Urteil Haftstrafen für rechtsradikale Schläger von Pömmelte

Nach dem brutalen Angriff auf einen zwölfjährigen farbigen Jungen in Pömmelte sind vier mutmaßliche Rechtsextreme verurteilt worden. Der Haupttäter muss für dreieinhalb Jahre in Haft. Die 16- bis 20-Jährigen haben ihr Opfer aus rassistischen Motiven gequält und schwer verletzt.


Schönebeck - Der 20-jährige Haupttäter ist nach Einschätzung des Jugendschöffengerichts in Schönebeck der Drahtzieher des Überfalls gewesen. Der Gleisbauer hat sich der gefährlichen Körperverletzung, Freiheitsberaubung und Nötigung schuldig gemacht. Ein 16-Jähriger gilt als zweite treibende Kraft. Ihn verurteilten die Richter zu einer Haftstrafe von zwei Jahren. Ob diese Strafe zur Bewährung ausgesetzt werden kann, soll in den nächsten sechs Monaten geprüft werden.

Angeklagte im Pömmelte-Prozess: Die Täter waren weitgehend geständig
DDP

Angeklagte im Pömmelte-Prozess: Die Täter waren weitgehend geständig

Die anderen beiden Angeklagten, 16-jährige Zwillinge, gelten als Mittäter und erhielten Bewährungsstrafen von jeweils einem Jahr und sieben Monaten.

Dem Opfer selbst blieb ein Auftritt vor Gericht erspart. Der Junge musste nicht aussagen, nachdem die Täter Geständnisse abgelegt und Zeugen ausgesagt hatten. 

"Die Angeklagten haben ihr Opfer allein wegen dessen dunkler Hautfarbe gequält, gedemütigt und gezüchtigt", sagte Richterin Peggy Bos in ihrer Urteilsverkündung. Der Junge sei im Kreis von einem zum anderen geprügelt und getreten wurden - "Skindhead-Tanz" werde dies in der Szene zynisch genannt. Bis heute leide das Opfer an den Folgen.

Der Junge äthiopischer Herkunft lebte in Pömmelte bei Magdeburg in einem Kinderheim. Er ist in Deutschland geboren und aufgewachsen und besitzt die deutsche Staatsangehörigkeit. Sein Vater stammt aus Äthiopien.

Sadistische Quälerei

Am 9. Januar waren die Täter und ihr Opfer an der Haltestelle in Pömmelte aus dem Linienbus ausgestiegen. Der Junge wollte nach Hause. Doch am Dorfteich der 700-Seelen-Gemeinde begann sein mehr als eine Stunde währendes Martyrium. Die vier jungen Männer wollten ihn "stellvertretend für alle Ausländer züchtigen", hieß es in der Anklage. Die Täter quälten das Kind auf sadistische Weise unter anderem mit Fußtritten und Fausthieben, schlugen ihn mit einer Bierflasche, drückten eine brennende Zigarette auf einem Augenlid aus. Zudem bedrohten sie ihn mit einer Waffe und demütigten ihn, indem sie ihn zwangen, ihre Springerstiefel zu lecken. Als die anderen von ihrem Opfer abließen, trat und schlug der 20-Jährige der Anklage zufolge noch einmal zu.

Die Tortur des Jungen hatte über Sachsen-Anhalt hinaus Entsetzen hervorgerufen. Er trug 34 Verletzungen nahezu am ganzen Körper davon, darunter ein Schädel-Hirn-Trauma, einen Nasenbeinbruch und Platzwunden. Das Kind musste eine Woche lang im Krankenhaus behandelt werden. Anschließend zog er aus Angst, seinen Peinigern nochmals zu begegnen, aus Pömmelte weg.

Das Dorf Pömmelte versucht seit dem Überfall im Januar das Problem mit jugendlichen Neonazis anzugehen. Am Freitag soll der Jugendklub im Ort wieder eröffnet werden. Seit dem Vorfall gibt es einen Runden Tisch gegen Gewalt. Auf der Internet-Seite wehrt sich das Dorf gegen den Verdacht, ein Hort brauner Gewalt zu sein.

ler/ddp/dpa/AP



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