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Unternehmer Harald Christ: "Rösler bewegt sich auf Praktikanten-Niveau"

Er ist Banker, Unternehmer - und vielleicht einmal Wirtschaftsminister in einer künftigen SPD-Regierung. Das amtierende Kabinett bezeichnet Harald Christ im Interview jedenfalls als "Katastrophe". Sie verunsichere Menschen und Märkte in der Krise mit immer neuen Horrorszenarien.

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Harald Christ: Griechenland ist für Europa wie Bremen für Deutschland

SPIEGEL: Herr Christ, Deutschland und Europa diskutieren über die Schuldenkrise und die Stabilität des Euro. Sie als Banker und ausgewiesener Finanzexperte schreiben ein Buch über Bildung. Haben Sie sich im Thema vergriffen?

Christ: Nein. Ein effizientes und funktionierendes Ausbildungssystem wird in den nächsten Jahrzehnten für Deutschland und für die Wettbewerbsfähigkeit des Landes eines der zentralen Themen. Bis zum Jahr 2030 werden wir aufgrund des demographischen Wandels rund sieben Millionen Erwerbstätige weniger haben als heute. Das bedeutet einen Wohlstandsverlust von 3,8 Billionen Euro, wenn man nicht schnell mit einer breiten Bildungsoffensive und der gezielten Integration ausländischer Arbeitskräfte gegensteuert.

SPIEGEL: Nun gehören ihre Forderungen wie etwa "Aufstieg, Chancen und Bildung für alle", seit Jahren zum sozialdemokratischen Standardrepertoire. Ging es Ihnen nicht viel mehr darum, sich mit dem Buch als Aspirant für einen Ministerposten in einer möglichen künftigen SPD-Regierung zurückzumelden? Immerhin waren sie im Jahr 2009 im Schattenkabinett von SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier schon einmal als Wirtschaftsminister vorgesehen.

Christ: Das hat damit nichts zu tun. Mir geht es darum, einmal die gesamte Dimension des Problems aufzuzeigen. Gegen den Wohlstandsverlust, der aus den Fehlern im Bildungssektor resultieren könnte, sind die Rettungsschirme der EU für Griechenland und andere Schuldenländer geradezu lächerlich klein. Das bewegt mich, zumal das Thema bei vielen Politikern noch gar nicht richtig präsent ist.

SPIEGEL: Sie weichen aus. Wollen Sie bei einem Wahlsieg der SPD Wirtschaftsminister werden?

Christ: Ich weiche nicht aus. Die Frage stellt sich nur im Moment nicht. Sollte die SPD meinen Rat und meine Unterstützung haben wollen, will ich aber auch nichts ausschließen.

SPIEGEL: Haben Sie da Zweifel? Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt hat das Vorwort zu ihrem Buch geschrieben. Vorgestellt wurde es von Frank-Walter Steinmeier vor der versammelten SPD-Prominenz. Solch hohe Ehren werden wenigen SPD-Politikern zuteil.

Christ: Ich freue mich sehr über so viel Unterstützung und vor allem über das Vorwort von Helmut Schmidt, der schon sehr früh auf die Notwendigkeit von Reformen im Bildungssystem hingewiesen hat. Aber das alles hat nichts mit meiner persönlichen Zukunft zu tun. Im Moment haben wir genug mit den eklatanten Fehlern und Schwächen der gegenwärtigen Regierung zutun. Was sich diese Bundesregierung an Personal leistet, ist gelinde gesagt eine Katastrophe.

SPIEGEL: Wen konkret meinen Sie?

Christ: Nehmen sie Wirtschaftsminister Philipp Rösler von der FDP. Der Mann ist mit seinem Amt völlig überfordert. Er versteht elementare Zusammenhänge der Wirtschaft nicht und bewegt sich auf dem Niveau eines Praktikanten. Nur können wir uns in der gegenwärtigen Krise keine Praktikanten leisten. Wir brauchen Profis, die Menschen und Märkte nicht noch weiter verunsichern.

SPIEGEL: Sie spielen auf Röslers Äußerung an, Griechenland notfalls in eine geordnete Insolvenz gehen zu lassen. Was war daran so falsch?

Christ: Daran ist so ziemlich alles falsch. Die Krise, die wir gerade erleben, hat viel damit zu tun, dass die Märkte das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit der Politik verloren haben. Sie reagieren, weil Politiker wie Rösler in unverantwortlicher Weise immer neue Horrorszenarien und Krisen an die Wand malen obwohl es dafür keinen realwirtschaftlichen Hintergrund gibt.

