V-Mann-Affäre Hinweis auf NSU-Trio versandete beim LKA Berlin

Schon im Februar 2002 erhielt das LKA Berlin einen Hinweis auf das untergetauchte NSU-Terrortrio. Wie die geheimen Akten der Behörde zeigen, haben die LKA-Fahnder die Brisanz der Information offenbar falsch eingeschätzt - und sie deshalb auch nicht weitergegeben.

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Berlins Innensenator Henkel (CDU): LKA hat Hinweis falsch eingeschätzt
dapd

Berlins Innensenator Henkel (CDU): LKA hat Hinweis falsch eingeschätzt


Berlin - Von ihrem V-Mann Thomas S. hatten sie einen Hinweis auf das untergetauchte NSU-Terrortrio, doch die Beamten des Landeskriminalamts Berlin haben ihn im Jahr 2002 offenbar falsch eingeschätzt. Aus den geheimen Akten der LKA-Staatsschutzabteilung geht hervor, dass die Beamten ihre Quelle über den Hinweis auf einen möglichen Kontaktmann des Trios nicht weiter befragten und ihn auch nicht in ihre Auswerteberichte aufnahmen. Folglich wurde der Tipp laut den Akten auch nicht an andere Behörden weitergereicht.

Thomas S., der vor dem Abtauchen des späteren NSU-Trios Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe eng mit dem Trio befreundet war, wurde von November 2000 bis Januar 2011 als V-Mann der Berliner Polizei geführt. In 38 Treffen mit seinen V-Mann-Führern berichtete die Quelle "VP 562" in den Jahren hauptsächlich über den Vertrieb von rechter Musik, Konzerten von Nazi-Bands und den Besuchern der Festivals.

Ab November 2000 traf man sich regelmäßig, am 13. Februar 2002 saß man wieder mal zusammen. Erneut ging es um die rechte Band Landser. Doch "VP 562" berichtete noch ein weiteres Detail. Demnach solle Jan W., einer der Verantwortlichen des Landser-Vertriebs, aktuell zu "drei Personen aus Thüringen" Kontakt haben, "die per Haftbefehl gesucht werden". Zwar nannte S. damals keine Namen, allerdings sagte er über die Untergetauchten, "dass die wegen Waffen- und Sprengstoffdelikten gesucht werden".

Die Aktenpassage markiert möglicherweise einen verhängnisvollen Fehler der Berliner LKA-Leute. Denn zu diesem Zeitpunkt wurden die untergetauchten Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe tatsächlich bundesweit steckbrieflich gesucht. Den Beamten des Staatsschutzes, die sich ausschließlich mit der rechten Szene befassten, muss schnell klar gewesen sein, dass ihre Quelle auf das Trio anspielte. Gleichwohl fragten sie weder jetzt noch in späteren Treffen nach Details oder neuen Informationen zu dem Fall.

Relevante Information wurde nicht weitergegeben

Die Tage im Februar sind der Grund, warum die relevante Information über das Trio auch nie an andere Behörden weitergegeben werden konnte. So schrieben die LKA-Beamten am 20. Februar zwar einen anonymisierten "Vermerk", eine Art Zusammenfassung der Informationen. Den Hinweis auf den möglichen Kontaktmann des NSU-Trios führten sie in dem zweiseitigen Vermerk jedoch gar nicht mehr auf. In der Akte des Staatsschutzes gibt es auch keinen anderen Hinweis, dass das LKA den Hinweis an andere Behörden weitergab.

Das Verhalten war nicht Standard bei der V-Mann-Führung. Bei anderen Fällen nahm man auch Hinweise von "VP 562" sehr ernst, die nicht die rechte Musikszene betrafen. So meldeten sich die Berliner mehrmals bei Kollegen in den Ländern. Mal ging es um ein geplantes Nazi-Konzert oder gesuchte Personen, bei anderen Gelegenheiten bot man S. auch für staatsanwaltschaftliche Ermittlungen an. Für diesen Zweck waren die anonymisierten Vermerke, in die der NSU-Tipp von S. nicht aufgenommen worden war, gedacht.

Warum der Hinweis auf die drei Untergetauchten im Februar nicht ernst genommen wurde, will der Untersuchungsausschuss des Bundestags aufklären; das Gremium untersucht mögliche Behördenpannen bei der erfolglosen Suche nach dem Terror-Trio. Nun sollen die beiden LKA-Beamten vor den Abgeordneten schildern, warum sie den Hinweis nicht ernst nahmen, ihn nicht in die Aktenvermerke einspeisten - und vor allem, warum er nicht an die Fahndungsbehörden weitergegeben worden ist. Wann die Vernehmung stattfindet, steht noch nicht fest.

