politiker Reinhold Robbe beklagte vielmehr als Wehrbeauftragter die mangelnde Fitness deutscher Soldaten.

Bundeswehrsoldaten: zu dick und zu unsportlich
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Bundeswehrsoldaten: zu dick und zu unsportlich

Mehr als 40 Prozent der jungen Soldaten hätten Übergewicht, sagte Robbe heute bei der Vorstellung seines Jahresberichts. Unter Zivilisten seien es nur 35 Prozent. 8,5 Prozent der Bundeswehrangehörigen seien sogar stark übergewichtig. Außerdem werde in der Truppe zu viel geraucht und zu wenig Sport getrieben. Aktuelle Untersuchungen dazu seien besorgniserregend.

Wenn er sich bei Truppenbesuchen im In- und Ausland erkundige, "wie die Sporteinrichtungen genutzt werden, bekomme ich nicht selten zu hören, dass es besser aussehen könnte mit dem Sport in der Kaserne. Nur ein relativ geringer Teil der Soldaten treibt wirklich regelmäßig Sport" - aus Zeitmangel, wegen schlechter Ausstattung, manchmal wegen zu wenig Trainern oder zu wenig Lust auf Sport. "Leider zählt es zu den absoluten Ausnahmefällen, wenn ich auf einen Kommandeur stoße, der mit gutem Beispiel voran geht. Viel häufiger treffe ich auf Soldaten, die mir sagen, dass sie Dienstsport nur mit schlechtem Gewissen treiben."

Robbes Bilanz: "Auf den einfachen Nenner gebracht: Die Soldatinnen und Soldaten sind zu dick, treiben zu wenig Sport und achten zu wenig auf ihre Ernährung. Eigentlich alarmierende Ergebnisse, wenn man bedenkt, dass die Bundeswehr grundsätzlich über ideale Voraussetzungen verfügt und Jahr für Jahr allein rund 26 Millionen Euro für die Förderung des Spitzensports ausgibt." Nur habe diese Eliteförderung "keinerlei Auswirkungen" auf die allgemeine körperliche Leistungsfähigkeit der Soldaten.

Es müsse "allen Verantwortlichen" zu denken geben, dass auch Untersuchungen ein erschreckendes Bild von der Fitness der Truppe zeichnen. Die Bundeswehr leide zunehmend an den Folgen eines passiven Lebensstils. Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) müsse deshalb jetzt einschreiten und größeres Gewicht auf den Dienstsport legen. Und es reiche "nicht aus, eine Zentrale Dienstvorschrift zum Dienstsport zu erlassen".

Große Probleme bereite den Soldaten auch die überbordende Bürokratie, die der Truppe im Auslandseinsatz abverlangt werde. Penible Abgasuntersuchungen, Mülltrennung und Betriebsprüfungen für kleine Veränderungen an Fahrzeugen zerrten an den Nerven der Soldaten, kritisierte Robbe. Diese "Regelungswut" passe nicht mehr in die heutige Zeit und stehe der modernen Einsatzarmee im Weg.

Erneut bemängelte der Wehrbeauftragte eine mangelnde finanzielle Ausstattung der Bundeswehr trotz Aufstockung des Wehretats um mehr als eine Milliarde Euro in diesem Jahr. Zu keiner Zeit der Streitkräftereform habe eine "richtige Anschubfinanzierung stattgefunden", sagte Robbe und unterstrich: "Unter diesem Mangel leidet die Bundeswehr bis zum heutigen Tage." Das zeige sich sowohl beim Personal als auch beim Material.

Zufrieden zeigte sich Robbe mit der schnellen Reaktion der Politik auf den im vergangenen Jahr bemängelten schlechten Zustand vor allem westdeutscher Kasernen. Hier sei inzwischen ein Sofortprogramm aufgelegt worden, das etwa die Hälfte des Bedarfs abdecke. Bis 2011 sind dafür insgesamt 700 Millionen Euro veranschlagt.

als/dpa/ddp/Reuters



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