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Plagiatsvorwürfe gegen von der Leyen: Noch nicht abgeschrieben

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Ministerin von der Leyen (im Oktober 2014): In der Vorwärtsverteidigung Zur Großansicht
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Ministerin von der Leyen (im Oktober 2014): In der Vorwärtsverteidigung

Werden Ursula von der Leyen die Plagiatsvorwürfe zum Verhängnis? Die Medizinische Hochschule Hannover überprüft die Doktorarbeit der Ministerin jetzt ganz genau. Im Lager der CDU-Politikerin ist die Sorge groß.

Der Witz ist ein Klassiker und nur mäßig lustig, und doch kursiert er auch jetzt wieder: Hat Angela Merkel Ursula von der Leyen schon ihr Vertrauen ausgesprochen?

Das nämlich, meinen Spötter, könnte nur bedeuten, dass es eng wird für die Verteidigungsministerin. Schließlich mussten schon so einige Kabinettsmitglieder ihre Posten räumen, denen die Kanzlerin zuvor den Rücken gestärkt hat: Jung, Guttenberg, Schavan, Friedrich - ist von der Leyen die nächste?

Die stellvertretende CDU-Vorsitzende steht wegen der Plagiatsvorwürfe um ihre Doktorarbeit erheblich unter Druck. Es geht um ihre Glaubwürdigkeit, eine der wichtigsten Währungen in der Politik. Von der Leyen pflegt das Image der korrekten und disziplinierten Politikerin wie kaum ein anderer in diesem Geschäft. Schlamperei und Nachlässigkeit passen da nicht ins Bild. Erst recht nicht, wenn jemand auf seinen beruflichen Werdegang, inklusive Doktortitel, immer besonders stolz war. Erst recht nicht, wenn sich jemand im Verteidigungsministerium noch nicht am Ende der Karriereleiter angekommen sieht.

Entsprechend alarmiert ist man im Lager von der Leyens. Am Montag teilte die Medizinische Hochschule Hannover mit, dass nach einer Vorprüfung die Doktorarbeit nun "förmlich" untersucht werden soll. Die Uni betonte, das daraus kein Rückschluss auf den Ausgang des Verfahrens zu ziehen sei. Doch dem kleinen Team von Vertrauten rund um die CDU-Politikern ist das Risiko bewusst: Wäre der Titel weg, würden umgehend Rufe nach einem Rücktritt der Ministerin laut.

Ob dieser wirklich zwingend wäre, ist ungewiss. Die Dynamik ist in diesem Fall schwer vorhersehbar. CSU-Star Karl-Theodor zu Guttenberg kopierte einst derart dreist, sein Sturz war unvermeidlich. Annette Schavan war Bildungsministerin, ihre laut Hochschul-Gutachten "systematische und vorsätzliche" Täuschung war nicht mit dem Amt vereinbar.

Und von der Leyen? Ehrlichkeit und Anstand sollten auch für sie selbstverständliche Tugenden sein, viel wird davon abhängen, ob die Uni ihr am Ende Absicht unterstellt und sie so zur Schummel-Leyen macht. Die Verteidigungsministerin ist zudem oberste Dienstherrin der Bundeswehr-Hochschulen. "Wer an einer Uni der Bundeswehr plagiiert, wird unehrenhaft entlassen", ätzte am Montag die Grünen-Verteidigungsexpertin Agnieszka Brugger.

Im Video: Vorwürfe gegen Ursula von der Leyen

Zum Problem könnte für von der Leyen werden, dass die Ministerin nicht unbedingt auf den Rückhalt ihres Hauses und ihrer Partei zählen kann. Unter den altgedienten Mitarbeitern im Bendler-Block hat sie sich durch ihr teils harsches Regiment nicht nur Freunde gemacht. Viele CDU-Kollegen beäugen ihren Ehrgeiz misstrauisch. Sie werden den Titelkampf von der Leyens mit leiser Schadenfreude verfolgen.

Auf der anderen Seite kann ein Sturz der Ministerin nicht im Interesse der CDU sein. In der Bevölkerung ist von der Leyen populär, neben Wolfgang Schäuble ist sie Merkels einziger Star im Kabinett. Daher gilt sie auch vielen Kritikern als letzte verbliebende Kronprinzessin der Kanzlerin. Allein deswegen will man auch dem derzeitigen Koalitionspartner keine Vorlage liefern.

