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Unverständliche Parteiprogramme: Wahlkampf mit Wortmonstern

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Was wollen SPD, CDU und Co. eigentlich? Sprachforscher haben jetzt versucht, die Kurzprogramme der Parteien zu verstehen. Gar nicht so einfach - denn die Wahlkämpfer lieben Schachtelsätze. Am besten fasst noch die Linke ihre Anliegen zusammen. Sie formuliert fast auf "Bild"-Niveau.

Wahlprogramme: Wortwolken und Wichtigtuer Fotos
SPIEGEL ONLINE

Wenn es nicht so ernst wäre, müsste man vermutlich lachen. Was sind das für Wortungetüme: Die "Abflachung des Mittelstandsbauchs" fordert die Union, und Die Linke will eine "Effizienzrevolution, eingebettet in alternative Lebensstile". Die FDP hingegen stellt wichtigtuerisch fest: "Terrorismusbekämpfung ist eine Querschnittsaufgabe."

Doch leider ist es ernst, sehr ernst. Denn die Wörter sollen Wirklichkeit werden. Sie stammen aus den Programmen der Parteien für die Bundestagswahl. Sie erklären also - in der Theorie - die Pläne der Politiker, damit die Bürger vergleichen können. In der Praxis geht das gründlich schief. "Die Parteien geben sich wenig Mühe, den Wählerinnen und Wählern ihre Politik verständlich zu machen", heißt es in einer Studie von Sprachforschern. "Ohne ein hohes Bildungsniveau oder politisches Fachwissen sind die Inhalte der Bundestagswahlprogramme für die Wählerinnen und Wähler nur schwer zugänglich."

Ein Kommunikationsdesaster also - das hatten die Forscher der Universität Hohenheim und des Communication Lab in Ulm bereits vor einigen Wochen diagnostiziert. Zu viele Sätze in den Wahlprogrammen waren lang und verschachtelt, zu viele Wörter unverständlich, zu viele Formulierungen mehrdeutig. Vor allem Die Linke schnitt schlecht ab: Das Wahlprogramm erzielte nur 6,5 von 20 Punkten auf der "Verständlichkeitsskala" der Forscher. Es sei "nicht sehr viel leichter zu lesen als eine Doktorarbeit in Politikwissenschaft", so die Studie. Soweit, so schlecht.

Jetzt haben die Forscher erneut gemessen. Sie haben sich die Kurzprogramme vorgenommen, die alle großen Parteien vorgelegt haben. Diese verknappten Versionen sind deutlich dünner als die Originalprogramme. Aber sind sie auch verständlicher? Die Ergebnisse der neuen Studie, die SPIEGEL ONLINE exklusiv vorliegt, zeigen: Die Parteien haben dazugelernt, die Kurzprogramme sind einfacher zu lesen.

Auf der Verständlichkeitsskala liegt die Linke vorn

Vor allem Die Linke schafft es jetzt, ihre Anliegen an die potentiellen Wähler zu bringen. Auf der "Verständlichkeitsskala" liegt das Kurzprogramm bei 16,4 von 20 Punkten - die "Bild"-Zeitung ist mit ihren Politik-Beiträgen nur unwesentlich besser. Die Grünen erreichen mit ihrem Kurzprogramm 14,4 Punkte. Die anderen Parteien bleiben deutlich dahinter: Die FDP liegt bei 11,5 Punkten, Union und SPD kommen auf 11,3 Punkte.

Die Forscher erfassten für ihre Analyse unter anderem die durchschnittliche Satz- und Wortlänge sowie den Anteil der Schachtelsätze und der Sätze mit mehr als 20 Wörtern. "Das Verfahren basiert auf einer langen Forschungstradition, vor allem in den USA", sagt Co-Autor Jan Kercher, Kommunikationswissenschaftler an der Universität Hohenheim. Über die inhaltliche Qualität der Programme sagen die Auswertungen natürlich nichts.

Aber klar ist auch, dass die schlaueste Idee nichts nutzt, wenn keiner sie versteht.

