Verantwortung Deutsches Versagen

Die Kanzlerin sieht zu, wie Europa zerfällt. Der Oppositionschef verharmlost die Nazi-Zeit. Viele Deutsche haben immer noch ein Problem mit Verantwortung - für Zukunft und Vergangenheit. Aber auf Italien schimpfen!

Alexander Gauland, Angela Merkel
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Alexander Gauland, Angela Merkel

Eine Kolumne von


Zu wenig, zu spät. Angela Merkel hat am Wochenende erklärt, wie sie sich die Zukunft der Europäischen Union vorstellt. Das war nicht mal ein Visiönchen. Damit wird sie Europa nicht retten. In den Büchern wird einmal stehen: Angela Merkel hat zugesehen, wie Europa zerfiel, und sie ist nicht eingeschritten. Dabei wäre sie buchstäblich die Einzige, die es könnte. Warum ist die mächtigste Frau der Welt nur so verzagt?

Auf eine traurige Weise passt es, dass zur gleichen Zeit der Oppositionsführer im Deutschen Bundestag das sogenannte Dritte Reich als "Vogelschiss" bezeichnet hat. Ein Satz, der noch vor Kurzem unvorstellbar gewesen wäre. Was kommt morgen?

Das verbindende Element ist: Verantwortung. Angela Merkel übernimmt keine Verantwortung für die Zukunft, Alexander Gauland will keine Verantwortung für die Vergangenheit übernehmen.

In den vergangenen Jahren wurde in der deutschen Politik sehr viel von Verantwortung geredet. Für Männer wie Joachim Gauck und Frank-Walter Steinmeier war Verantwortung das Schlüsselwort ihrer Politik. Sie sprachen davon, dass Deutschland mehr Verantwortung übernehmen soll. Und Deutschland hat Verantwortung übernommen, in Afghanistan, in Mali, am Horn von Afrika. Am anderen Ende der Welt hat Deutschland Verantwortung übernommen. Überall. Nur nicht da, wo es gezählt hätte: in Europa.

Unsere Regeln gelten immer nur für die anderen

In Europa hat Angela Merkel sich verhalten wie ein deutscher Autofahrer: Sie beharrt auf ihrem Recht. Und steuert dadurch Land und Kontinent sehenden Auges in den größten anzunehmenden Unfall - das Ende der Europäische Union. Es ist die deutsche Rechthaberei, die uns allen zum Verhängnis wird: Und wenn wir drauf gehen, wir waren im Recht. Schreib' es auf Deinen Grabstein, Angela: "Ich hatte Vorfahrt." Dabei wäre das nicht mal die Wahrheit. Denn die Deutschen haben sich die Regeln, auf deren Einhaltung sie pochen, zum eigenen Nutzen zurechtgebogen.

Jan Fleischhauer hat die Italiener als Schnorrer beschimpft. Rechthaberei der schlimmsten Sorte, denn Fleischhauer irrt. Eine neue italienische Regierung mag noch so populistisch sein - wenn sie unter den gegenwärtigen Umständen Schulden machen will, ist das die reine Vernunft.

Sparen, um aus der Krise zu kommen - das geht nicht. Wer in der Krise spart, macht der Wirtschaft ganz den Garaus. Wer eine am Boden liegende Wirtschaft wiederbeleben will, darf nicht sparen - er muss Geld ausgeben. Geld, das er nicht hat.

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Die Deutschen verlassen sich übrigens jeden Tag darauf, dass andere Schulden machen - und zwar um die deutschen Überschüsse zu finanzieren. Unser Geld kommt ja nicht vom Mars, sondern aus dem Ausland. Wenn es den Deutschen wirklich darum ginge, dass alle die Regeln einhalten, dann könnten sie den Anfang machen und ihren übermäßigen Außenhandelsbilanzüberschuss verkleinern. Das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht wird nämlich nicht nur durch Schulden, sondern auch durch Überschüsse gefährdet. Aber das würde ja bedeuten, Verantwortung zu übernehmen.

Überfordert mit der Macht

Zentrifugalkräfte wirken an den Rändern immer am stärksten. Es ist kein Wunder, dass Europa von der Peripherie her zerfällt, im Süden und im Osten. Wie lange dauert es noch, bis der Prozess im Herzen des Kontinents angekommen ist? Und dann?

