Ursula Engelen-Kefer "Mit Schröder war kaum sachlich zu diskutieren"

Gerhard Schröder hat wieder einmal die Gewerkschaften gegen sich aufgebracht - diesmal mit seinen Memoiren. Seine frühere DGB-Kontrahentin, Ursula Engelen-Kefer, wehrt sich im SPIEGEL-ONLINE-Interview gegen die Vorwürfe und schiebt den Schwarzen Peter an Schröder zurück.


SPIEGEL ONLINE: Gerhard Schröder macht in seinen Memoiren den Gewerkschaften schwere Vorwürfe. Einige Gewerkschaftsbosse, namentlich Frank Bsirske und Jürgen Peters, hätten 2004 systematisch auf den Sturz des Kanzlers hingearbeitet. Stimmt das? Gab es damals so eine Stimmung in den Gewerkschaften?

Engelen-Kefer: Das ist eine falsche Darstellung, zumindest für den großen Bereich, den ich überblicken kann. Was es in den Gewerkschaften gab, und zwar nicht nur in der Führungsspitze, war eine Kritik an der Ausrichtung von großen Teilen der Agenda 2010. Das war mit Gerhard Schröder leider kaum sachlich zu diskutieren. Er hat stattdessen mit persönlichen Angriffen auf die Kritiker reagiert. Ich war ja auch häufiger Gegenstand dieser Angriffe…

SPIEGEL ONLINE: …unter anderem hat er sie "Quengelen-Kefer" genannt.

Engelen-Kefer: Ich habe in gemeinsamen Gesprächen immer versucht, konstruktive Vorschläge zur Korrektur der Agenda 2010 zu machen. Aber es gab dann am Ende ein Klima, in dem nicht mehr diskutiert wurde. Und das hat zu großer Verärgerung in den Gewerkschaften geführt.

SPIEGEL ONLINE: Schröder hat die Gewerkschaften erst in die Konfrontation getrieben?

Engelen-Kefer: Zumindest diejenigen, die sich ernsthaft bemüht haben, sozialpolitische Vorschläge zu machen. Man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Schröder nach dem Motto verfuhr: Wer mich in dieser Sache nicht unterstützt, ist gegen mich. Das wurde als Konfrontation verstanden.

SPIEGEL ONLINE: Kommt es für Sie überraschend, dass er in seinen Memoiren so harte Kritik an den Gewerkschaften übt?

Engelen-Kefer: Ich hätte eine größere Differenzierung von ihm erwartet. Ich kann nur hoffen, dass die spätere Geschichtsschreibung die Vorfälle ins rechte Licht rückt.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht ironisch, dass Sie jetzt ausgerechnet die Herren Peters und Bsirske in Schutz nehmen müssen? Schließlich waren es die beiden, die Sie im Mai aus der DGB-Spitze gedrängt haben.

Engelen-Kefer: Ich habe gelernt, von meiner eigenen Situation zu abstrahieren. Ich sehe die Organisation, die hinter diesen Männern steht, ich sehe die Arbeitnehmerinteressen. Das hat für mich immer im Vordergrund gestanden.

SPIEGEL ONLINE: Nun liegen die Kämpfe um die Agenda 2010 ja schon eine Weile zurück. Sehen Sie im Rückblick etwas, was die Gewerkschaften anders hätten machen müssen?

Engelen-Kefer: Es wäre gut gewesen, wenn beide Seiten mehr Bereitschaft gezeigt hätten, aufeinander zuzugehen. Es ist nicht richtig, sich mit Schwarzer-Peter-Spielen zu beschäftigen und die Auseinandersetzung als Diadochenkämpfe von wenigen Personen zu kennzeichnen. Dass diese Beschreibung falsch ist, zeigt sich ja schon darin, dass die Unzufriedenheit mit Hartz IV auch weiterhin sehr groß ist.

SPIEGEL ONLINE: Wie nachhaltig hat Schröders Zeit das Verhältnis zwischen SPD und Gewerkschaften beeinflusst?

Engelen-Kefer: Die Möglichkeiten der Zusammenarbeit sind nicht ausreichend genutzt worden. Durch die Agenda 2010 entstand bei vielen Menschen das Gefühl einer ungerechten Behandlung. Das haben die Gewerkschaften dann auch deutlich machen müssen, wir haben ja die Interessen unserer Mitglieder zu vertreten. Es war nicht so, dass sich da ein paar Spitzenleute hingestellt haben und gesagt haben, jetzt machen wir mal Randale und bringen den Bundeskanzler in Schwierigkeiten. Was hätten wir denn davon gehabt? Das wäre ja kein rationales Verhalten.

SPIEGEL ONLINE: Ist das Verhältnis zur SPD seit Schröders Abgang besser geworden?

Engelen-Kefer: Es ist zumindest wieder nüchterner. Es gibt wieder Fortschritte, zum Beispiel die gemeinsame Position von Gewerkschaften und SPD zu Mindestlöhnen.

Das Interview führte Carsten Volkery



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