Die Sozialdemokraten haben sich vorerst öffentliche Zurückhaltung verordnet. "Das sind schwerwiegende Behauptungen", erklärte der sonst weniger abwartende SPD-Vize Ralf Stegner am Montag auf Nachfrage von Journalisten, nun müsse man die Ergebnisse der Prüfung abwarten. "Ich traue mir da kein Urteil zu." Die SPD schweigt und genießt.

In der Union und im Verteidigungsministerium wundert sich indes mancher über von der Leyens Krisenmanagement. In einer ersten Reaktion hat sie die Plagiatsvorwürfe schroff zurückgewiesen und die Rechercheure von VroniPlag als "Aktivisten" abgestempelt. Mit einer ähnlichen Vorwärtsverteidigung hatte sich einst Karl-Theodor zu Guttenberg ins Verderben manövriert.

Inzwischen sprangen erste Parteifreunde der Ministerin bei. Sie erinnern an die Unschuldsvermutung und die wirklich wichtigen Probleme im Land. Auch wird jetzt gern auf die in Wissenschaftskreisen immer wieder beklagte mangelhafte Qualität medizinischer Doktorarbeiten verwiesen. Die Ministerin entlastet das nicht: Wer sich gern als Gründlichkeit in Person inszeniert, der kann sich nicht auf Schlampigkeit als Gewohnheitsrecht berufen.

Und wie ist es nun um das Vertrauen der Kanzlerin in ihre Ministerin bestellt? Es darf noch ein wenig weiter gewitzelt werden. Merkel enthielt sich am Montag lieber ganz und gar einer Bewertung. Er könne von keiner Reaktion der Kanzlerin oder einem Kontakt zu von der Leyen in dieser Sache berichten, teilte Merkels Regierungssprecher mit. Die Aufklärung werde nun ihren Lauf nehmen.

So oder so.

Beispiele für Plagiatsvorwürfe gegen von der Leyen:

Dissertation, S. 4

Der französische Marinearzt Dr. JULES NICOLAS CREVAUX (1847-1882), der einen wichtigen Beitrag zur Erforschung Guayanas und des Amazonas-Gebietes leistete, referierte 1881 in der deutschen illustrierten Zeitschrift für Länder- und Völkerkunde "Globus" (Braunschweig) über seine zweite Südamerikareise in den Jahren 1878/79. Bei den Roucoujennen-Indianern beobachtete CREVAUX den Dampfbadgebrauch einer Roucoujenne-Wöchnerin am Yari-Fluß in Französisch-Guayana (Abb.1). Er schrieb dazu: "Sie legt sich in eine Hängematte, unter welche ein rotglühender Stein gelegt und begossen wird."

Keine Quellenangabe

Typus: Bauernopfer. Auf die Originalquelle wird erst zwei Seiten später verwiesen, aber nicht im Anschluss an diese Sätze. Eine Abbildung wird ohne Angabe der Fundstelle von S. 125 bei Krumbach übernommen.

Seite: 4

Originalquelle

Der französische Marinearzt Dr. Jules Nicolas Crévaux [sic] (1847-1882), der einen wichtigen Beitrag zur Erforschung Guayanas und des Amazonas-Gebietes geleistet hat, berichtete 1881 in der deutschen illustrierten Zeitschrift für Länder und Völkerkunde "Globus" (Braunschweig) über seine zweite Reise in den Jahren 1878/79. Bei den Roucoujennen-Indianern [...] beobachtete Crévaux [sic] den Dampfbadgebrauch einer Roucouyenne-Wöchnerin am Yari-Fluß in Französisch-Guayana. Er schrieb dazu: "[Die Frau andererseits nimmt sofort nach der Entbindung ein Dampfbad in folgender Weise:] Sie legt sich in eine Hängematte, unter welcher [sic] ein großer rotglühender Stein gelegt und mit Wasser begossen wird."

Quelle: Krumbach 1989

Fundstelle Seite: 125

Dissertation, S. 6

Die Schnecke galt bei den Indianern als Sinnbild für Leben, Wachstum und Verfall; gleichzeitig symbolisierte sie Fruchtbarkeit, Schwangerschaft, Geburt und das primäre weibliche Geschlechtsorgan.
In das abgebildete Schwitzbad kriecht eine weibliche, bekleidete Person hinein und zwar durch eine vergrößerte, omegaartige Öffnung. Diese und fünf ähnliche Zeichen am Schwitzbad wurden von dem deutschen Amerikanisten FRANZ TERMER (1894-1968) als Zeichen des Uterus interpretiert.

