Untersuchung von tödlichem Unfall Meuterei auf der "Gorch Fock"

Der Tod einer Soldatin auf der "Gorch Fock" hatte schlimmere Folgen als bisher bekannt. Ermittlungen des Wehrbeauftragten liefern nach Informationen von SPIEGEL ONLINE Hinweise auf eine regelrechte Meuterei - und zeichnen ein düsteres Bild von der Ausbildung auf dem Schulschiff.

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Berlin - Von außen betrachtet ist das Image der "Gorch Fock" tadellos: Die weiße Dreimastbark ist wichtigster Werbeträger der deutschen Marine, Schule fürs Seemannsleben.

Die Innenansicht ist eher düster: Nach Recherchen des Wehrbeauftragten Hellmut Königshaus herrschen an Bord schier inakzeptable Zustände. Von Meuterei der Besatzung ist da die Rede, von einem angeblichen Aufhetzen der Kadetten gegen die Schiffsführung, von massiver Nötigung der Soldaten, trotz Höhenangst in die Masten aufzuentern - und sogar der Vorwurf der sexuellen Belästigung eines Offizieranwärters steht im Raum.

Die neuen Hinweise gehen auf Ermittlungen zurück, die der Wehrbeauftragte nach dem Tod einer 25-jährigen Soldatin im November 2010 eingeleitet hatte. Vergangene Woche sprach einer seiner Mitarbeiter zwei Tage lang in der Marineschule Mürwik in Flensburg mit von der "Gorch Fock"-Ausbildung zurückgekehrten Soldaten. Nun informierte Königshaus den Verteidigungsminister und die Fachpolitiker in einem dreiseitigen Brief über die beunruhigenden Erkenntnisse. Das Schreiben liegt SPIEGEL ONLINE vor.

Die Darstellungen der Soldaten zeichnen ein düsteres Bild der Zustände an Bord, nachdem die Soldatin Sarah S. im brasilianischen Hafen von Salvador de Bahia während der Segelvorausbildung beim Herunterklettern aus einem Mast aufs Deck gestürzt und gestorben war. Die Marineführung entschied sich nach dem Unfall, die Ausbildung der Kadetten auszusetzen und die Offiziersanwärter nach Deutschland auszufliegen. Dies sorgte für Verwunderung, war doch in der 52-jährigen Geschichte der "Gorch Fock" noch nie eine Ausbildungsfahrt wegen eines Unfalls abgebrochen worden.

Heftiger Streit zwischen Kadetten und Schiffsführung

Warum also die plötzliche Entscheidung? Gerüchte über eine Meuterei machten die Runde. Das Flottenkommando im schleswig-holsteinischen Glücksburg wies diese Spekulationen deutlich zurück. Es handele sich bei der Entscheidung um die "ganz normale Fürsorgepflicht eines Arbeitgebers gegenüber seinen Arbeitnehmern", sagte ein Sprecher damals SPIEGEL ONLINE. Man wolle der Stammbesatzung, die weiter an Bord blieb, sowie den Ermittlern "die nötige Ruhe geben, den Vorfall zu untersuchen". Zudem sollte das Ausbildungskonzept auf den Prüfstand.

Offenbar wollte das Flottenkommando damals die wahren Zustände an Bord beschönigen. Das jedenfalls legen die Erkenntnisse des Teams von Königshaus nahe.

Gespräche mit betroffenen Offiziersanwärtern zeichnen nach, was nach dem Tod der Soldatin an Bord passierte: Demnach kam es zu einem heftigen Streit zwischen den Kadetten und der Schiffsführung. Viele Soldaten wollten nicht mehr in die Masten aufentern, berichteten die Soldaten. Andere weigerten sich gar, mit der "Gorch Fock" weiterzufahren.

Die Beschreibungen der Kadetten geben einen Einblick in die abgeschottete Welt auf dem Segelschiff. So sei nach dem Tod von Sarah S. eine heftige Diskussion mit den Vorgesetzten entbrannt, ob der Unfalltod auf dem Ausbildungsschiff mit dem Tod eines im Einsatz gefallenen Soldaten vergleichbar sei, berichtet Königshaus in seinem Brief. In dieser verfahrenen Situation beauftragte Kapitän zur See Norbert Schatz, "Gorch Fock"-Kommandant seit Anfang 2006, zwei dienstältere Kadetten, zwischen den trauernden Soldaten und der Schiffsführung zu vermitteln.