SPIEGEL: Sie halten die Verschuldung Griechenlands, Italiens und anderer europäischer Länder nicht für real?

Christ: Natürlich. Dennoch sind die Reaktionen darauf maßlos übertrieben. Das wirtschaftliche Gewicht Griechenlands mit seinen rund zehn Millionen Einwohnern ist für Europa etwa so, wie das von Bremen für Deutschland. Trotzdem hält Griechenland die europäischen und sogar die internationalen Märkte und Börsen seit Wochen in Atem und sorgt für heftige Turbulenzen. Das liegt nicht an der Größe des Problems, sondern an der Unfähigkeit der Politik, vernünftig darauf zu reagieren.

SPIEGEL: Was schlagen Sie vor?

Christ: Im Prinzip ist der Rettungsschirm das richtige Mittel – auch in den diskutierten Größenordnungen. Dazu muss auf europäischere Ebene ein klar definiertes Programm aufgelegt werden, mit dem in den betroffenen Ländern die Schulden abgebaut werden können, ohne jedoch das Wachstum zu sehr abzuwürgen. Dieser Prozess wird viele Jahre dauern und bedarf einer sorgfältigen Planung und Überwachung durch die Europäische Union.

SPIEGEL: Sie beschreiben den Kurs der Bundesregierung.

Christ: Die Bundesregierung – und genau das werfe ich ihr vor - hatte keinen Kurs. Sie hat sich nach vielem Wanken, Zögern, Rückschritten und Mahnungen der europäischen Nachbarstaaten schließlich zu diesem Weg durchgerungen. Hätte Bundeskanzlerin Angela Merkel früher und konsequenter gehandelt wäre die Krise womöglich gar nicht in diese Dimension vorgestoßen. Europa wäre viel Ärger und den Steuerzahlern möglicherweise viel Geld erspart geblieben.

