Kladden des Hitler-Chefideologen US-Zoll übergibt Rosenberg-Tagebücher an Holocaust-Museum

Mehr als 60 Jahre lang galten sie als verschollen, im Sommer wurden sie von US-Fahndern gefunden: die Tagebücher des Nazi-Ideologen Alfred Rosenberg. Nun gehen die Kladden an das Washingtoner Holocaust Memorial Museum - ihr Inhalt dürfte hochbrisant sein.

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Es sind 425 lose Blätter, die mehr als 60 Jahre als verschollen galten. 425 Blätter, voll beschrieben mit Notizen, mit persönlichen Aufzeichnungen eines hochrangigen Kriegsverbrechers. Das Tagebuch des NS-Dogmatikers Alfred Rosenberg ist ein Dokument von hoher Brisanz. Im Juni dieses Jahres hatten US-Fahnder den Sensationsfund bei einer Pressekonferenz in Wilmington im Bundesstaat Delaware präsentiert.

Am Montag übergab die US-Zollbehörde die Kladden dem Washingtoner Holocaust Memorial Museum (USHMM). Nun wird sich im Detail zeigen, ob die Schriftstücke neue Erkenntnisse über die Planung des Holocaust enthalten. Aus dem Katalog des USHMM geht bislang hervor, dass Rosenberg mit seinen Aufzeichnungen 1936 begann: In ihnen habe er etwa über zeitgenössische Ereignisse reflektiert, "einschließlich des deutsch-sowjetischen Nichtangriffpaktes" von 1939, die deutsche "Invasion in Polen, die Beziehungen des Deutschen Reiches zu anderen Nationen vor dem Krieg".

In seinem Tagebuch berichtet der fanatische NS-Dogmatiker, laut USHMM, auch über seine Antipathie zu "organisierten Religionen" wie etwa der katholischen Kirche. Besonders aufschlussreich hinsichtlich des deutschen Massenmordes an den europäischen Juden dürften Rosenbergs Berichte über seine Treffen mit Adolf Hitler sein. Das Tagebuch endet 1944. Zusätzliche Jahrgänge (1934-1935) befinden sich bereits in der Sammlung der amerikanischen National Archives.

Nationalsozialist der ersten Stunde

Rosenberg war nicht irgendein Nazi-Scherge. Er war Nationalsozialist der ersten Stunde. 1923 hatte er am Novemberputsch teilgenommen, war im selben Jahr Chefredakteur des Hetzblattes "Völkischer Beobachter" geworden, galt als enger Vertrauter Hitlers - und war tief verstrickt in die Verbrechen der Nazis. Sein Hauptwerk, "Der Mythus des Zwanzigsten Jahrhunderts", hatte der führende Theoretiker der braunen Bewegung schon 1930 veröffentlicht. Das Buch wurde zum Standardwerk der NS-Ideologie. Es galt als ideologische Rechtfertigung für die Vernichtung der europäischen Juden.

Nach seiner Machtübernahme 1933 ernannte Hitler Rosenberg dann zum "Beauftragten des Führers für die Überwachung des gesamten geistigen und weltanschaulichen Erziehung des NSDAP". Rosenberg, der im heutigen Estland geboren wurde, prägte mit seiner Weltanschauung auch den Alltag der Hitler-Diktatur. Ab 1939 überwachte er für das nationalsozialistische "Institut zur Erforschung der Judenfrage" die Plünderung jüdischer Bibliotheken und Archive. Sein "Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg" war verantwortlich für den Raub von Kulturgütern aus den besetzten Gebieten Europas.

Als "Reichsminister für die besetzten Ostgebiete" war Rosenberg seit 1941 mitverantwortlich für die Ghettoisierung und Ermordung der europäischen Juden. Am 2. April des Jahres, so schreibt er in seinem Tagebuch, habe Hitler zu ihm gesagt: "Rosenberg, jetzt ist Ihre große Stunde gekommen." Nach dem Zusammenbruch des "Tausendjährigen Reichs" verurteilte das Nürnberger Kriegsverbechertribunal den NS-Täter am 16. Oktober 1946 wegen Verschwörung, Verbrechen gegen den Frieden, Planung, Eröffnung und Durchführung eines Angriffkriegs, Kriegsverbrechen sowie Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tode.

US-Chefankläger Kempner ließ die Kladden mitgehen

Gut ein Jahr zuvor hatten die Alliierten das Tagebuch des NS-Ideologen sichergestellt. In den Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozessen diente es als wichtiges Beweismittel. Bald darauf war es verschollen - für mehr als 60 Jahre. Heute gilt als erwiesen, dass US-Chefankläger Robert Kempner die Kladden nach Abschluss der Nürnberger Prozesse mitgehen ließ. Doch das wurde erst zweieinhalb Jahre nach dem Tod Kempners, im März 1996, bekannt.

Nun gab es zwar eine erste Spur zu den Aufzeichnungen Rosenbergs, doch die Sichtung der Unterlagen Kempners in dessen Haus in Pennsylvania führte zu keinem Ergebnis. Es sollte weitere sieben Jahre dauern, bis das Rosenberg-Tagebuch wieder auftauchte.

Dafür sorgte der Washingtoner SPIEGEL-Mitarbeiter Axel Frohn. Der Reporter machte sich 2003 auf die Suche nach dem Tagebuch. Seine Dokumentenjagd führte ihn zu Staats- und Rechtsanwälten, in Antiquariate, ins Hafenviertel von Philadelphia und in ein Altersheim an den Niagarafällen. Dort bekam Frohn den entscheidenden Hinweis. Eine langjährige Assistentin von US-Chefankläger Kempner offenbarte ihm, das Rosenberg-Tagebuch nach dessen Tod einem Freund anvertraut zu haben.

Es dauerte mehrere Jahre, bis das Holocaust-Museum in Washington das Tagebuch Rosenbergs mit Hilfe der Recherchen Frohns und Privatdetektiven fand. Daraufhin beschlagnahmte es eine US-Behörde. Nun soll es nach mehr als 60 Jahren öffentlich zugänglich gemacht werden.



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