Das Manöver glückte nicht. Statt die Lage zu entspannen, spitzte sich der Konflikt an Bord zu: Kommandant und Erster Offizier warfen den beiden vermittelnden Offiziersanwärtern und zwei weiteren Kadetten plötzlich "mangelhafte Zusammenarbeit mit der Schiffsführung" vor. Alle vier sollten "wegen Meuterei und Aufhetzen" der Offiziersanwärter noch vor dem Auslaufen der "Gorch Fock" von der Ausbildung abgelöst und zurück nach Deutschland geflogen werden.

Offenbar wollte man ihnen sogar die Eignung zum Offizier aberkennen.

Druck auf die Soldaten, in die Masten zu klettern

Kurz vor dem Rausschmiss der Vermittler aber entschied sich die Marineführung überraschend, die gesamte Ausbildung auf der "Gorch Fock" auszusetzen. In der Folge seien die angeblich aufmüpfigen Soldaten aufgefordert worden, die ihnen vorgelegten Ablösungsanträge sofort zu vernichten - offenbar wollte die Schiffsführung die Spuren des Drucks auf die Offiziersanwärter verwischen. Nicht alle kamen dieser Aufforderung nach, schreibt Königshaus.

Abseits der verfahrenen Lage nach dem Tod werfen die Gespräche in Mürwik auch allgemeine Fragen über die Form der Ausbildung auf der "Gorch Fock" auf. So berichteten die Soldaten, dass die Ausbilder massiven Druck auf sie ausübten. Wenn jemand wegen Höhenangst nicht in die Takelage des Schiffes klettern wollte, sei es bis zur Nötigung gegangen. Das Klettern findet ohne Absicherung statt, erst beim Erreichen der Arbeitsposition können sich die Soldaten per Karabinerhaken sichern. Viele Soldaten haben Angst, beim Klettern abzustürzen.

Das Klettern in die Masten gilt auf der "Gorch Fock" als freiwillig. Die Praxis sieht jedoch anders aus: Demnach seien die Kadetten gedrängt worden, in die Masten zu klettern. Es seien Sätze wie "Wenn Sie nicht hochgehen, fliegen Sie morgen nach Hause" und "Wenn Sie das nicht schaffen, wie wollen Sie dann Menschen führen?" gefallen, berichteten die Soldaten dem Ermittler von Königshaus. Während der Arbeit in der Takelage seien sie von den Ausbildern angeschrien worden: "Geben Sie Gas, stellen Sie sich nicht so an!"

In einem Fall sei ein Offiziersanwärter mit ausgeprägter Höhenangst dazu gebracht worden, bis zum höchsten Segel aufzuentern, obwohl er eigentlich nicht wollte. Als er beim nächsten Mal erneut Bedenken hatte, sei ihm vorgehalten worden, er könne es doch, schließlich sei er doch schon ganz oben gewesen. Nach dem Unfall sei zwar die Freiwilligkeit des Aufenterns wieder verstärkt betont worden, doch hätten einige Ausbilder weiter Druck gemacht - bis hin zu der Äußerung, die Weigerer vom Lehrgang abzulösen.

Die Erkenntnisse von Königshaus, die er auch dem Inspekteur der Marine vorlegte, werden die Diskussion um die "Gorch Fock", strahlend weißes Vorzeigeschiff Deutschlands und Stolz der Marine, erneut anheizen.

Zur Kritik an der Ausbildungspraxis kamen außerdem Berichte von Soldaten, dass einer ihrer Kameraden der sexuellen Nötigung durch drei andere Soldaten ausgesetzt gewesen sei. Diese hätten ihm beim Duschen gesagt, es sei "auf dem Schiff ähnlich wie im Knast, jeder Neue müsse seinen Arsch hinhalten", daraufhin flüchtete der Soldat. Eine Beschwerde führte lediglich dazu, dass Kommandant Schatz daraufhin die Besatzung an der Pier antreten ließ und "eine Belehrung" aussprach.

Die geschilderten Zustände sorgten am Mittwoch bereits für hitzige Diskussionen im Verteidigungsausschuss des Bundestags. Das Verteidigungsministerium sagte eine schnelle und detaillierte Prüfung der Darstellung der Soldaten und eventuelle Konsequenzen zu. Die Recherchen liefen bereits auf Hochtouren. Der grüne Fachpolitiker Omid Nouripour warnte gegenüber SPIEGEL ONLINE vor zu schnellen Urteilen. "Die Vorwürfe müssen erst genau geprüft werden", sagte er. Sollten sich diese jedoch bei weiteren internen Ermittlungen bestätigen, sei dies "ein Fall für den Staatsanwalt".

