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Urteil im Terrorprozess: Sauerland-Gruppe hofft auf Strafrabatt

Von Yassin Musharbash

Der größte Terrorprozess seit RAF-Zeiten geht zu Ende: Fritz Gelowicz und seine Mitverschwörer wollten in Deutschland Bomben zünden - im Visier hatten sie vor allem US-Soldaten. Es wird zu langen Haftstrafen gegen die Sauerland-Zelle kommen. Trotz ihrer umfänglichen Geständnisse.

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DPA

Angeklagte Selek, Schneider, Gelowicz: Langjährige Strafen erwartet

Berlin - Einmal werden sie noch im Blitzlichtgewitter stehen. Aber es werden, voraussichtlich für lange Zeit, die letzten aktuellen Bilder von ihnen sein. An diesem Donnerstag fällt vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht das Urteil im Mammut-Prozess gegen die Sauerland-Gruppe:

  • Gegen Fritz Gelowicz, den schwäbelnden Dschihadisten,
  • und Daniel Schneider, seinen stillen Kumpel aus dem Saarland,
  • gegen Adem Yilmaz, den hessischen Türken mit kahlem Schädel und Fusselbart,
  • und gegen Atilla Selek, der aus der Türkei half, die Sprengstoffzünder für ihr Vorhaben zu beschaffen.

Im September 2007 bekam die Öffentlichkeit die ersten Bilder der Zelle zu sehen: Gelowicz, Schneider und Yilmaz waren in einem Ferienhaus im sauerländischen Oberschledorn festgenommen worden. Beim Testkochen einer Charge Sprengstoff. Wie ein neuer Andreas Baader wirkte Schneider da noch: das Kinn trotzig in die Höhe gereckt, wallende Haare, am Handgelenk Handschellen.

Niemand ist verurteilt, bevor der Richterspruch gefällt ist. Aber es besteht kein begründeter Zweifel, dass die vier verhinderten Terroristen ab Donnerstag teils lange Haftstrafen werden verbüßen müssen. Fast 1500 Seiten umfassen die Geständnisse, in denen sie fast alles zugegeben haben, was ihnen die Bundesanwaltschaft zur Last gelegt hat. Dass sie geplant haben, in Deutschland eine Serie von Sprengstoffanschlägen zu begehen. Vorrangiges Ziel waren US-Soldaten.

"Die Welt wird brennen"

Im April 2009 wurde der Prozess eröffnet; anfangs hieß es, er werde zwei Jahre dauern. Dass es nun gerade mal elf Monate sind, liegt daran, dass Adem Yilmaz im Juni die Geduld verlor. Als Rädelsführer Gelowicz zustimmte, packten sie alle aus.

Sie hoffen jetzt auf Strafrabatt - und werden ihn wohl erhalten. Die Bundesanwaltschaft fordert 13 Jahre Haft für Daniel Schneider, mehr als für die anderen, weil sie ihm vorwirft, zusätzlich auf einen Polizisten geschossen zu haben. Gelowicz soll zwölf Jahre und sechs Monate bekommen, Adem Yilmaz ein Jahr weniger. Bei Selek plädierte die Anklage auf fünfeinhalb Jahre. Er leistete lediglich Unterstützungsdienste.

Prozessbeteiligte schätzen, dass der Senat unter Vorsitz des Richters Ottmar Breidling diese Zahlen um ein bis zwei Jahre nach unten korrigieren wird. Dafür spreche die Ausführlichkeit der Geständnisse. Dagegen spricht, dass Yilmaz und Gelowicz wenig Reue gezeigt haben. Nur Selek und Schneider sagten sich klar los.

Abschied von "Richter Tacheles"

Die Geständnisse nahmen dem Prozess viel von seiner Schärfe. Sie erübrigten den erwarteten Streit zwischen Verteidigern und Richter Breidling, der zwar ein erfahrener Richter in Terrorprozessen ist, aber auch eine polarisierende Figur, der Überheblichkeit nicht fremd ist. Breidling gilt als harter Hund. Zuletzt hatte er den "Kofferbomber" zu lebenslanger Haft verurteilt.