Keine Quellenangabe

Typus: Bauernopfer. Die Verfasserin nennt ihre Quelle später, macht jedoch Umfang und Wörtlichkeit der Übernahme nicht kenntlich.

Seite: 6

Originalquelle

Die Schnecke galt bei den Indianern als Sinnbild für Leben, Wachstum und Verfall; gleichzeitig symbolisierte sie Fruchtbarkeit, Schwangerschaft, Geburt, den Mutterschoß und das primäre weibliche Geschlechtsorgan. [...]
In das abgebildete Schwitzbad kriecht eine weibliche, bekleidete Person hinein und zwar durch eine vergrößerte, omegaartige Öffnung. Diese und fünf ähnliche Zeichen am Schwitzbad wurden von dem deutschen Amerikanisten Franz Termer (1894-1968) als Zeichen des Uterus interpretiert [...]

Quelle: Krumbach 1989

Fundstelle Seite: 130

Dissertation, S. 13

1930 wurde von TILLETT und FRANCIS im Serum von Kranken mit Pneumokokken-Infektionen eine Präzipitationsreaktion mit dem C-Polysaccharid von Pneumokokken entdeckt. Diese Reaktion war nur in der akuten Phase der Infektion nachweisbar, aber nicht mehr nach deren Abklingen (TILLETT und FRANCIS 1930). Der Zeitpunkt von Auftreten und Verschwinden der Präzipitationsreaktion unterschied diese von vornherein von Antigen-Antikörperreaktionen (TILLETT et al. 1930). Nachdem ABERNETHY und AVERY 1941 die Proteinnatur der mit dem C-Polysaccharid reagierenden Substanz entdeckten, wurde diese allgemein C-reaktives Protein genannt.

Quellenangabe: Schwarz 1963

Typus: Typus Falsche Paraphrasierung: Die Thesen anderer werden sinngemäß zusammengefasst, dabei darf aber der Wortlaut nicht identisch sein. Umfang und Wörtlichkeit der Übernahme sind nicht kenntlich gemacht. Die Autorin nennt außerdem im dritten Satz einen falschen Beleg.

Seite: 13

Originalquelle

Von TILLETT und FRANCIS (1930) wurde im Serum von Kranken mit Pneumokokken-Infektionen eine Präzipitationsreaktion mit dem somatischen C-Polysaccharid von Pneumokokken entdeckt. Diese Reaktion war nur während der akuten Phase der Pneumokokken-Infektion nachweisbar, aber nicht mehr nach deren Abklingen. Zeitpunkt von Auftreten und Verschwinden der Präzipitationsreaktion unterschieden diese von vornherein von Antigen-Antikörper-Reaktionen. Nachdem ABERNETHY und AVERY (1941) die Proteinnatur der mit dem C-Polysaccharid reagierenden Substanz entdeckten, wurde diese allgemein C-reaktives Protein (CRP) genannt.

Quelle: Schwarz 1963

Fundstelle Seite: 1

Dissertation, S. 15

Die Funktion der Akutphase-Reaktion besteht darin, infektiöse Partikel abzutöten oder abzukapseln, zerstörtes Gewebe abzubauen und beschädigte Organe instandzusetzen. [...] Die Wirkung der Zytokine Interleukin-1 und Tumor Necrosis Factor wird durch die beiden "second-messenger"-Systeme Adenylatcyclase (ZHANG et al. 1988) und Proteinkinase-C (WALTHER et al. 1988) vermittelt und führt zu einer gesteigerten Interleukin-6-Transkription. Interleukin-6 ist der wichtigste Mediator der Regulation der Akutphase-Proteinsynthese in der Leber.

Keine Quellenangabe

Typus: Verschleierung / Bauernopfer. Eine Abbildung aus der Quelle wird korrekt referenziert, für diese drei Sätze gibt es jedoch keinen Beleg. Der zweite Satz wird hierbei mit Literaturbelegen aus dem Literaturverzeichnis der Quelle übernommen.

Seite: 15

Originalquelle

Die Funktion der Akutphase-Reaktion besteht darin, infektiöse Partikeln abzutöten oder abzukapseln, zerstörtes Gewebe abzubauen und beschädigte Organe instandzusetzen (44–46). [...] Die Wirkung der Zytokine IL-1 und TNFα wird durch die beiden "second-messenger"-Systeme Adenylatcyclase (91) und Proteinkinase C (86) vermittelt und führt zu einer gesteigerten IL-6-Transkription.

