Ausrüstungsmängel bei der Bundeswehr Von der Leyens Scheinwelt

Auf der Weltbühne verspricht Ursula von der Leyen gern, dass Deutschland militärisch mehr Verantwortung übernimmt. Dabei sollte die Ministerin endlich Verantwortung für die Ausrüstungsmängel ihrer Truppe übernehmen.

Ursula von der Leyen (Archivbild)
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Ursula von der Leyen (Archivbild)

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Das Wochenende lief ganz nach dem Geschmack der Verteidigungsministerin. Die Welt versammelte sich zur Sicherheitskonferenz in München. Sichtlich aufgekratzt raste Ursula von der Leyen von einem Meeting zum anderen, schwärmte von tiefgründigen Gesprächen mit Kollegen wie Jim Mattis und den anderen Spitzenpolitikern und Militärs. Keine Frage: Von der Leyen, derzeit wieder mal als nächste Nato-Chefin im Gespräch, fühlt sich hier wohler als in den Niederungen der Innenpolitik.

Auf der großen öffentlichen Bühne gab sich von der Leyen dann auch betont handlungsbereit. Deutschland werde mehr Verantwortung übernehmen, dieses Motto verbreitet sie seit ihrem Amtsantritt vor vier Jahren immer wieder gern in München. Dieses Mal fielen als Stichworte eine deutsche Trainingsmission für die irakische Armee. Auch eine Teilnahme der Bundeswehr an einer möglichen Blauhelm-Mission in der Ostukraine scheint bereits ausgemacht.

Den Offizieren bleibt nur leises Stöhnen

Von der Leyens Militärs, die auf der Konferenz nicht so im Rampenlicht standen wie die Ministerin, blieb auf den Fluren des Bayerischen Hofs nur leises Stöhnen über die Ankündigungen der Chefin. Sie sagen mittlerweile offen, dass sie die vielen Einsätze in Afghanistan, Mali, im Mittelmeer, vor allem aber die Nato-Schutztruppe zur Rückversicherung der östlichen Partner gegenüber Russland, materiell und personell kaum noch stemmen können.

Passend dazu kommen dieser Tage immer neue interne Alarmmeldungen ans Tageslicht. Das Heer schreibt in einem Bericht für den Vizegeneralinspekteur, dass die Einheiten, die nächstes Jahr die sogenannte schnelle Eingreiftruppe von rund 10.000 Mann für die Nato stellen sollen, derzeit nicht über ausreichend funktionierende Panzer verfügen. In einem anderen Papier wird angemahnt, dass man für die Eingreiftruppe dringend neue kugelsichere Westen und winterfeste Zelte brauche.

Für die Militärs sind die Notrufe ans Ministerium eine ärgerliche Routine. Seit Jahren kennen sie die kreative Mangelwirtschaft bei der Truppe, in der die Einheiten im besten Fall zu 70 Prozent ausgerüstet sind. Vom Panzer bis zur warmen Unterwäsche sind sie schlicht bedingt einsatzbereit. Sollen die Soldaten dann raus zur Mission, muss bei anderen Verbänden so lange gebettelt und geschnorrt werden, dass es den Kommandeuren schon peinlich wird.

Fragt man die Ministerin nach den Mängeln, schlägt sie einen weiten Bogen in die Vergangenheit, berichtet vom jahrelangen Sparkurs, darunter habe die Ausrüstung stark gelitten. Zudem, so die gängige Selbstverteidigung, seien die großen neuen Aufgaben für die Nato-Einheiten dem Umschwenken auf einen Abschreckungskurs gegenüber Russland geschuldet. Die Bundeswehr darauf materiell einzustellen, sei schwierig, man sei halt von der Weltlage überrascht worden.