Ohne die geständigen Aussagen hätten die Verteidiger womöglich auf Konfrontation geschaltet. Es wäre dann um Fragen gegangen wie die Verwertbarkeit von Aussagen in Usbekistan und Aserbaidschan inhaftierter Zeugen, welche die Bundesanwälte aufgesucht hatten. Oder um die dubiose Rolle ausländischer Geheimdienste, denn mindestens ein Ex-Informant des türkischen Geheimdienstes versorgte die Sauerländer mit Interna. Oder um die Frage, ob die IJU überhaupt existiert - was ohne Aussagen aus erster Hand schwieriger nachzuweisen gewesen wäre.

Für Breidling waren die Geständnisse daher auch ein persönliches Geschenk. Denn mit dem Sauerland-Urteil endet seine Karriere, er wird in Pension gehen. Die Verteidiger finden nun sogar versöhnliche Worte für ihn: "Sachlich" sei er vorgegangen, heißt es. Und "angemessen". Adem Yilmaz hat ihn gar als "echten Profi" bezeichnet.

Von einem "sportlichen Wettkampf" mit dem Vorsitzenden Richter spricht auch Dirk Uden, einer der Verteidiger von Fritz Gelowicz. Breidling habe einerseits klar die Lufthoheit für sich beansprucht, andererseits aber auch auf menschliche Zwischentöne geachtet und "bemerkenswerte" Verfahrens-Entscheidungen getroffen - etwa indem er den Angeklagten gestattet habe, sich in einer größeren Zelle innerhalb des Oberlandesgerichts auszutauschen.

Ein letzter Aufreger um seine Person droht freilich noch. Denn Breidling, Spitzname "Richter Tacheles", hat es sich zur Angewohnheit gemacht, ein "Vorwort" zur Urteilsbegründung zu verfassen und als "Ergänzung" zur Pressemitteilung auf die Website des Gerichts stellen zu lassen. In den jüngsten Fällen kritisierte er darin regelmäßig die Verteidigung und pries die Sicherheitsbehörden. Er machte auch vor konkreten Ratschlägen an den Gesetzgeber nicht Halt.

Verteidiger sehen diese Praxis mit Skepsis - vor allem, wenn sie darin angegangen werden. Jochen Thielmann, der in einem früheren Terrorprozess als Verteidiger gegen Breidling antrat, kritisierte sie kürzlich in einem Aufsatz als unangemessene "Werbung in eigener Sache". Nicht, dass Breidling Werbung noch nötig hätte. Aber vielleicht verspürt er ja den Drang, ein Vermächtnis zu hinterlassen.

Die IJU lebt weiter - wenn auch geschwächt

Der Terrorprozess, der nun zu Ende geht, war der größte seit RAF-Zeiten. Und er war das Ergebnis einer der umfangreichsten Ermittlungs- und Observationsoperationen der Nachkriegsgeschichte.

Schon sehr früh hatten US-Geheimdienste die deutschen Ermittler auf die Spur gesetzt. Gelowicz und Co. waren kaum je unbeobachtet oder unbelauscht. Hätten sie ihre Pläne verwirklichen können, wären womöglich Hunderte Menschen getötet worden. "Direkte Vergeltung" für Guantanamo und Abu Ghuraib nannte Yilmaz das.

Ihren Aussagen zufolge hatten sie eigentlich nur einen Weg auf irgendein Dschihad-Schlachtfeld gesucht, am liebsten Tschetschenien, zur Not auch Irak. Schließlich aber vermittelten zentralasiatische Dschihadisten sie zur Ausbildung an die IJU in Waziristan. Und die IJU habe sie aufgefordert, in Europa zuzuschlagen. Sie willigten ein. Statt Kämpfer an der Front wurden sie so Terroristen in spe.

Nachdem sie den Zugang zur IJU gefunden hatten, rekrutierten die Sauerländer indes fleißig Nachwuchs. Noch immer laufen Verfahren gegen einige, die sie anwarben. Andere fanden in der Zwischenzeit den Tod - im Kampf oder als Selbstmordattentäter in Afghanistan. Zuletzt ging den Behörden ausgerechnet Gelowicz' Ehefrau ins Netz: Während er vor Gericht stand, soll sie der IJU Geld zugeführt haben.

