Verteidigungsministerin von der Leyen Vercybert

Sie hat viel über Aufrüstung für den Cyberkrieg geredet - nun schafft Ursula von der Leyen ein eigenes Kommando für die Schlacht im Internet. Visionen von offensiven Operationen bleiben tabu. Vorerst.

Verteidigungsministerin von der Leyen: "Voll auf die Defensive"
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Verteidigungsministerin von der Leyen: "Voll auf die Defensive"

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Die neue Bundeswehr der Verteidigungsministerin kann ziemlich hip daherkommen. Ursula von der Leyen hatte zu einem ganztägigen Workshop zum Thema Cyber gerufen. Statt im Offizierskasino oder in einem Hotel wurden Sicherheitspolitiker, Experten und Nerds aus mehreren Ländern am Donnerstag im ehemaligen Kino "Kosmos" untergebracht. In der sogenannten Szene-Location an der Berliner Karl-Marx-Allee diskutierte man, wie sich die Bundeswehr für den Kampf im Netz aufstellen muss.

Das Thema steht bei von der Leyen seit Monaten weit oben auf der Agenda. Mehrmals schon reiste sie zu Kommandostellen für den virtuellen Krieg in aller Welt, ließ sich Viren und Bot-Netze erklären. In Indien nannte sie die Gefahr durch Computerangriffe die größte Herausforderung der modernen Gesellschaften.

Cyber passt ziemlich gut zu von der Leyens Selbstverständnis als Bundeswehr-Modernisiererin. Dort wittert die ambitionierte Politikerin natürlich auch eine Chance zur Profilierung. Irgendwie ist Cyber einfach schick derzeit. Da will man dabei sein.

Folglich arbeitete ihr Team intensiv und streng geheim an einer Art Master-Plan, wie man die Bundeswehr für den Cyberkrieg aufrüsten muss. Das erste Ergebnis präsentierte von der Leyen passgenau zum Workshop, dort kündigte sie die Schaffung eines eigenen Kommandos "Cyber- und Informationsraum" an.

Mehr als ein Symbol

An der Notwendigkeit der Cyberabwehr zweifelt kaum jemand. Spätestens seit der Trojaner-Attacke auf das Netzwerk des Bundestags, sagt auch von der Leyen, ist die Verletzlichkeit sensibler Systeme in Deutschland offensichtlich.

Das neue Kommando soll tatsächlich mehr sein als ein Symbol. Gleichberechtigt mit den klassischen Streitkräften zu Boden, auf dem Wasser und in der Luft soll die neue Einheit Anfang nächsten Jahres die Arbeit aufnehmen, das Thema Cyber erfährt damit innerhalb der Bundeswehr eine enorme Aufwertung.

Zu lange ist die Gefahr durch Cyberangriffe laut von der Leyen von der Bundeswehr unterschätzt worden. Die neue Kommandostelle sei deswegen ein erster Schritt, die vorhandenen Fähigkeiten stärker zu vernetzen. Bisher sind die Einheiten zum Schutz der Truppe vor virtuellen Angriffen von außen über alle Teilstreitkräfte verteilt. Insgesamt beschäftigen sich aber fast 15000 Mann mit dem Thema IT-Sicherheit, sie sollen nun vernetzt und effizienter geführt werden, viel mehr will von der Leyen erstmal nicht verraten.

Von der Leyens Cyberaktivitäten der letzten Monate wurden durchaus argwöhnisch beobachtet. Spätestens als SPIEGEL ONLINE über ein geheimes Strategiepapier berichtete, schwante anderen Ministerien, die CDU-Politikerin schwinge sich wohl zur obersten deutschen Cyber-Kriegerin auf.

"Gesamtstaatliche Sicherheitsvorsorge"

Die von ihr abgesegnete Leitlinie ging ziemlich weit. Dort war von einer "gesamtstaatlichen Sicherheitsvorsorge" durch die Bundeswehr die Rede. Die Truppe übernehme "die Verteidigung gegen Cyberangriffe", als Beispiele wurden Attacken auf kritische Infrastrukturen wie das Verkehrs- oder Stromnetz genannt.

Das Papier sinnierte auch über eigene Angriffe. Die Bundeswehr solle nicht nur im Inland in der Lage sein, Cyberangriffe "aktiv abzuwehren". Daneben müssten Fähigkeiten her, um bei Auslandsmissionen die Nutzung von Internet und Mobilfunk durch den Gegner "einzuschränken, gegebenenfalls sogar auszuschalten".

Dass man zur Cyberabwehr auch offensive Angriffe beherrschen muss, ist eine Binsenweisheit. Wer nicht weiß, wie man andere attackiert, kann Angriffe auf sich selbst nicht abwehren. Bisher übt die Bundeswehr solche virtuellen Schlachten zwar, allerdings nur wie ein Manöver, also im Labor.