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 589 Beiträge
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Seite 1
README.TXT 19.01.2011
1. Mal ehrlich
Wenn ich Höhenangst habe, bin auf so einem Schiff falsch. Der Spass mit der Seife hat der Verars*te (welche passender Wortwitz) nicht als solchen erkannt. Die Verantwortlichen bei der Marine sollten mal die Personalvorauswahl auf den Prüfstand stellen und nicht jeden der "Piraten der Karibik" gesehen hat auf ein Schiff lassen.
coriolanus, 19.01.2011
2. Fürsorge
Zitat von sysopDer Tod einer Soldatin auf der "Gorch Fock" hatte schlimmere Folgen als bisher eingestanden. Ermittlungen des Wehrbeauftragten liefern nach Informationen von SPIEGEL ONLINE Hinweise auf eine regelrechte Meuterei - und zeichnen ein düsteres Bild von der Ausbildung auf dem Schulschiff. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,740350,00.html
Es handle sich um die "ganz normale Fürsorge eines Arbeitgebers für den Arbeitnehmer". Sind wir nicht mehr beim Militär und Soldaten? Jetzt fehlt wohl nur noch die Frauenbeauftragte an Deck. Bei uns hieß es: Ihr seid jetzt beim Barras.
panzerknacker51, 19.01.2011
3. Eine Seefahrt...
die ist lustig, eine Seefahrt die ist schön - so geht ein bekannter Liedtext, der mit Sicherheit gerade in der Entstehungszeit nicht zutraf. Und die Ausbildung auf Segelschiffen, und dann noch militärisch, ist bestimmt mit das härteste, was man sich vorstellen kann. Wer sich mit soetwas beschäftigt hat, nicht schwindelfrei ist und sich dennoch darauf einläßt, ist selbst Schuld. Also, aufhören mit dem Gemecker und einen bequemeren Ausbildungsplatz suchen.
unterländer 19.01.2011
4. Ach du liebe Zeit ....
Zitat von sysopDer Tod einer Soldatin auf der "Gorch Fock" hatte schlimmere Folgen als bisher eingestanden. Ermittlungen des Wehrbeauftragten liefern nach Informationen von SPIEGEL ONLINE Hinweise auf eine regelrechte Meuterei - und zeichnen ein düsteres Bild von der Ausbildung auf dem Schulschiff. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,740350,00.html
Wahrhaft skandlös ist der Umstand, dass beim Auf- und Abentern noch immer keine Sicherung eingeführt wurde. Den Rest der Betroffenheitslyrik hätten sich die Verfasser ersparen können. Herr Kazim hat noch vor Kurzem einen Bericht über seine Ausbildung auf der Gorch Fock, die ähnlich verlaufen ist wie die jetzt kritisierte, auf eines Tages eingestellt. Dort war, so weit ich mich erinnern kann, keine Rede von solch harter Kritik. Und dafür, dass drei Kadetten einen anderen sexuell belästigten, ist die Führung der Gorch Fock nach meinem Dafürhalten nicht verantwortlich. Aber es passt ins Bild, dass selbst das für die angeblich schlechten Zustände herhalten muss.
barlog 19.01.2011
5. Titel
Zitat von sysopDer Tod einer Soldatin auf der "Gorch Fock" hatte schlimmere Folgen als bisher eingestanden. Ermittlungen des Wehrbeauftragten liefern nach Informationen von SPIEGEL ONLINE Hinweise auf eine regelrechte Meuterei - und zeichnen ein düsteres Bild von der Ausbildung auf dem Schulschiff. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,740350,00.html
Interessanter Artikel ! Habe mich schon immer gefragt, wie man junge Leute dazu bringt, an Strickleitern auf heftig wackelnde, 40 m hohe Masten zu klettern. Interessieren würde mich, welche Vorstellungen zukünftige Kadetten von ihrem Einsatz auf diesem altmodischen Kletterboot haben bzw. wie ihnen ihr zukünftiger Einsatz angekündigt wird ("Der Klettereinsatz in der Takelage ist freiwillig, aber wir hoffen, daß genug Kadetten das so spannend finden, daß wir nicht immer nur mit Motorkraft fahren müssen.")
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