US-Gefangenschaft Kurnaz schildert schwere Misshandlungen

An Ketten gehängt, gefoltert, gedemütigt: Der Deutsch-Türke Murat Kurnaz hat dem Verteidigungsausschuss massive Menschenrechtsverletzungen im US-Gefängnis in Afghanistan geschildert. Abgeordnete von Regierung und Opposition reagierten erschüttert.


Berlin - Kurnaz erzählte dem Grünen-Politiker Winfried Nachtwei zufolge, wie er in dem Lager im südafghanischen Kandahar vier oder fünf Tage lang an Ketten aufgehängt wurde - und nur herabgelassen wurde, um von Ärzten auf seine weitere "Folterfähigkeit" überprüft zu werden. Auch die Begegnung mit deutschen Soldaten habe Kurnaz schlüssig geschildert, sagte Nachwei. Der heute 24-jährige Ex-Gefangene aus Bremen, der erst in Afghanistan und dann in Guantanamo in US-Haft saß, wirft der Bundeswehr Misshandlung und unterlassene Hilfe vor.

Ehemaliger Guantanamo-Häftling Kurnaz: Angeblich vier oder fünf Tage lang an Ketten aufgehängt
DDP

Ehemaliger Guantanamo-Häftling Kurnaz: Angeblich vier oder fünf Tage lang an Ketten aufgehängt

Paul Schäfer von der Linksfraktion sagte, laut Kurnaz hätten Häftlinge bei minus zehn Grad nackt und angekettet in Zelten zugebracht. Öffentlich äußerte sich Kurnaz nicht. Der Verteidigungsausschuss hatte sich zur Klärung des Falles in einen Untersuchungsausschuss umgewandelt. Am Donnerstag soll Kurnaz dann vor dem BND-Untersuchungsausschuss aussagen, der öffentlich tagt.

Soldaten des deutschen Kommandos Spezialkräfte (KSK) wirft Kurnaz vor, ihn in Kandahar mit dem Kopf auf den Boden gestoßen zu haben. Kurnaz sagte, ein KSK-Soldat habe ihn an den Haaren gepackt, mit dem Kopf auf den Boden geschlagen und getreten. Der zweite Soldat habe dabei gestanden. Das Verteidigungsministerium hatte Kontakte zwischen KSK-Soldaten und Kurnaz bestätigt, die Misshandlungsvorwürfe aber zurückgewiesen. In dem Fall ermittelt auch die Staatsanwaltschaft Tübingen.

Der SPD-Verteidigungsexperte Rainer Arnold sagte, geklärt werden müsse nun die Rolle eines angeblichen Mitarbeiters des Internationalen Roten Kreuzes, bei dem es sich möglicherweise um einen getarnten Vernehmungsbeamten gehandelt habe. Der Mann habe Kurnaz über fünf Jahre hinweg in deutscher Sprache befragt. Sollte sich der Verdacht bestätigen, dass die Zugehörigkeit zum Roten Kreuz nur vorgeschoben war, wäre dies ein schäbiger Vorgang, sagte Arnold.

Die FDP-Politikerin Elke Hoff nannte Kurnaz' Aussage in hohem Maße glaubwürdig. Sie kündigte an, Vertreter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) sollten als Zeugen geladen werden, um den Verdacht zu klären.

Kurnaz' Rechtsanwalt Bernhard Docke sagte, sein Mandant habe deutlich gemacht, dass Folter und Misshandlungen in dem US-Lager in Kandahar offensichtlich waren. Auch seine Vorwürfe gegen die KSK-Soldaten habe er wiederholt und konkretisiert. Darüber hinaus stelle sich die Frage, ob deutsche Behörden dazu beigetragen haben, dass Kurnaz aus dem US-Gefängnis in Afghanistan nach Guantanamo geschickt wurde.

Docke sagte, die US-Soldaten, die Kurnaz in Kandahar befragt hätten, hätten Informationen zu seiner Bremer Vorgeschichte gehabt - zum Beispiel über einen Handy-Verkauf und Bewegungen auf seinem Bankkonto. Es dränge sich daher der Verdacht auf, dass die Amerikaner im Kontakt zu deutschen Stellen gestanden hätten. Diese Informationen hätten möglicherweise dazu geführt, dass die USA Kurnaz für einen "dicken Fisch" gehalten und nach Guantanamo geschickt hätten.

Kurnaz war Anfang 2002 wegen Terrorverdachts zunächst in Afghanistan gefangen gehalten und später nach Guantanamo gebracht worden. Erst im August 2006 kam Kurnaz frei.

pav/reuters



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