Politisch gesehen aber betrat von der Leyen mit ihren Vorstößen vermintes Gelände. Formal liegt die Federführung beim Thema Cyberabwehr beim Innenressort. Dort schätzt man nicht allzu sehr, wenn sich andere Minister als Mitspieler positionieren oder gar Zweifel säen, Deutschland sei beim Thema Cyber nicht richtig aufgestellt.

Folglich gibt sich von der Leyen ziemlich zurückhaltend. Aus ihrem Haus heißt es, mit dem Kommando solle statt einer Konkurrenz zum Innenministerium eher eine Anlaufstelle für ausländische Militärs geschaffen werden. Man wolle Erkenntnisse austauschen, die Expertise aller deutschen Player müsse "sich überlappen".

Auch von den offensiven Fähigkeiten der Bundeswehr ist bei den aktuellen Plänen kaum noch die Rede. Im Ministerium wird gesagt, die Bundeswehr konzentriere sich "voll auf die Defensive". Eigene Cyberattacken seien derzeit überhaupt kein Thema, schließlich bräuchte man dafür ja auch ein Bundestagsmandat.

Im Innenressort dürfte der Kurs einer zurückhaltenderen Cyberkriegerin von der Leyen gut ankommen. Im Herbst beginnen Beratungen über ein neues Cyberabwehrkonzept der gesamten Regierung. Aus Sicht des Ressorts soll darin die bisherige Federführung beim virtuellen Kampf gegen Hacker nochmal manifestiert werden.


Zusammenfassung: Seit der Trojaner-Attacke auf das Netzwerk des Bundestags ist die Verletzlichkeit sensibler Systeme in Deutschland offensichtlich. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen schafft ein eigenes Kommando für die Schlacht im Internet. Visionen von offensiven Operationen bleiben aber vorerst tabu. Im Ministerium heißt es, die Bundeswehr konzentriere sich "voll auf die Defensive".

insgesamt 44 Beiträge
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Seite 1
hyperlord 18.09.2015
1. Da spricht die Blinde von der Farbe
Ausgerechnet Zensursula, die nachhaltig bewiesen hat, von Internet und Netzwerken nicht den Hauch einer Ahnung zu haben, soll die Bundeswehr jetzt ins digitale Zeitalter führen? Das können auch nur die anderen Bewohner von #Neuland für eine gute Idee halten.
lollipoppey 18.09.2015
2. Endlich - bravo!!
Als einzige unserer verschlafenen Politiker erkennt Frau von der Leyen die dringende Notwendigkeit einer schlagkräftigen staatlichen Cyberstelle, die allerdings reichlich spät (aber nicht zu spät) kommt. Ich hoffe Frau von der Leyen meint es ernst mit einer solchen Cyberabwehrtruppe, die nicht nur eine Alibitruppe für das gute Gewissen ist. Israel hat schon vor Jahren erkannt, dass eine solche Truppe notwendig für die Sicherheit ihres Landes ist. Sie unterhalten seit Jahren eine der schlagkräftigsten stattlichen Cybertruppen. Dies ist notwendig und wird in Deutschland sträflich unterschätzt!!
redbayer 18.09.2015
3. Wie immer im Regierungsleitmedium
wird vdL bejubelt, aber jede substantielle Information über die neuen Teileinheit Cyberwar der Streitkräfte fehlt. Da hätten sie schon mal berichten können, dass der "deutsche Cyberwar Beitrag" zwar in Berlin verkündet wurde, die entsprechenden Einheiten und "digitalen Waffen" sind aber um die alte Bundeshauptstadt Bonn gruppiert (Anm.: im "zukünftigen Krieg gegen den Osten" ist Berlin so wie so schon aufgegeben). Hier sind auch die europäischen Hauptquartiere der amerikanischen Streitkräfte in der Nähe (Eifel). Die deutschen Cyberwar Einheiten, sitzen in Rheinbach, Euskirchen (NRW) und die strategische Aufklärung bei Meckenheim, Nähe Bonn. Alles schön mit Gigabyte Glasfaserkabeln bis nach Köln verbunden. Die großen Radioteleskope um Bonn und in der Eifel werden dafür mit genutzt. Auch die "möglichen Feinde" rüsten hier schon auf, in Bonn Bad-Godesberg, in einem eigenen abgesperrten Gelände.
unwesen 18.09.2015
4. Wenn ich schon
... dann weiss ich, dass da nur heisse Luft bei rauskommt. Das Wort ist in dem Zusammenhang, um den es eigentlich geht, etwa so korrekt angewendet, wie wenn man die Weltwirtschaft mit "einer verliert was, und der andere findet es zufaellig" umschreibt. Irgendwo ist da noch ein Bezug erratbar, aber dann ist alles einfach nur noch falsch. Da sitzen halt doch nur Internetausdrucker herum.
Trondesson 18.09.2015
5.
Wird wohl wie heute in Deutschland üblich ablaufen: eine im Grunde sinnvolle Idee wird bei der Ausführung durch stümperhaften Dilettantismus ins Groteske verzerrt, so daß an ein Wahrnehmen der ursprünglich vorgesehenen Aufgabe nicht mehr zu denken ist.
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