Das Interview führte Frank Dohmen

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1. Alternativlos
tilleule 06.10.2011
Zitat von sysopEr ist Banker, Unternehmer - und vielleicht einmal Wirtschaftsminister in einer künftigen SPD-Regierung. Das amtierende Kabinett bezeichnet Harald Christ im Interview jedenfalls als "Katastrophe". Sie verunsichere Menschen und Märkte in der Krise mit immer neuen Horrorszenarien. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,790032,00.html
Ziemlich leeres Gerede! Daß das amtierende Kabinett eine Katastrophe ist, ist eine banale Feststellung. Vor allem, wenn im gleichen Atemzug ihre "Maßnahmen", ihre Methoden, ihr Taktieren im Prinzip als richtig, lediglich, als verspätet und deshalb ursächlich schädlich bezeichnet wird. Das ist Quatsch! Es ist so ziemlich alles grundsätzlich falsch und schädlich für die Bundesrepublik, was diese Alleingänger der zwei bis fünf Köpfe in eratischem Gehampel, in geschlossener Kumpanei in Geheim- und Hinterzimmer Verabredungen mit einer Handvoll weiteren unverantwortlichen EU Figuren betreiben. Der permanente Ritt auf der Rasierklinge, der es allen recht machen soll und will, - außer den Menschen, die diesen Wahnsinn bezahlen sollen - kann von diesen nicht weiter toleriert werden. Mit Ideologie und endlosem, spitzfindigem Gequatsche läßt sich nicht die banale Tatsache verstecken, daß wir Länder "retten" sollen, die ein Jahrzehnt wie die Made im Speck gelebt haben und nun von den durchaus auch schuldigen, spekulierenden Geldgebern die Rechnung präsentiert bekommen. Banken und Versicherungen haben mit fremdem Geld spekuliert, verloren und verlangen nun neues Geld von der Solidargemeinschaft der Steuerzahler, um ein "weiter so" zu betreiben. Wer will es ihnen verdenken, daß die es ablehnen, die Frohn weiter zu leisten. Genug ist genug! Dabei ist es egal, in welchen Nuancen sich die Begründungen der Parteien unterscheiden. So lange es immer nur darauf hinausläuft, daß arbeitende Völker andere, hedonistische, für alle Zeiten alimentieren sollen, wird das immer energischer verweigert werden.
2. Nachtigall ich hör dein trapsen
Simplizius 06.10.2011
...Das wirtschaftliche Gewicht Griechenlands mit seinen rund zehn Millionen Einwohnern ist für Europa etwa so, wie das von Bremen für Deutschland. - Wo hat er denn das her und was sollen solche verzerrenden und abschwächenden Verfälschungen? Es geht doch hier um Schulden in extraorbitantem Ausmaß, für die hier der deutsche Steuerzahler letztlich aufkommen soll und deren endgültige Höhe immer noch vernebelt ist. Sehr verehrter Herr Unternehmer Harald Christ. Mir scheint, Sie sind es selbst, der sich hier auf Praktikanten-Niveau bewegt.
3. Selten
nataliadirks@gmail.com, 06.10.2011
habe ich ein Interview gelesen das mich so wenig überzeugt hat! Der Mann spricht von keiner realen Gefahr für die Gesamtwirtschaft Europas, verortet keine größeren Probleme in der Banken und Finanzkrise, will uns sagen -weiter so-! Mag der Rösler auch täppisch daherkommen, im Punkte Insolvenz für Pleitestaaten hat er unumwunden nicht nur meinen persönlichen, sondern auch den Rückhalt tausendfacher wirklicher Finanzexperten rund um den Globus. Ich denke Herr Christ ist zu sehr SPD Mann um auch nur ein klitzekleines Stückchen von der Parteilinie abzuweichen. Gnade uns Gott wenn so ein Parteisoldat Verantwortung in einem Regierungsamt übernimmt. Die SPD hätte in Regierungsverantwortung wahrscheinlich schon ALLE Deutschen materiellen Werte verschenkt um die "Märkte zu beruhigen". Nein lieber Herr Christ, meine Stimme bekommen sie definitiv NICHT!
4. .
HighFrequency 06.10.2011
Der Unsinn, den Christ von sich gibt, macht ihn wenig ministrabel. Fehler in der Bildungspolitik sollen die deutsche Finanzpolitik stärker in Schieflage bringen als alle europäischen Rettungsschirme...na ja, reine Propaganda.
5. Windbeutel Christ
beebo 06.10.2011
So weit ich das erinnere, ist Christ kein Unternehmer, höchstens Investor. Der hatte ja vor kurzem diese Affäre mit so einen windigen PR Heini, der ihm eine Straftat unterjubeln wollte. So ein Interview mit ein SPD Investor ist zu überflüssig, wie ein Kropf.
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Zur Person
  • DPA
    Harald Christ, Jahrgang 1972, ist ein deutscher Unternehmer im Bank- und Versicherungswesen. Bei der Bundestagswahl 2009 stellte ihn die SPD als Wirtschaftsminister im Schattenkabinett von Frank-Walter Steinmeier auf. Soeben hat er ein Buch über die Wohlstandsverluste veröffentlicht, die der deutschen Gesellschaft drohen, wenn das Bildungssystem nicht ausgebaut wird: "Deutschlands ungenutzte Chancen".

Kurzporträts der SPD-Spitze
Parteivorsitzender: Sigmar Gabriel
REUTERS
Mit 51 Jahren wurde Gabriel, Jahrgang 1959, jüngster Parteichef seit Willy Brandt. In der Großen Koalition war er bis Herbst 2009 Umweltminister und profilierte sich im Wahlkampf mit Attacken gegen die Atomkraft. Nach dem Wahldesaster der Sozialdemokraten griff er entschlossen nach dem Parteivorsitz. Nach einem starken Start hat seine Autorität zuletzt im Streit um Thilo Sarrazin und die Migrantenquote Schaden genommen. Als natürlicher Kanzlerkandidat gilt er inzwischen nicht mehr.

Der gelernte Lehrer aus Goslar ist seit 1977 SPD-Mitglied. Mit 40 Jahren war er jüngster deutscher Ministerpräsident in seinem Heimatland Niedersachsen (1999-2003). Nach der Abwahl wechselte Gabriel nach Berlin und gab ein Intermezzo als "Pop-Beauftragter" der Sozialdemokraten, was ihm eher Spott als Anerkennung einbrachte ("Siggi Pop"). Gabriel ist mit einer Zahnärztin verheiratet.
Parteivize: Manuela Schwesig
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Manuela Schwesig schaffte in nur sechs Jahren den Aufstieg von der Finanzbeamtin zur SPD-Vizechefin. Frank-Walter Steinmeier pries die 1974 geborene Schwesig einst als "strahlenden Nordstern der SPD". Im Präsidium ist sie für Familienpolitik zuständig und katapultierte sich vor allem während der Verhandlungen um die Hartz-IV-Reform in die Schlagzeilen.

