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US-Vertreter Murphy: Botschafter in peinlicher Mission

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Depeschen mit abfälligen Bemerkungen über deutsche Politiker haben US-Botschafter Philip Murphy in eine schwierige Lage gebracht. In der FDP gibt es schon Forderungen nach Versetzung. Der umtriebige Spitzendiplomat hält mit einer Charme-Offensive dagegen.

US-Botschafter Murphy: Ein kluger, charmanter Mann Zur Großansicht
REUTERS

US-Botschafter Murphy: Ein kluger, charmanter Mann

Berlin - Er ist der Mann, dessen Name hinter vielen Depeschen seiner Botschaft steht: Philip Murphy.

Der 53-Jährige ist der höchste Repräsentant der Vereinigten Staaten in Deutschland. Und in diesen Tagen bemüht, den Schaden, den die Veröffentlichungen der Geheimdokumente durch WikiLeaks verursachte, wenigstens zu begrenzen. "Ich will nichts kleinreden, wir arbeiten hart daran, Vertrauen wieder aufzubauen", sagt der US-Botschafter.

Da steht Murphy vor einer großen Herausforderung. Die Depeschen der US-Botschaft in Berlin, die nach Washington gingen, lassen kein gutes Haar am deutschen Spitzenpersonal. Offen und ehrlich geben sie einen Einblick in das Denken von Murphys Diplomaten, vor allem Außenminister Guido Westerwelle kommt dabei schlecht weg. Der FDP-Politiker sei ein "Rätsel", habe eine "überschäumende Persönlichkeit", sei aggressiv, heißt es. Außerdem zeigen die Depeschen, dass die Diplomaten von Quellen aus Parteien mit internen Einschätzungen versorgt wurden. Inzwischen steht fest, wer Informationen lieferte. Es war Helmut Metzner, Westerwelles Büroleiter, der den Amerikanern über die Koalitionsverhandlungen berichtete. Metzner wurde deshalb schon seines Postens enthoben.

Murphy kennt sich in Deutschland aus

Murphy, seit 15 Monaten im Amt, will nun schleunigst Vertrauen zurückgewinnen. Er gibt bereitwillig Interviews, er startet eine Charme-Offensive bei Berliner Politikern. Dabei versucht er einen Spagat: Einerseits verteidigt er die Arbeit seiner Diplomaten. Andererseits gesteht er zu, dass ein erheblicher Schaden entstanden sei. Ein Mann in peinlicher Mission.

Diese Woche eröffnete er das Chanukka-Fest am Brandenburger Tor, in Sichtweite seiner Botschaft. Die Öffentlichkeit erlebt wie immer einen charmanten, klugen Mann, er spricht fließend Deutsch. Murphy, der kein gelernter Diplomat ist, sondern Wirtschaftswissenschaftler und Investmentbanker, pflegt einen offenen, unkomplizierten Stil. Der Vater von vier Kindern lädt regelmäßig zu Runden in seine Residenz in Dahlem ein, er bereist das Land, besucht Schulen, spricht mit Jugendlichen. Er kennt sich aus im Lande, er hat vor seiner Tätigkeit in Berlin bereits einige Jahre in Frankfurt am Main als Banker gearbeitet.

Murphy will verhindern, dass durch die Veröffentlichungen das deutsch-amerikanische Verhältnis dauerhaft belastet wird. Doch der Unmut über die Amerikaner ist bei so manchem deutschen Politiker groß. Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) spricht aus, was viele Spitzenpolitiker in Berlin denken: "Es wird mit Sicherheit dazu führen, dass man sehr viel genauer überlegt, bei wem man wie offen spricht."

"Die USA müssen sich das überlegen"

Noch deutlicher wird ein anderer FDP-Mann. Der Verkehrspolitiker Patrick Döring, der neuer Bundesschatzmeister der FDP werden soll, forderte in den "Passauer Neue Presse" Konsequenzen. Es sei nicht sinnvoll, wenn Botschafter Murphy und die übrigen beteiligten Personen weiter in der Berliner US-Botschaft tätig blieben und die deutsche Politik beobachteten und kommentierten. "Die USA müssen sich überlegen, ob mit einem Personal, das offenbar gezielt Kontakte in Parteien gesucht hat, noch eine vertrauensvolle Zusammenarbeit möglich ist", sagt Döring zu SPIEGEL ONLINE.

Ähnlich argumentiert der FDP-Bundestagsabgeordnete Hans-Michael Goldmann: "Das Verhalten von Herrn Murphy ist ungehörig. Wenn das einem deutschen Botschafter passiert wäre, dann hätte man ihn abberufen. So ein Botschafter muss nach Hause geholt werden", sagte er "Bild". Vor allem störe ihn, dass sich Murphy bisher nicht entschuldigt hat.

Immer gute Miene machen in peinlicher Lage, das ist nun Murphys tägliches Geschäft. Wie er dabei vorgeht, war in diesen Tagen in Rheinland-Pfalz zu beobachten. Dort traf er SPD-Ministerpräsident Kurt Beck zum Gespräch. Über Beck gibt es in den US-Geheimberichten manche Spitzen, er spreche kein Englisch und scheine die USA "nicht als wirtschaftliches, soziales oder politisches Vorbild zu betrachten".