Auch der Tipp von V-Mann "Piatto" hat das Thüringer LKA nicht erreicht

Ob der Tipp von "VP 562" eine heiße Spur zum Trio geworden wäre, ist aus heutiger Sicht schwer zu sagen. Tatsächlich stand die genannte Kontaktperson der drei Untergetauchten schon damals im Visier der Ermittler, da sie als zentrale Figur beim Vertrieb von rechter Musik galt und einstmals hochrangiger Kader des Neonazi-Netzes Blood & Honour war. Gut drei Monate nach dem Hinweis der Berliner Quelle wurde "VP 562" dann auch vom Thüringer Landeskriminalamt (LKA) nach persönlichen Kontakten zu den drei Gesuchten befragt.

Der Hinweis aus Berlin hätte die Zielfahnder in Thüringen wohl zumindest sensibilisieren können. Es war nicht der erste seiner Art. Bereits im September 1998 hatte der V-Mann "Piatto" des brandenburgischen Landesamts für Verfassungsschutz (LfV) Jan W. als Kontaktperson des untergetauchten Trios ins Spiel gebracht. W., so "Piatto" damals, habe den Auftrag, für die Flüchtigen "Waffen zu beschaffen". Das Trio plane damit "einen weiteren Überfall", um "mit dem Geld sofort Deutschland verlassen zu können".

Der "Piatto"-Tipp erreichte die Fahnder des Thüringer LKA, die damals fieberhaft nach Böhnhardt, Zschäpe und Mundlos suchten, jedoch offenbar genauso wenig wie der aus Berlin. Die Brandenburger Verfassungsschützer hatten die Info unter Quellenschutz lediglich an ihre Geheimdienstkollegen des Bundesamts und der Landesämter in Sachsen und Thüringen weitergeleitet.

Wie der Tipp aus Berlin wurde so auch die "Piatto"-Spur erst bekannt, nachdem das Trio im November 2011 nach der beispiellosen Mordserie mit zehn Toten aufgeflogen war - viel zu spät.

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
andy_c 19.09.2012
1. Schlussfolgerung ->
Diese ganzen geheimdienstlichen Kaspertruppen auflösen und das eingesparte Geld in sinnvollere Projekte, wie z.B. KiTa's und Schulen stecken.
deccpqcc 19.09.2012
2.
Zitat von sysopdapdSchon im Februar 2002 erhielt das LKA Berlin einen Hinweis auf das untergetauchte NSU-Terrortrio. Wie die geheimen Akten der Behörde zeigen, haben die LKA-Fahnder die Brisanz der Information offenbar falsch eingeschätzt - und sie deshalb auch nicht weitergegeben. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,856806,00.html
die infos von den spitzeln sind also geheim. so geheim das man sie nicht mal abheftet, geschweige denn irgendwas sinnvolles damit anstellt. irgendwie wirft das dann wohl die frage auf wozu man die spitzel überhaupt hat. nur um sie zu bezahlen ?
fuenfringe 19.09.2012
3. Das stinkt doch alles
Zitat von sysopdapdSchon im Februar 2002 erhielt das LKA Berlin einen Hinweis auf das untergetauchte NSU-Terrortrio. Wie die geheimen Akten der Behörde zeigen, haben die LKA-Fahnder die Brisanz der Information offenbar falsch eingeschätzt - und sie deshalb auch nicht weitergegeben. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,856806,00.html
Das kann einfach kein Versagen mehr sein - das stinkt nach geplanter und bewußter Kooperation mit Nazis. Den ganzen Laden von der Staatsanwaltschaft durchleuchten lassen und die Hintermänner der Verbrechen wegsperren für den Rest des Lebens.
z_beeblebrox 19.09.2012
4.
Zitat von fuenfringeDas kann einfach kein Versagen mehr sein - das stinkt nach geplanter und bewußter Kooperation mit Nazis. Den ganzen Laden von der Staatsanwaltschaft durchleuchten lassen und die Hintermänner der Verbrechen wegsperren für den Rest des Lebens.
Korrekt, mal hier nachlesen - gute Links! http://forum.spiegel.de/f22/v-mann-affaere-geheimakten-zeigen-chaos-beim-berliner-lka-71142-2.html#post10987333
BettyB. 19.09.2012
5. Falsch eingeschätzt?
Das sollte man doch wohl mal hinterfragen, oder?
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