Ursula von der Leyen Die Supermutterpowertochter

Ursula von der Leyen sorgte mit ihrem Parforceritt durch die Politik für Furore - trotz scharfer Kritik, die oft auch aus den eigenen Reihen kam. Die Seiteneinsteigerin überrumpelte ihre Gegner mit Überraschungscoups und Tabubrüchen.

Von Katharina Rahlf


"Supermutterpowertochter", "Mutter der Nation", "Familienrevolutionärin" - als Angela Merkel 2005 ihr Kabinett präsentierte, zog kaum eine Person mehr Aufmerksamkeit auf sich als die neue Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Erst 2001 hatte Ursula von der Leyen begonnen, kommunalpolitisch aktiv zu sein.

Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen: Beherzt autonomes Vorgehen
Getty Images

Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen: Beherzt autonomes Vorgehen

Was mindestens ebenso großes Aufsehen erregte, war ihr quasi "nebenpolitisches" Leben.

So verfügte sie neben einer beruflichen Karriere als Ärztin samt Doktortitel auch noch über sieben Kinder. Sieben Kinder - geradezu mantrahaft fanden diese zwei Worte Erwähnung, sobald die Rede auf Ursula von der Leyen kam. Und dazu stets - ungläubig staunend - die Frage, wie und ob das denn alles zu schaffen sei.

Dabei war dieses Staunen keineswegs immer bewundernd. Im Gegenteil: Herbe Kritik empfing die Ministerin sowohl von rechts wie von links, unumstritten war und ist weder ihre Person noch ihre Politik. So verwundert es fast, wie erfolgreich sie sich dennoch bislang auf der politischen Bühne behauptet hat.

Ursula von der Leyen, geboren 1958 in Brüssel als drittes Kind des Akademiker-Paares Heidi Adele und Ernst Albrecht, wuchs in einem großbürgerlichen, bildungsbeflissenen Elternhaus auf, in dem christlich-liberale Werte eine große Rolle spielten. Ihre Jugend verlebte sie als einziges Mädchen im Kreise von fünf Brüdern, was auch ihre Streitkultur nachhaltig geprägt habe: "aufbrausend" sei sie gewesen und "apodiktisch", so von der Leyens eigene Worte.

1970 erfuhr das Leben der Albrechts eine Zäsur: Auf Anfrage der CDU-Spitze Niedersachsens gab Vater Albrecht seine hochdotierte Tätigkeit als Generaldirektor für Wettbewerb bei der EG kurzerhand auf, siedelte mit seiner Familie aus Brüssel über in die niedersächsische Provinz, nach Ilten bei Hannover, und wechselte von der Sphäre der Wirtschaft in die der Politik. Sechs Jahre später dann, 1976, wurde er als Spitzenkandidat der Union überraschend zum Ministerpräsidenten gewählt.

In den folgenden 14 Jahren als niedersächsischer Regierungschef trat Ernst Albrecht nicht nur mit seinen politischen Vorhaben an das Licht der Öffentlichkeit, sondern auch und besonders mit seiner Familie. "Homestorys" samt Bildern von Kindern und Ehefrau sowie Haustieren, ja gar eine Langspielplatte, auf der die Familie Volkslieder vertont, wurden über die Medien dem Publikum in regelmäßigen Abständen präsentiert. So war auch Ursula - von Familie und Freunden "Röschen" genannt - von Jugend an öffentliche Auftritte gewöhnt; die fast 18-Jährige ließ sich ohne Murren im Kreise ihrer Geschwister, artig mit Rock und Bluse bekleidet, einen Kanon singend, ablichten.

Obwohl Politik im Hause Albrecht allgegenwärtig war, wählte die Tochter - zunächst - einen anderen Karriereweg. Nach dem Abitur und einem aus Gründen der "Trockenheit" abgebrochenen Volkswirtschaftsstudium wechselte von der Leyen zur Medizin über. Bis zum Abschluss ihrer Promotion 1991 war die mittlerweile verheiratete Assistenzärztin Mutter von drei Kindern geworden. Die Doppelbelastung von Familie und Beruf - diese Zeit sollte sie später als "die schwerste meines Lebens" beschreiben - ließ sie schließlich ihre Facharztausbildung endgültig abbrechen. Stattdessen folgte sie ihrem Mann in die USA und bildete sich dort in der Gesundheitssystemforschung weiter. Zurück in Deutschland schloss sie 2001 einen Master of Public Health an und war anschließend bis 2002 als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig. Bis zu diesem Zeitpunkt war die Kinderschar der von der Leyens auf sieben angewachsen.

Christian Wulff schickte sie in die Kommunalpolitik

Trotz Karriere und Großfamilie entschloss sich von der Leyen im Alter von knapp 40 Jahren, noch einmal eine ganz andere Berufslaufbahn einzuschlagen. Zwar war sie bereits 1990 Mitglied der CDU geworden - allerdings zuvorderst aus einem "Akt der Solidarität" mit ihrem abgewählten Vater heraus, ein intensiveres politisches Engagement war dem nicht entsprungen. Nun aber, angesichts der frustrierenden Erfahrungen als berufstätige Mutter, strebte sie dezidiert nach politischer Einflussnahme.