Quelle: Andus et al 1989

Fundstelle Seite(n): 1710, 1713

Dissertation, S. 22

So belegten beispielsweise HAJJ et al. (1979) die hohe Korrelation zwischen CRP-Veränderung und entzündlichen Erkrankungen des weiblichen Genitaltraktes; ANGERMAN et al. (1980) zeigten, daß quantitative CRP-Bestimmungen enger mit der klinischen Entwicklung einer Unterleibsentzündung korrelieren als Leukozytenzählung oder Blutsenkungsgeschwindigkeit; [...]

Keine Quellenangabe

Typus: Übersetzungsplagiat: Die Verfasserin übersetzt einen fremdsprachigen Text mit bibliographischen Angaben ins Deutsche, ohne die Quelle zu nennen.

Seite: 22

Originalquelle

CRP was chosen for this study as a possible marker of response to therapy because of [its short half-life, six to eight hours, which allows the rapid detection of changes in inflammation,3] an excellent correlation with the presence of inflammatory conditions of the female pelvis7 [and the detection of direct quantitative relationships with the severity of inflammation from pelvic inflammatory disease (PID).4] Angerman et al5 were able to correlate quantitative CRP determinations with the clinical course of PID more closely than they were the WBC count or ESR.

Quelle: Mercer at al 1988

Fundstelle Seite(n): 166, 167

Quelle: Vroniplag Wiki

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 207 Beiträge
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1. wir werden es erfahren
radamriese 28.09.2015
wenn die Überprüfung vorbei ist, Und hat sie gefälscht, tschüss Uschi. Hast Quatsch gemacht.
2.
tkedm 28.09.2015
Jetzt darf eine unbekannte Verteidigungsexpertin der Grünen wenigstens auch mal ihren Namen in der Presse lesen und ihren uninteressanten Senf dazu geben. Hat doch jeder was von der Story.
3. Was man von anderen verlangt....
erimede 28.09.2015
Also ich muss zugeben, ein bisschen schadenfroh wäre ich auch. Die Dame sitzt auf einem sehr hohen Ross und bekanntlich ist der Fall dann umso tiefer.
4. Unschuldsvermutung
japhet 28.09.2015
Man kann hier lesen, dass inzwischen erste Parteifreunde der Ministerin beisprangen und erinnern an die Unschuldsvermutung erinnerten, und die wirklich wichtigen Probleme im Land. Nun - es gibt in der Tat zur Zeit wichtigere Probleme zu lösen in diesem Land, wobei aber diese Lösung von integeren Führungspersonen kommen sollten. Wer als Betrügerin entlarvt warden sollte, dem fehlt aber diese Integrität. Und was die "Unschuldsvermutung" angeht, so kann man sich in inzwischen zahlreich veröffentlichten Textstellen selbst ein Bild machen. Und das ist katastrophal. An "Unschuld" mag ich da nicht (mehr) glauben.
5. Die Beispiele im Text...
viwaldi 28.09.2015
scheinen alle aus der Einleitung zu stammen, d.h. in dem Teil der Doktorarbeit, wo es um eine Schilderung des Hintergrundes der Arbeit geht. Im eigentlichen Sinne hat die Arbeit noch gar nicht angefangen, es ist die Overtüre. Augenscheinlich wurde hier abgeschrieben, ganze Sätze übernommen. Das passiert in vielen Diplomarbeiten und Doktorarbeiten, weil sich Lehrbuchwissen nun mal immer wiederholt. Alle wissen, dass hier nicht Erkenntnisse oder Schlussfolgerungen des Doktoranden stehen, sondern Altbekanntes. Für schlechtes Zitieren gibt es dann eine schlechte Note, aber ich kann an den gegebenen Beispielen nicht erkenne, wo sich Frau v.d.L. wirklich mit fremden Feder geschmückt haben soll, d.h. die Ergebnisse anderer als die Ihren ausgegeben haben soll. Dies könnte erst im Ergebnisteil oder in der Diskussion geschehen. Schaut man sich die Farbbalken an, sieht man aber, dass die fehlerhaften Seiten fast alle am Anfang, nämlich in der Einführung / Stand des Wissens vorkommen. Hier wird eine mediale Hexenjagd insziniert, die ein reflektierten Umgang mit der Sache kaum noch zulassen. Ich hoffe auf die MHH, dass dort mehr Sachverstand für den Kern einer Doktorarbeit vorhanden ist als in SPON und den teils menschenverachtenden Kommentaren in den Foren.
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