Überrascht kann von der Leyen nicht sein

Was die Ministerin gern vergisst: Sie ist keine Novizin mehr. Seit vier Jahren ist von der Leyen oberste Befehlshaberin für alle Soldaten. Sie ist verantwortlich für die Ausrüstung der Truppe, gerade wenn sie in von der Politik beschlossene Einsätze ziehen soll. Zudem: Die Rückkehr zur Abschreckung, auch die Übernahme der schnellen Eingreiftruppe der Nato durch Deutschland 2019, wurde im gleichen Jahr beschlossen, in dem von der Leyen startete. Überrascht also kann sie nicht sein.

Von der Leyen, die allen Unkenrufen zum Trotz wohl auch in den nächsten Jahren an der Spitze der Bundeswehr stehen wird, muss nun endlich Verantwortung übernehmen. Auf Konferenzen viel zu versprechen, sich aber zu Hause nicht ausreichend um die Ausrüstung zu kümmern, ist ein Makel für eine Ministerin. Besonders gilt das für von der Leyen, die sich jedenfalls zu Amtsantritt gern als Mutter der Kompanie gab, stets mit offenem Ohr für die Sorgen der Truppe.

Ignoranz indes ist gefährlich. Selbst Offiziere, die von der Leyen für ihre Umtriebigkeit schätzen, sprechen immer häufiger von einer allzu gemütlichen Scheinwelt, in der sich die Chefin eingerichtet habe. Viel zu intensiv habe sich die Akademikerin für neue Projekte wie den Aufbau einer Cybertruppe interessiert, das Kerngeschäft sei dabei untergegangen. Schon ist wieder die Rede davon, das PR-Talent von der Leyen inszeniere sich nur selbst, die Truppe sei ihr herzlich egal.

Folglich muss von der Leyen handeln. Es reicht nicht mehr, Trendwenden anzukündigen, die im Jahr 2030 fruchten. Die Befehlshaberin muss sich vor ihre Truppe stellen, ihren Soldaten für die Einsätze eine ausreichende Ausrüstung beschaffen. Geld dafür ist durchaus im Budget vorhanden. Dabei geht es nicht nur um den guten Ruf eines verlässlichen Nato-Partners Deutschland. Es geht vor allem um von der Leyens Leistungsbilanz als Ministerin.

insgesamt 168 Beiträge
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Seite 1
max-mustermann 19.02.2018
1.
Na das geld wird doch für völlig überteuerte weil ausgeklüngelte "Rüstungsdeals" gebraucht wie Transportflieger die nicht fliegen, Hubschrauber, veraltete Fregatten usw. usw. Da ist für die Grundausstattung natürlich kein Geld mehr da, aber für nette PR Fotos der Verteidigungsministerin reicht es ja immerhin noch.
Knackeule 19.02.2018
2. Richtig !
Vollkommen richtiger Kommentar ! Frau von der Leyen ist eine wandelnde Mogelpackung, die gerne groß aufspricht und den großen Auftritt liebt, aber in den vergangenen 4 Jahren auch nicht annähernd in der Lage war, die von ihren Amtsvorgängern hinterlassene Trümmer-Landschaft "Bundeswehr" aufzuräumen. Im Gegenteil. sie hat ihren Teil dazu geleistet, dass es noch schlimmer wurde. Eine typische Vertreterin des Systems "Merkel". Viele Versprechen, wenig Taten.
jujo 19.02.2018
3. ...
Einspruch, es geht nicht um die Leistungsbilanz der Ministerin, es geht darum das vorhandene Geld an den richtigen Stellen auszugeben. Sollte der Wehretat wie gewünscht erhöht werden. sollte das mehr nicht in neue Projekte sonder dazu verwendet werden die Ausrüstung in allen Teilen einsatzfähig zu machen. Der Kompaniechef und Schütze Ar.. wird es ihr danken.
neu68er 19.02.2018
4.
Lange Unterhosen schützen die Gesundheit unserer Soldaten besser als bewaffnete Drohnen ohne Flugerlaubnis. Die Frau Ministerin sollte die Prioritäten richtig setzen.
Caty25 19.02.2018
5. Eingreiftruppe
"Eingreiftruppe von rund 10.000 Mann für die Nato" Ich dachte bisher die Nato wäre ein Verteidigungsbündnis.
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