Die Forscher haben nicht nur die "formale Verständlichkeit" untersucht, sondern auch nach besonders häufig verwendeten Wörtern gesucht:

  • "Bei den Begriffen setzen CDU und CSU wieder auf Patriotismus und spielen insbesondere die ,Deutschland'-Karte", heißt es in ihrer Analyse.
  • Die SPD habe sich im Kurzprogramm "für keinen eindeutigen begrifflichen Schwerpunkt entscheiden" können.
  • Bei der FDP fiel vor allem das Wort "mehr" auf,
  • die Grünen hingegen wollen offenbar in erster Linie "Freiheit".

Bei ihrer Begriffsanalyse fanden die Forscher auch einen möglichen Grund dafür, dass Die Linke ihr Kurzprogramm so verständlich halten konnte: "Die Linke schließlich setzt in ihrem offiziellen Kurzprogramm vor allem auf ein Thema: sich selbst."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 26 Beiträge
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1. WahlWERBUNG
xtorbati, 10.09.2009
Wie bei der Produktwerbung versuchen auch die Parteien jenseits von Realismus und Glaubwürdigkeit, "ihre Programme" als die besten Lösungen der Zukunft zu verkaufen. Damit das nicht allzu platt wird, werden eben anstatt Inhalt die Orthographie bzw Grammatik "verkompliziert". Damit die meist platten Forderungen etwas durchdachter wirken. usw...
2. #
myspace 10.09.2009
Ich brauch die Programme gar nicht zu lesen, die Linke hat auf einem Wahlplakat schon eine Ansage gemacht, die nicht mehr zu toppen ist: 'Reichtum für alle' da kann die FDP mit ihren stumpfen Steuersenkungsplänen nicht mithalten.
3. Das ist falsch
marvinw 10.09.2009
---Zitat--- Unverständliche Parteiprogramme ---Zitatende--- Wahlprogramme sind nicht unverständlich sondern haben *keinen Sachinhalt* der darauf hinweist *wofür eine Partei eigentlich steht.* Das Wahlprogramm von CDU ist das beste Beispiel für die Wählerverdummung: einerseits will man sich als Volkspartei präsentieren, andererseits vertritt man ausschließlich Interessen von Reichen und Unternehmern. Es geht nicht darum dass jemand "schwierige Wörter" schreibt, so gebildet ist kein Politiker. Es geht mehr um die falschen Wahlkampfversprechen und Wählertäuschung. So wie z.B FDP: *"Die Arbeit muss sich wieder lohnen."* Damit will FDP uns nicht sagen dass sie für uns Steuern senkt, sondern dass unsere Arbeit sich mehr für Unternehmer lohnen muss, sprich durch Dumpinglöhne.
4. Zielgruppenorientiert
nobby_l 10.09.2009
Zitat von sysopWas wollen SPD, CDU und Co. eigentlich? Sprachforscher haben jetzt versucht, die Kurzprogramme der Parteien zu verstehen. Gar nicht so einfach - denn die Wahlkämpfer lieben Schachtelsätze. Am besten fasst noch die Linke ihre Anliegen zusammen. Sie formuliert fast auf "Bild"-Niveau. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,647878,00.html
Zielgruppenorientierte Ansprache nennt man das wohl. Aber im Ernst: Für mich sind alle Aussagen auf Plakaten völlig inhaltsleer.
5. Effizienzrevolution
evolut 10.09.2009
Zitat von sysopWas wollen SPD, CDU und Co. eigentlich? Sprachforscher haben jetzt versucht, die Kurzprogramme der Parteien zu verstehen. Gar nicht so einfach - denn die Wahlkämpfer lieben Schachtelsätze. Am besten fasst noch die Linke ihre Anliegen zusammen. Sie formuliert fast auf "Bild"-Niveau. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,647878,00.html
"Effizienzrevolution, eingebettet in alternative Lebensstile". Steht sowas ähnliches tatsächlich manchmal in dieser Bildzeitung? Ich bin einigermaßen überrascht.
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