Der Urteilsspruch vom Donnerstag wird deshalb wohl kein Schlussstrich sein. Die IJU existiert weiter, wenn auch geschwächt. Der Zufluss deutscher Rekruten zu Terrorgruppen in Waziristan ist nicht versiegt. Andere Verfahren dürften sich anschließen. Auch wenn Gelowicz, Schneider, Yilmaz und Selek nun für etliche Jahre von der Bildfläche verschwinden dürften.

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Forum - Prozess-Ende in Düsseldorf - Urteil gegen die Sauerland-Gruppe
insgesamt 99 Beiträge
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1. Wie gut sind sie?
AKI CHIBA 03.03.2010
Zitat von sysopEin Jahr nach Prozessbeginn fällt am Donnerstag das Urteil. Es wird wohl zu langen Haftstrafen kommen, trotz der umfänglichen Geständnisse. Wie gut sind die deutschen Sicherheitsbhörden?
Perfekte Bekämpfung gibts nicht. Die Gesetze sind gut. Die Polizei trotz dünner Kapitalausstattung erstaunlich gut. Die Behörden? Die Gerichte? Da wo Gutmenschen das Sagen haben, gehts dem Zerfall entgegen.
2. Ausgezeichnet
bennysalomon, 03.03.2010
Zitat von sysopEin Jahr nach Prozessbeginn fällt am Donnerstag das Urteil. Es wird wohl zu langen Haftstrafen kommen, trotz der umfänglichen Geständnisse. Wie gut sind die deutschen Sicherheitsbhörden?
Da noch nichts passiert ist in den letzten zehn Jahren, sehr gut.
3. Grenzenlose Panikmache
stanis laus 03.03.2010
"Fritz Gelowicz und seine Mitverschwörer wollten in Deutschland Bomben zünden." Ja, ja. Wasserstoffbomben. Unter Aufsicht der Dienste? Die "Bomben" waren Kanister mit verdünntem Wasserstoffperoxid (H2O2), einer Flüssigverbindung aus Wasserstoff und Sauerstoff. Wird als starkes Bleich- und Desinfektionsmittel eingesetzt. In hochkonzentrierter Form ist es sowohl als Einzel- als auch als Raketentreibstoff einsetzbar. Molotowcocktails sind gefährlicher.
4. Fein. Und nun?
fritzschultz7ink 03.03.2010
Zitat von stanis laus"Fritz Gelowicz und seine Mitverschwörer wollten in Deutschland Bomben zünden." Ja, ja. Wasserstoffbomben. Unter Aufsicht der Dienste? Die "Bomben" waren Kanister mit verdünntem Wasserstoffperoxid (H2O2), einer Flüssigverbindung aus Wasserstoff und Sauerstoff. Wird als starkes Bleich- und Desinfektionsmittel eingesetzt. In hochkonzentrierter Form ist es sowohl als Einzel- als auch als Raketentreibstoff einsetzbar. Molotowcocktails sind gefährlicher.
Lieber Herr Laus, Ihren kleinen Chemie-Exkurs kann ich ohne Quellenforschung nicht werten, aber was wollen Sie aussagen? Dass die Attentatslaien leider nicht in der Lage waren, "ja ja Wasserstoffbomben" zu bauen? Oder wollen Sie andeuten, dass die Herrschaften nur wenige Menschen töten und verletzen wollten, und dass man deshalb nicht so ein Brimborium anstellen soll? Generell wird es immer als nett empfunden, wenn Forenteilnehmer eine klare Aussage treffen. Dann wissen die Anderen, was Sache ist. Ja? Ich muss schon sagen! "Verdünntes Wasserstoffperoxid." Wie stark verdünnt? Vielleicht sollten wir, um Ihnen entgegenzukommen, ein Bundesgesetz anregen, demzufolge dann Attentate mit "verdünntem Wasserstoffperoxid" nicht mehr strafrechtlich verfolgt werden dürfen. Manno!
5.
atzlan 03.03.2010
Zitat von sysopEin Jahr nach Prozessbeginn fällt am Donnerstag das Urteil. Es wird wohl zu langen Haftstrafen kommen, trotz der umfänglichen Geständnisse. Wie gut sind die deutschen Sicherheitsbhörden?
Gut genug, die kleinen Fische zu fangen. "...den 24-jährigen Türken Mevlüt K. Er soll der Anführer der jetzt aufgescheuchten mutmaßlichen Terrorgruppe sein und letztlich zu ihrer Enttarnung beigetragen haben. In einer intern höchst umstrittenen Operation wurde K. dem türkischen Geheimdienst wie auf dem Silbertablett präsentiert – am 8. August vergangenen Jahres ging er der Polizei in Ankara ins Netz.Der mutmaßliche Chef der pfälzischen Terrorzelle stand offenbar in direktem Kontakt zu dem weltweit gesuchten Top-Terroristen Abu Mussab Al Zarqawi. Der 36-jährige Jordanier, der nach Zeugenaussagen von K. 40 gefälschte Pässe erhielt, soll Osama bin Ladens Europa-Chef sein." http://www.focus.de/politik/deutschland/terror-eine-zelle-platt-gemacht_aid_197019.html "Nach Informationen aus Sicherheitskreisen soll es sich bei Mevlüt K. um einen Kontaktmann des türkischen Geheimdienstes MIT und der amerikanischen CIA handeln." http://www.stern.de/panorama/sauerland-zelle-mutmasslicher-cia-mann-war-der-chef-653678.html?id=653678&ks=1
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Sauerland-Terrorprozess
Die Gruppe
Vor dem Oberlandesgericht in Düsseldorf mussten sich vier Mitglieder der terroristischen Sauerland-Gruppe verantworten. Es handelt sich um den zum Islam konvertierten Deutschen Fritz Gelowicz, den Neunkirchener Daniel Schneider, den Deutsch-Türken Attila Selek und den türkischen Staatsbürger Adem Yilmaz. Gelowicz und Schneider erhielten eine Haftstrafe von jeweils zwölf Jahren, der türkische Staatsbürger Yilmaz wurde zu elf Jahren Haft verurteilt. Als Helfer des Trios muss der Deutsch-Türke Selek fünf Jahre hinter Gitter.