Allerdings: Über praktische Erfahrungen verfügte sie nicht. Auch von ihrem Vater konnte sie keine Hilfe erwarten, war er doch einst selbst als "Quereinsteiger" aus Brüssel in die niedersächsische Politik gekommen. Rat erhielt sie in dieser Situation von Christian Wulff, mit dem sie in zumindest lockerem Kontakt stand. Er, der gemeinhin als ihr "Entdecker" gilt, verwies die Ambitionierte zunächst auf die Kommunalpolitik. Obwohl sie eigentlich höhere Ziele anvisiert hatte, engagierte sie sich nun voller Elan im Sehnder Stadtrat. Gewissermaßen im "Schnelldurchlauf" eignete sie sich auf diese Weise das grundlegende politische Handwerkszeug an.

Ursula von der Leyen hatte jedoch schon den nächsten Schritt ins Auge gefasst. Mittels einer Kampfkandidatur sicherte sie sich den ehemaligen väterlichen Wahlkreis Burgdorf, zog 2003 in den niedersächsischen Landtag ein und wurde vom neuen Ministerpräsidenten Wulff zur Landesministerin für Soziales, Frauen, Familie und Gesundheit erkoren. Wenngleich sie in dieser Position vor allem negativ in die Schlagzeilen geriet - zum Beispiel durch massive Kürzungen im Sozialbereich oder unwillkommene Privatisierungsvorhaben -, erklomm sie nur zwei Jahre später die nächste und (vorerst) höchste Stufe ihrer politischen Karriere, zur Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend avancierend.

In diesem Amt wiederum profilierte sich die "konservative Feministin" durch eine für klassische Unionsmaßstäbe revolutionäre Familienpolitik. Ob Einführung des Elterngelds oder der Ausbau des Betreuungsangebots für Kleinkinder - keines dieser Vorhaben stieß in der Union auf ungeteilte Gegenliebe, ja oft fanden sich gerade die erbittertesten Gegner in den eigenen Reihen.

Sie profitierte von der Protektion durch Kanzlerin Merkel

Dass von der Leyen ihre programmatischen Vorstellungen dennoch, bei aller Kritik, meist erfolgreich umsetzen konnte, lag zum einen daran, dass sie nicht selten vom sozialdemokratischen Koalitionspartner sowie aus den Oppositionsreihen Unterstützung erhielt; auch konnte sie von den "günstigen Umständen" der großen Koalitionen sowie der Protektion durch Kanzlerin Merkel profitieren, die ebenfalls mehr auf rationale Argumentationslogiken denn auf männerbündische Parteiloyalitäten setzte.

Zum anderen aber hatte ihr Seiteneinsteigerstatus einen wesentlichen Anteil an ihrem Erfolg. Diese Feststellung mag zunächst erstaunen - leuchtet aber ein, wenn man sich den von-der-Leyen-typischen Politikstil vor Augen führt: So ging sie mit ihren Vorhaben stets unvermittelt, meist ohne vorherige Absprachen an die Öffentlichkeit und überrumpelte mit diesen Überraschungscoups etwaige Gegner. Diese Parforceritte setzten einiges an Mut, Ehrgeiz und optimistischem Selbstbewusstsein sowie nicht zuletzt ein gewisses Maß an politischer Naivität voraus. Eine Seiteneinsteigerin ist insofern geradezu prädestiniert für ein solch beherzt-autonomes Vorgehen ohne Rücksicht auf parteiinterne Widerstände.

Die notwendige Courage brachte sie nur deshalb auf, weil sie die Stimmungslage eben nicht vorgefühlt hatte. Hatte sie doch aus ihrem Elternhaus zwar ein vages Grundvertrauen in die Möglichkeiten der Politik, nicht aber ein detailliertes Wissen um ihre Funktionsweise mitbekommen.

So zeigt der Fall von der Leyen, dass sich ein Seiteneinstieg in die Politik bei Weitem nicht nur negativ auswirken muss, er im Gegenteil sogar von unschätzbarem Vorteil sein kann: Wäre sie doch bei größerer Rücksichtnahme auf christdemokratische Empfindlichkeiten aller Wahrscheinlichkeit schon früh zwischen den Fronten zerrieben worden. Wie lange sie diesen Sonderstatus allerdings noch aufrechterhalten und dementsprechend agieren kann bzw. ob sie auch als "professionalisierte" Politikerin weiterhin solch spektakuläre Tabubrüche wagt, bleibt abzuwarten.



