Urlaub bei Aufsichtsrat Wulff rühmte sich seiner Verdienste um die Versicherungswirtschaft

Der Gratisurlaub von Bundespräsident Christian Wulff beim Aufsichtsratschef eines Versicherungskonzerns wirft neue Fragen auf: Laut Informationen des SPIEGEL soll sich Wulff als niedersächsischer Ministerpräsident massiv für die Interessen der Versicherer eingesetzt haben.

Ex-Ministerpräsident Wulff: "Eintreten für die Beibehaltung des Privilegs der Steuerfreiheit"
dapd

Ex-Ministerpräsident Wulff: "Eintreten für die Beibehaltung des Privilegs der Steuerfreiheit"


Hamburg - Wolf-Dieter Baumgartl, Aufsichtsratschef des Talanx-Versicherungskonzerns, gilt als lebensfroher Mensch. Er soll eine Vorliebe für gute Weine, schnelle Autos und Motorräder pflegen - und die teilt er offenbar gern mit Freunden. Kurz nach ihrer Trauung im Jahr 2008 sollen Bettina und Christian Wulff, damals noch niedersächsischer Ministerpräsident, im italienischen Domizil Baumgartls ihre Ferien verbracht haben.

Jetzt rückt der Gratisurlaub des heutigen Bundespräsidenten in ein neues Licht. Laut Informationen des SPIEGEL hatte Wulff sich als Ministerpräsident für wesentliche Interessen der Versicherungswirtschaft eingesetzt, nämlich in der Frage, ob die Erträge aus Lebensversicherungen steuerfrei bleiben sollten.

Auf einer internen Veranstaltung des Konzerns, der HDI-Versicherungen des Talanx-Konzerns, hatte sich Wulff im Jahr 2005 dieser Verdienste für die Branche sogar selbst gerühmt. "Sofern es im Einflussbereich der Niedersächsischen Landesregierung lag, ist sie für die Beibehaltung des Privilegs der Steuerfreiheit der Erträge eingetreten", führte Wulff in einer Rede vor dem Gesamtbeirat der HDI-Versicherungen aus.

Die Landesregierung habe für die Kompromisslösung gekämpft, dass nur die Hälfte der Erträge besteuert werden sollte. Durch diesen Einsatz würden "Lebensversicherungen auch weiterhin eine wichtige Rolle bei der privaten Altersvorsorge spielen". Baumgartl war bei Wulffs Rede persönlich anwesend und wurde von diesem namentlich begrüßt.

"Lediglich langjährige Freunde besucht"

Drei Jahre später verbrachte Wulff zusammen mit seiner Frau Bettina seinen Urlaub in Baumgartls Villa in der Toskana, ohne dafür zu zahlen. Wulff hatte seine Gratis-Urlaube damit verteidigt, dass er lediglich langjährige Freunde besucht habe. Eine Verbindung zwischen seinen politischen Ämtern und den wirtschaftlichen Interessen dieser Freunde habe es dagegen nicht gegeben.

Am 18. Dezember 2011 hatten Wulffs Anwälte eine Liste veröffentlicht, auf der sechs Urlaube verzeichnet waren, die Wulff bei Freunden verbracht haben soll. Demnach weilte er zwischen 2003 und 2010 nicht nur auf einem Anwesen des Talanx-Aufsichtsrats Wolf-Dieter Baumgartl, sondern auch in Ferienhäusern des Ehepaars Geerkens, des Multimillionärs Carsten Maschmeyer und des Unternehmer-Paars Angela Solaro und Volker Meyer.

Der heute 68-jährige Baumgartl wurde im Jahr 1993 Vorstandschef des Haftpflichtverbands der Deutschen Industrie V.a.G. (HDI). Damals war der Versicherer stark angeschlagen. Es gelang Baumgartl jedoch, den Konzern wieder nach vorn zu bringen. Aus dem HDI ging 1996 die Versicherungsholding Talanx AG hervor, Baumgartl wurde auch dort Vorstandschef, seit 2006 ist er Talanx-Aufsichtsratschef.