Die gebürtige Brandenburgerin studierte Steuerrecht und folgte ihrem Mann nach Schwerin. Dort engagierte sie sich zunächst in der Kommunalpolitik, bevor sie im Oktober 2008 ins Schweriner Kabinett eintrat - als bundesweit jüngste Landesministerin. Sie ist Mutter eines Sohnes.
Parteivize: Hannelore Kraft
DPA
Kraft, 1961 geboren, ist SPD-Landeschefin und Ministerpäsidentin von Nordrhein-Westfalen. Seit Mitte Juli 2010 führt sie eine rot-grüne Regierung in Düsseldorf - die ersten beiden Jahre als Minderheitsregierung, seit der Landtagswahl im März 2012 mit einer deutlichen Mehrheit.

Die gelernte Bankkauffrau und studierte Wirtschaftswissenschaftlerin sieht sich selbst als Pragmatikerin, die keinem SPD-Flügel angehört. Auch ohne den typischen Stallgeruch und die übliche Ochsentour machte sie im größten SPD-Landesverband schnell Karriere - zunächst als Europa- und dann bis Mai 2005 als Wissenschaftsministerin. Später wurde sie Fraktionschefin in Düsseldorf. Kraft ist verheiratet und hat einen Sohn.
Parteivize: Klaus Wowereit
DPA
Regierender Bürgermeister von Berlin und schon seit neun Jahren an der Spitze einer rot-roten Koalition. Gilt deshalb - für nicht wenige in der SPD irrtümlich - als Linker sowie als Wegbereiter einer bundesweiten Öffnung zur Linkspartei.

Wowereit, Jahrgang 1953, ist der Senior innerhalb der SPD-Spitze. Gelernter Jurist, passionierter Partygänger, Skat- und Golfspieler. Lebt mit einem Arzt zusammen. Bekanntester Satz, immer noch: "Ich bin schwul - und das ist auch gut so."
Parteivize: Olaf Scholz
AP
Bis Herbst 2009 war Scholz, geboren 1958, Bundesarbeitsminister. Aber auch jetzt ist er wieder gut beschäftigt: Im Februar 2011 holte er bei der Bürgerschaftswahl in Hamburg die absolute Mehrheit und ist seitdem Erster Bürgermeister in der Hansestadt.

Der Fachanwalt für Arbeitsrecht hat in der SPD schon viele Karrierestationen hinter sich: Innensenator in Hamburg, SPD-Generalsekretär und Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion. Scholz ist verheiratet mit einer Hamburger SPD-Politikerin.
Parteivize: Aydan Özoguz
DPA
Die Hamburgerin, Jahrgang 1967, mit türkischen Wurzeln hat einen steilen Aufstieg in der SPD hinter sich. Seit 2009 sitzt sie im Bundestag, im Dezember 2011 übernahm sie einen der Posten als Bundes-Vize. Vorher arbeitete sie unter anderem als Intergrationsbeauftragte der SPD-Fraktion. Für Aufsehen sorgte sie 2010 mit dem Appell, die Is­lam­kon­fe­renz von Bun­desin­nen­mi­nis­ter Hans-Pe­ter Friedrich (CSU) zu boy­kot­tie­ren. Sie hatte dem Minister vorgeworfen, einen pauschalen Terrorverdacht gegen Muslime zu unterstellen. Özoguz ist mit einem Hamburger SPD-Politiker verheiratet und lebt in Oldenfelde sowie einer Berliner Dienstwohnung.
Generalsekretärin: Andrea Nahles
AP
Nahles, geb. 1970, ist schon lange bei der SPD aktiv. Vor ihrer Wahl zur Generalsekretärin war Nahles stellvertretende SPD-Vorsitzende. Einst war sie Chefin der Nachwuchsorganisation Jusos und für kurze Zeit schon einmal als Generalsekretärin vorgesehen: 2005, gegen den Willen von Franz Müntefering, der deshalb nicht mehr Parteichef sein wollte.

Nahles stammt aus Rheinland-Pfalz, sie ist Germanistin und bekennende Katholikin. Liiert ist sie mit einem Bonner Kunsthistoriker.


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