Die Angeklagten hatten vor Gericht zugegeben, im Auftrag der Islamischen Dschihad Union (IJU) in Deutschland Anschläge geplant zu haben. Die IJU unterhält auch Kontakte zum Terrornetzwerk al-Qaida.

Der Plan
Von der Gruppe sei eine "ungeheure Bedrohung" ausgegangen, sagte der Richter in Düsseldorf. Gelowicz und Yilmaz wurden unter anderem wegen Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung und Verabredung zum Mord verurteilt, Schneider zusätzlich wegen versuchten Mordes. Bei Selek sah das Gericht den Vorwurf der Unterstützung einer ausländischen terroristischen Vereinigung als bewiesen an.

Nach Ansicht der Richter wollten die vier Islamisten aus religiöser Verblendung in der Bundesrepublik ein Blutbad anrichten. Ihnen wurde vorgeworfen, im Jahr 2007 Autobombenanschläge auf US-Einrichtungen in mehreren deutschen Großstädten geplant zu haben. Als mögliche Ziele galten Gaststätten, Pubs, Discotheken und Flughäfen. Ermittlern zufolge hätte es einer der blutigsten Anschläge der Nachkriegsgeschichte werden können, schlimmer als die Anschläge von London und Madrid.

Die Festnahme
Eine großangelegte Polizeiaktion führte am 4. September 2007 zur Verhaftung von Fritz Gelowicz, Daniel Schneider und Adem Yilmaz. Dutzende zivil gekleidete BKA-Beamte und Mitglieder der Eliteeinheit GSG 9 stürmten ein Ferienhaus im sauerländischen Oberschledorn. In der Wohnung fanden sie unter anderem militärische Sprengzünder aus Syrien und 60 Liter Wasserstoffperoxid. Die Bestandteile waren offenbar für drei Autobomben gedacht. Später wurde noch Attila Selek festgenommen - er soll die Zünder für die Bomben besorgt haben.

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