Unterschicht-Debatte Die Armut, die aus dem Osten kam

Wer gehört zu Deutschlands Unterschicht? Die aufsehenerregende Sozialstudie der Friedrich-Ebert-Stiftung gibt detaillierte Antworten: Der Prototyp der "Abgehängten" ähnelt dem des rechtsradikalen Wählers.


Berlin - 25 Prozent aller Wahlberechtigten in Ostdeutschland und 4 Prozent aller wahlberechtigten Westdeutschen sehen sich auf der "Verliererseite" und "gesellschaftlich im Abseits". "Abgehängtes Prekariat" nennt die Friedrich-Ebert-Stiftung diese Gruppe, viele übersetzen den Begriff mit "neuer Unterschicht". Die Studie zeigt: Wer dazu zählt, hängt nicht nur von der Armut oder dem Reichtum ab.

"Zwar verfügt diese Gruppe über ein weit unterdurchschnittliches Haushaltseinkommen", sagt Frank Karl von der Friedrich-Ebert-Stiftung, "pro Nase liegt der Durchschnitt etwas über dem Sozialhilfesatz." Sie hat durchschnittlich 424 Euro im Monat zur Verfügung. Aber, sagt Karl, die Ebert-Stiftung habe auch Soft skills abgefragt: Themen abseits der harten Fakten wie die Identifikation mit politischen Parteien, die Wahrnehmung der eigenen Situation, die Sicht auf die Gesellschaft. Die SPD-nahe Stiftung setzt Armut nicht mit einem Haushaltseinkommen von unter 938 Euro netto monatlich gleich, wie die Bundesregierung in ihrem jüngsten Armutsbericht. Sie analysiert zur Einordnung jedes Befragten seine Umstände und Aussagen - von harten Fakten bis eben zu den Soft skills.

Es gibt viele Gründe, wieso Menschen in Armut abgleiten oder nicht aus ihr herauskommen. Trotzdem gibt es Merkmale, die für die gesamte neue Unterschicht gelten: Zum "abgehängten Prekariat" zählen der Studie zufolge überdurchschnittlich viele

  • Männer,
  • Ostdeutsche,
  • Landbewohner,
  • Konfessionslose,
  • mit einfacher oder mittlerer Bildung.

Der größte Teil der Gruppe ist im arbeitsfähigen Alter, zwei Drittel der Befragten waren schon arbeitslos. 49 Prozent kommen aus der Unter- oder unteren Mittelschicht - sie gehören also meist schon seit mindestens einer Generation zu der Problemgruppe.

Auch die politische Haltung der Gruppe arbeitet die Studie klar heraus: Sie sind oft Protestwähler oder neigen zu den politischen Rändern. 26 Prozent stimmten für die Linkspartei/PDS, 6 Prozent für rechtsradikale Parteien - und überdurchschnittlich viele wählen gar nicht. Ein Problem ist die Fremdenfeindlichkeit: Diese Gruppe sieht die "Abschottung gegenüber Ausländern als mögliche Lösung ihrer Probleme", bilanziert die Studie.

Auffällig: Der Prototyp der "Abgehängten" ähnelt dem Prototyp des rechtsradikalen Wählers. Eine Umfrage von Infratest-dimap zeigte erst nach der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern wieder, dass vor allem junge, männliche Wähler mit niedrigem oder mittlerem Schulabschluss für die rechtsextreme NPD gestimmt haben. Und 18 Prozent der NPD-Wähler waren arbeitslos. Das wirft die Frage auf, ob die "Abgehängten" in Ostdeutschland eine ganz eigene Gruppe sind. Was sie von jenen in Westdeutschland unterscheidet, hat die Friedrich-Ebert-Stiftung nicht untersucht.

Nicht gefragt wurde, wie viele der "Abgehängten" arbeiten oder von Sozialleistungen leben. Es ist nur zu vermuten, dass viele der 5,2 Millionen Arbeitslosengeld-II-Empfänger unter ihnen sind. Klar ist aber auch: Selbst wer Arbeit hat, kann unter die offizielle 938-Euro-Armutsgrenze fallen. Laut Statistischem Bundesamt verdienen im Osten rund vier Prozent aller Arbeitnehmer weniger als 900 Euro monatlich - im Westen rund zwei Prozent.

anr



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