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Untersuchungsbericht zur "Gorch Fock": Ekelrituale nach Vorschrift

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Unfälle, sexuelle Belästigung, Suff, überharter Drill - auf dem Vorzeige-Segler "Gorch Fock" herrschten angeblich unerträgliche Zustände. Ermittler unter Führung des Marineamtes kommen jetzt zu dem Ergebnis, es sei alles gar nicht so schlimm gewesen. Warum eigentlich?

Segelschulschiff "Gorch Fock": Ermittler fanden kaum Anhaltspunkte für Dienstvergehen Zur Großansicht
DPA

Segelschulschiff "Gorch Fock": Ermittler fanden kaum Anhaltspunkte für Dienstvergehen

Hamburg - Auf diesen Bericht, ganze 98 Seiten plus Anhang von noch mal 257 Seiten, haben viele in Berlin gewartet. Nachdem zu Beginn des Jahres ein wahrer Entrüstungssturm über die Zustände auf dem deutschen Segelschulschiff "Gorch Fock" ausgebrochen war, der stolze Segler tagelang die Titelseiten aller Tageszeitungen mit hässlichen Überschriften über Drill an Bord, Ekelrituale und sogar sexuelle Belästigungen an Bord zierte, sollte eine Untersuchungskommission klären, was sich auf dem Paradeschiff eigentlich abgespielt hat.

Am Freitagabend war es soweit. Taktisch geschickt nach Dienstschluss der meisten Bundestagsbüros übergab die Marine den Bericht an den Bundestag. Nun wird sich der Verteidigungsausschuss am Mittwoch erneut mit dem Thema befassen.

Bei aller Aufregung um die "Gorch Fock", nach der recht hektisch angeordneten Suspendierung des Kommandanten und dem sofortigen Heimkehrbefehl durch den mittlerweile zurückgetretenen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) kommt der Wälzer der Marine-Ermittler zu einem recht nüchternen Ergebnis. Auf den beiden letzten Seiten fassen die Ermittler unter Führung von Konteradmiral Horst-Dieter Kolletschke, Chef des Marineamts in Rostock, kurz und knapp ein für alle "Gorch Fock"-Fans wohl erleichterndes Ergebnis zusammen. Sie stellen fest, "dass die erhobenen Vorwürfe sich zum großen Teil als nicht haltbar erwiesen haben. Soweit Vorwürfe in Teilen bestätigt werden konnten, besaßen diese hingegen bei Weitem nicht die Qualität, die ihnen ursprünglich beigemessen worden ist."

Diese beiden Sätze schienen die Affäre um das Parade-Schiff schlagartig beendet zu haben. Am Wochenende veröffentlichten viele Medien, auch SPIEGEL ONLINE, eine Vorabmeldung der "Financial Times Deutschland" über den Bericht. Eindeutiger Tenor unter Bezug auf die beiden Bewertungssätze: Der vorläufig suspendierte Kapitän zur See Norbert Schatz sei durch die Recherchen entlastet. Obwohl sein Name in dem Bericht nur am Rande auftaucht, er und auch der Erste Offizier gar nicht befragt worden sind, schien der Kommandant plötzlich als Gewinner des Tages dazustehen. In Marine-Foren im Internet wurde bereits über seine Wiedereinsetzung diskutiert.

Die Meldung ist bei genauer Lektüre des Untersuchungsberichts allerdings eine recht eigenwillige Interpretation. Mit einem vierköpfigen Team waren die Ermittler nach Südamerika gejettet, befragten dort 221 Offiziersanwärter, die bei den letzten Lehrgängen an Bord waren, und 192 Angehörige der Stammbesatzung. Gleich zu Beginn ihres Berichts stellen sie jedoch klar, dass einer der wichtigsten Punkte der Affäre um das Schiff in dem Papier gar nicht vorkommt: Am 7. November war die Kadettin Sarah Seele aus den Masten aufs Deck gestürzt und gestorben. Ob es vor dem Tod Fehler bei der Ausbildung gab, ob die Frau nicht richtig gemustert wurde oder vielleicht zum Aufentern gedrängt wurde, ist laut dem Bericht Sache der Staatsanwaltschaft.