insgesamt 272 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Satiro, 19.02.2009
1.
Zitat von sysopNicht nur Berufspolitiker sollten das Parlament und die Parteien prägen. Wie wichtig sind Quereinsteiger für die deutsche Politik? Warum ist eine Karriere in der Politik für Seiteneinsteiger so schwierig?
Weil die Karriere von Berufspolitern mit dem Kleben von Wahlplakten bereits im frühen Jugendalter beginnt.
jajokat 19.02.2009
2.
Zitat von sysopNicht nur Berufspolitiker sollten das Parlament und die Parteien prägen. Wie wichtig sind Quereinsteiger für die deutsche Politik? Warum ist eine Karriere in der Politik für Seiteneinsteiger so schwierig?
Klar doch wir brauchen Quereinsteiger! Ich hätte auch schon ein paar Posten für"besonders fähige" Quereinsteiger: Bundeskanzler:J.Ackermann Wirtschaftsminister:H.Mehdorn Finanzminister:K.Zumwinkel Außenminister:J.Ratzinger Aber die wollen ja alle nicht! (Aber warum werde ich das Gefühl nicht los,daß diese Personen-Liste könnte ja problemlos fortgesetzt werden-schon die Geschicke unsere Landes bestimmen obwohl sie nicht im Parlament sitzen bzw. führende Positionen in den Parteien innehaben?)
stefkarr 19.02.2009
3. Ich frage mich
Zitat von sysopNicht nur Berufspolitiker sollten das Parlament und die Parteien prägen. Wie wichtig sind Quereinsteiger für die deutsche Politik? Warum ist eine Karriere in der Politik für Seiteneinsteiger so schwierig?
wer denkt sich immer diese Themen aus? Wie kann man nur annehmen, dass "Berufspolitiker" eine Selbstverständlichkeit wären? Es hat sich so eingebürgert, dass sich einige Herrschaften in unsrem Land auf den gut bezahlten Sesseln bequem gemacht haben. Der Eid den sie schwören "Schaden vom deutschen Volke ab zuwenden", wird alleine dadurch gebrochen, dass die Herrschaften so lange in Ihren Ämtern verweilen. In unserer Verfassung gibt es den "Berufspolitiker" nicht, auch nicht in den einschlägigen Gesetzen. Berufspolitiker sind Menschen, die das nicht einhalten, was Sie von der Masse erwarten: Flexibilität und Mobilität im Arbeitsleben. Berufspolitikter sind im Laufe der Zeit weg vom Alltagsleben, das 95% der Bevolkerung leben. Berufspolitiker sind Marionetten der Lobby. Sie sind mit Sicherheit alles das, was die Gründerväter unserer Repuplik nicht wollten: Fern vom Volk, gekauft von Lobbyisten. Für mich sind Sie des weiteren, genau dass was Sie selbst glauben was Harz-IV-Empfänger seien: Sozialschmarotzer, aber mit weit aus höheren monatlichen Bezügen. Und mit dem Unterschied, dass Sie mit Ihrer Machtfülle großen Schaden anrichten, was man von Harz-IV-Empfängern nicht sagen kann. Wir brauchen keine Quereinsteiger, sondern einfach nur Politiker die sich spätestens nach 2 Legislaturperioden verabschieden, dann ist das Thema Ouereinsteiger gelöst, und wir brauchen Quoten im Parlament, vom Handwerksmeister über Ingenieure und Wirtschaftswissenschaftlern, und nicht wie heute einseitig meist beamtete verschiedener Berufszweige und Juristen. Das Argument, dass damit zuviel Kompetenz verloren ginge, kann so nicht gelten, sonst hätten wir heute nicht den Wirtschaftsminister den wir heute haben!
ANDIEFUZZICH 19.02.2009
4.
Zitat von jajokatKlar doch wir brauchen Quereinsteiger! Ich hätte auch schon ein paar Posten für"besonders fähige" Quereinsteiger: Bundeskanzler:J.Ackermann Wirtschaftsminister:H.Mehdorn Finanzminister:K.Zumwinkel Außenminister:J.Ratzinger Aber die wollen ja alle nicht! (Aber warum werde ich das Gefühl nicht los,daß diese Personen-Liste könnte ja problemlos fortgesetzt werden-schon die Geschicke unsere Landes bestimmen obwohl sie nicht im Parlament sitzen bzw. führende Positionen in den Parteien innehaben?)
Klasse! Was ist eigentlich aus dieser deutschen Version (ja, ja, bei den Medien kopieren wir alles, da es uns an eigener Fantasie mangelt) von "spitting image" geworden? Mit dieser Besetzung könnte man den Brüller des Jahres landen!
bürger mr 19.02.2009
5. Ii
Zitat von sysopNicht nur Berufspolitiker sollten das Parlament und die Parteien prägen. Wie wichtig sind Quereinsteiger für die deutsche Politik? Warum ist eine Karriere in der Politik für Seiteneinsteiger so schwierig?
Warum? - Da sitzen doch zum Großteil Beamte .
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.