Bei ihrem Treffen überspielten Beck und Murphy diese Peinlichkeit. Die Beziehungen beider Länder seien "viel stärker von Taten denn von Worten abhängig", sagte Beck. Und Murphy erklärte, die Beziehungen seien zwar noch nicht vollständig wieder auf normalen Stand: "Wir bewegen uns aber sehr schnell dahin."

Es klang wie ein Stoßgebet.

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Forum - Beschädigen die Wikileaks-Dokumente das Verhältnis zwischen den USA und ihren Bündnispartnern?
insgesamt 5856 Beiträge
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1.
Waiguoren 28.11.2010
"Merkel ist methodisch, rational und pragmatisch." Angie kommt doch gar nicht so schlecht weg.
2. Einstein
Liberalitärer, 28.11.2010
Zitat von sysopWie Amerika die Welt sieht - 251.287 geheime Dokumente aus dem Washingtoner Außenministerium enthüllen die Sicht der US-Diplomatie auf Freund und Feind.
Nein, das sind Einschätzungen und Kritik im Falle D schadet nicht. Niemand hier wird wohl G.W. Bush (den ich für ehrenwert halte) mit Einstein verwechseln.
3.
werner thurner, 28.11.2010
Zitat von sysopWie Amerika die Welt sieht - 251.287 geheime Dokumente aus dem Washingtoner Außenministerium enthüllen die Sicht der US-Diplomatie auf Freund und Feind.
Dann erfahren wir endlich mal die Wahrheit über die offizielle Denke in den USA. Die Wahrheit , oder annähernd die Wahrheit kann niemals irgendwas beschädigen. Das Verhätnis der USA zu den Verbündeten ist ja bereits durch die Bush Kriegspolitik und das Mitläufertum beschädigt, genauso wie die hierzu mißbrauchte NATO (Bündnsifall bis heute).
4. Nicht schlecht
Smartpatrol 28.11.2010
"Amerikas Botschafter können gnadenlos in der Beurteilung der Länder sein, in denen sie akkreditiert sind." Was man ihnen kaum vorhalten kann. Die Bewertung Westerwelles ist beispielsweise nichts als eine realistische, nüchterne Einschätzung. Keine der genannten Veröffentlichungen macht mir die USA unsympathischer, ganz im Gegenteil.
5. Nein.
ramuz 28.11.2010
Geht man von dem momentanen Level an Vertrauen, Ansehen, Kooperationswillen aus, das/den Akteure anderer Staaten den US entgegenbringen, kann es nicht beschädigt werden aus Sicht der anderen. Wenn die Akteure der US halbwegs intelligent sind, so wissen sie das auch. Theaterdonner halt...
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  • - Welche Länder die USA skeptisch sehen
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    über deutsche Politiker verraten

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Das sagt die US-Regierung
SPIEGEL ONLINE dokumentiert die Stellungnahme der US-Regierung in Washington zur Veröffentlichung geheimer Diplomaten-Depeschen im Wortlaut - klicken Sie auf die Überschrift!
Stellungnahme des Weißen Hauses
Wir erwarten die Veröffentlichung von angeblich mehreren hunderttausend geheimen Depeschen des Außenministeriums am Sonntagabend, in denen detailliert vertrauliche diplomatische Unterredungen mit anderen Regierungen thematisiert werden.

Es liegt in der Natur der Sache, dass Lageberichte für Washington sehr offen formuliert sind und oft unvollständige Informationen enthalten. Die Berichte repräsentieren weder die US-Politik als solche, noch haben sie zwangsläufig Einfluss auf politische Entscheidungen. Dennoch könnten diese Depeschen vertrauliche Verhandlungen mit anderen Regierungen und Oppositionsführern beeinträchtigen. Und wenn der Inhalt solcher vertraulicher Unterredungen auf den Titelseiten der Zeitungen auf der ganzen Welt erscheint, könnte das nicht nur Interessen der US-Außenpolitik schwer beschädigen, sondern auch diejenigen unserer Verbündeten und Freunde.

Um es ganz klar zu sagen: Solche Enthüllungen gefährden unsere Diplomaten, Geheimdienstmitarbeiter und Menschen auf der ganzen Welt, die sich hilfesuchend an die USA wenden mit ihrem Anliegen, Demokratie und transparente Politik zu erreichen. Diese Dokumente könnten auch die Namen von Personen enthalten, die oftmals in Ländern leben und arbeiten, in denen Unterdrückungsregime an der Macht sind, und die versuchen, offene und freie Gesellschaften zu schaffen. Präsident Obama unterstützt verantwortliches, verlässliches und offenes Regierungshandeln daheim und überall auf der Welt, aber diese unverantwortliche und gefährliche Aktion läuft dem zuwider.

Mit der Veröffentlichung gestohlener und geheimer Dokumente hat WikiLeaks nicht nur die Sache der Menschenrechte in Gefahr gebracht, sondern auch das Leben und die Arbeit derer, die sich ihr verschrieben haben. Wir verurteilen die Enthüllung der geheimen Dokumente und sensibler Informationen der nationalen Sicherheit aufs Schärfste.


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