Andere Vorwürfe lassen sich gar nicht mehr klären, wie dem als "Verschlusssache - nur für den Dienstgebrauch" eingestuften Bericht an mehreren Stellen zu entnehmen ist. Über die als "kalt" und "unpassend" kritisierte Rede von Schatz zur Bekanntgabe des Todesfalles heißt es zum Beispiel: "Der Kommission war es nicht möglich, den genauen Wortlaut der Ansprachen zu rekonstruieren."

Doch wie ist der Bericht nun einzuschätzen?

Fake-Erbrochenes, angebliche Meuterei, seltsame Begegnungen unter der Dusche: SPIEGEL ONLINE hat den Bericht auf die einzelnen Vorwürfe hin geprüft - klicken Sie auf die Überschriften!

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insgesamt 129 Beiträge
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1. ...
Venator14 15.03.2011
Wäre Guttenberg nicht schon weg, müsste er spätestens jetzt zurücktreten. Wie offensichtlich er der Bild Zeitung das Verteidigungsministerium überlassen hat, war wirklich eine Schande. Wer keine Äquatortaufe erleben will, der sollte nicht zur See fahren.
2. Drei!
R1181 15.03.2011
Die Gorch Fock ist ein Dreimaster. Da sieht man mal, wie der Bericht der Marine die Fakten verdreht!
3. ....
nichtWeich 15.03.2011
Zitat von sysopUnfälle, sexuelle Belästigung, Suff, überharter Drill - auf dem Vorzeige-Segler "Gorch Fock" herrschten angeblich unerträgliche Zustände. Ermittler unter Führung des Marineamtes kommen jetzt zu dem*Ergebnis, es sei alles gar nicht so schlimm gewesen. Warum eigentlich? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,750920,00.html
Der Spiegel weiss es wieder besser..... Selber hat der Spiegel sich an den Bild-Reporten hochgezogen und jetzt darf sich das Ermittlerteam nicht darauf berufen... Schade das hier nicht mit dem Auge des unbeteileigten Beobachters berichtet wird. Propaganda hurra......
4. Allein die Tatsache...
ElOmda 15.03.2011
das nur 4 Marinevertreter die Untersuchung führten. Das sie nur so wenig Zeit in Anspruch nahm und das man glaubt, in einer verschworenen Gemeinschaft ohne Probleme die Wahrheit finden zu können zeit wie ernst man das ganze nahem. Selbst die Staatsanwaltschaft die weisungsgebunden handelt wird kaum etwas finden können. Wie ihr Bericht zu recht feststellt. Ein Aufbrechen alter Rituale ist nicht erkennbar. Ja keine Rufschädigung. Eine Chance wurde vertan. P. S. Ich weiß wo von ich schreibe. Als ehemaliger Berufs - Offizier kenne ich solche Rituale und die Denkweisen die ihnen zu Grunde liegen ! Richtiger und notwendiger Drill fehlt - falscher wird überproportional zelebriert. Eine Wehrdienstzeit von unter 18 Monaten lässt kaum Spielraum für eine gute Ausbildung und Bildung von Teams die fähig wären, sich selbst zu schützen und ihre Aufträge ohne Verluste auszuführen. Danke für ihre gute Darstellung dieser durchaus mit Sprengstoff behafteten Affäre. Zur Suspendierung: Richtig betrachtet und angewendet kann eine Suspendierung durchaus Sinn machen: Man schützt Opfer und mögliche Täter. Verhindert Einflussnahme auf Ermittlungen. Man schützt die Unschuldigen vor Spießrutenlaufen und man kann in aller Ruhe die Ergebnisse abwarten. Insofern gehört in der Marine die Fürsorgepflicht gegenüber Untergebenen zu einer wichtigen Aufgabe.
5. Verantwortung
gh7401 15.03.2011
Nun werden auch noch die wenigen, die auf merkürdige Vorgänge hinwiesen diskriminiert. Als ich in den 60-er Jahren dabei war, wurde noch Aufrichtigkeit und Demokratie gelehrt.
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