Die "Hannoversche Allgemeine" hatte berichtet, dass Wulff und Baumgartl sich spätestens 1999 kennenlernten. Damals habe die Abwanderung des Versicherungskonzerns nach Bayern gedroht. Wulff soll sich massiv für einen Verbleib des Unternehmens in Hannover stark gemacht machen.



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Seite 1
Meckerliese 07.01.2012
1. noch was
Gibts noch eine Branche wo der geldgierige Kerl nicht seine schmutzigen Finger im Spiel hat?
indiantiger 07.01.2012
2.
Klar hat er sich um die Versicherungswirtschaft verdient gemacht. Sonst hätte Maschmeyer ihn ja auch nicht urlauben lassen. Auch Schröder hat sich ausgesprochen hingebungsvoll um die Versicherungswirtschaft verdient gemacht, siehe Riester. Warum predigte Politik denn seit Jahren, Bürger müßten sich privat versichern, statt endlich für eine ordentliche Reform des gesetzlichen Rentensystems zu sorgen? Wulff und Schröder haben sich da beide sehr verdient gemacht, den Versicherungsunternehmen über politische Entscheidungen hohe Profite zuzuschanzen. Ich erinnere nur an die unsägliche halbgare Riesterrente, in die Leute real einzahlen, denen dann aber nichts ausgezahlt wird, weil es mit HartzIV verrechnet wird. Die hätten ihre sinnlosen Beiträge lieber verjubeln sollen. Das wäre bei weitem sinnvoller gewesen. Aber Politik gaukelte ihnen Lügen vor ... zum Wohle der Versicherungsgesellschaften.
max_copernicus 07.01.2012
3. Genau hinschauen!
Wulff hat doch mit seinem Einsatz dafür gesorgt, dass den Kleinsparer-Michels nicht auch noch die Erträge der LVs besteuert werden. Und das soll ihm jetzt zum Nachteil ausgelegt werden? Dass ich nicht lache.
drouhy 07.01.2012
4. Herr Wulff
Zitat von sysopDer Gratisurlaub von Bundespräsident Christian Wulff beim Aufsichtsratschef eines Versicherungskonzerns wirft neue Fragen auf: Laut Informationen des SPIEGEL soll sich Wulff als niedersächsischer Ministerpräsident massiv für die Interessen der Versicherer eingesetzt haben. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,807773,00.html
hat einen Fehler gemacht. Diejenigen, die sonst mit tollem Interpretationsrahmen zur massiven Fehlinformation beitragen, im Auftrag auch von Wulff und Konsorten, stellen sich nun gegen ihn. Herr Wulff: Die Hand, die einen füttert, die beisst man nicht. Mit dem Versuchten Ausschalten der Presse war wirklich der Rubikon überschritten - jetzt geht es nur noch Richtung Hades. Ansonsten kann man diese Amt wohl doch eher abschaffen, da Leute wie von Weizäcker und Herzog in der akuellen Politlandschaft D-Lands keinerlei Chance hätten. Erbärmlich ist das Verhalten der Sozen und Grünen, die offenbar mitten im Klüngel hängen, der nur angepasste Kreationisten mag.
matbhmx 07.01.2012
5. Und wo, lieber Spiegel ...
... ist jetzt der Skandal! Der Mann hat sich dafür eingesetzt, dass nicht all denjenigen, die sich auf die langjährige Empfehlung der diversen Bundesregierungen, auch der SPD und der Grünen, private Altersvorsorge zu betreiben (und hierzu gerade auch Lebensversicherungen zur Altersversorgung empfohlen haben) die Altersversorgung wieder wegbesteuert wird. Dass dies zwangsläufig auch im Interesse der Versicherungswirtschaft als Anbieter von Lebensversicherungen war, ist selbstverständlich. Und dass sich Wulff als Ministerpräsident dafür verwendet, dass ein Versicherungskonzern im eigenen Bundesland verbleibt, auch dass ist nicht einmal im Entferntesten ein Skandal, noch nicht einmal ein Fehlverhalten. Und weiterhin gilt: Dass Wulff unter Millionären, gar Multimillionären, vielleicht sogar Milliardären Freunde hat, die ihm haben zinsgünstig Geld leihen können und ihn privat einluden, gar in deren Feriendomizilen kostenfrei Urlaub machen ließen, bleibt auch weiterhin kein Skandal.
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