Als die Griechen Merkel mit Hitlerbart gezeichnet haben, war die Aufregung in Deutschland so groß wie das Unverständnis. "Wir" sind doch längst ganz anders! Die Deutschen haben nicht umsonst die "Vergangenheitsbewältigung" erfunden und sind stolz darauf, darin von niemandem übertroffen zu werden.

Aber indem sie sich selber Absolution erteilt haben, haben sie in Wahrheit einen kuriosen Weg gefunden, sich am Ende doch noch aus der Verantwortung zu stehlen. Dahinter steht die Vorstellung, die Last der Geschichte lasse sich abstreifen - abwischen, wie der "Vogelschiss", von dem Alexander Gauland sprach. Gauland liefert nur das groteske Zerrbild der deutschen Sehnsucht nach Befreiung von der Verantwortung. Merkel duckt sich vor der Zukunft weg, Gauland vor der Vergangenheit.

Mit all ihrer wiedergefundenen Macht wissen die Deutschen in Wahrheit immer noch nichts anzufangen. Deutschland im Jahr 2018 - was für ein Trauerspiel.

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insgesamt 217 Beiträge
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Seite 1
track42 04.06.2018
1. Augstein soll sich damit abfinden...
...das es eine Mehrheit in Deutschland gibt, die es satt hat, halb Europa finanziell zu unterstützen - nur um dabei zuzusehen, wie das Geld weiter verprasst wird. Griechenland hat keine einzige der Auflagen eingehalten, das Geld floss trotzdem reichlich. Italien erpresst jetzt Europa (Deutschland) genau damit. Und Macron ist nur dabei, weil die französischen Banken als erstes in Italien unter die Räder kommen (nach den italienischen natürlich). Keiner hat etwas dagegen, dass Italien und Co Schulden machen - aber dann bitteschön zu den Zinsen, die das damit verbundene Risiko eines Zahlungsausfalls reflektieren und ohne europäische (= deutsche) Haftung. es hat(te) einen Grund, warum Italien sehr hohe Zinsen zahlen musste und es hatte einen Grund, dass die Lira immer wieder abgewertet wurde. Geändert haben sich die Gründe nicht - aber geändert hat sich, dass kein Land mehr alleine haftet und Deutschland am Ende die Zeche zahlen soll. Es wird Zeit, dass der Euro da landet, wo er hingehört: auf der Müllkippe der Geschichte!
Hardisch 04.06.2018
2. Chapeau
Genau so ist es Herr Augstein. Und nur so erklärt sich, warum immer noch eine leichte Mehrheit im Lande pro Merkel ist: Sie personifiziert das deutsche Hegemonialsystem, dass sich im Grunde für Europa einen Dreck interessiert, aber sie tut es so unscheinbar und tapsig, dass es die meisten noch nicht gemerkt haben. Die meisten bei uns. Fragen Sie die Griechen, die Portugiesen und andere. DIE wissen es längst: Am deutschen Wesen sollen sie genesen. Da war doch mal was? Kommt ein Vogel geflogen.......
realplayer 04.06.2018
3.
Zurück zur EG und alles ist wieder ok. Dann können die Franzosen, Spanier und Italiener wieder Ihre eigene Währung abwerten. Sonst muss Deutschland diese Abwertung mit Steuergeld in Euro bezahlten in Form von Schulden. Das System hat sich leider nicht bewährt.
hergen.heinemann 04.06.2018
4. Unser Hobby-Volkswirtschaftler Augstein irrt,
wenn er meint "Wer eine am Boden liegende Wirtschaft wiederbeleben will, darf nicht sparen - er muss Geld ausgeben. Geld, das er nicht hat." Das stimmt nur, wenn es sich um eine Delle in der Konjunktur handelt. Dann kann man der Wirtschaft mit zusätzlichem Geld einen Kick geben. Es ist aber sinnlos und verfestigt nur die bestehenden Probleme, wenn es sich um strukturelle Schwächen in der Wettbewerbsfähigkeit einzelner Länder handelt, wie es in den südeuropäischen EU-Ländern der Fall ist. Da hilft nur Reform und kein weiter-so.
muellerthomas 04.06.2018
5.
Zitat von track42...das es eine Mehrheit in Deutschland gibt, die es satt hat, halb Europa finanziell zu unterstützen - nur um dabei zuzusehen, wie das Geld weiter verprasst wird. Griechenland hat keine einzige der Auflagen eingehalten, das Geld floss trotzdem reichlich. Italien erpresst jetzt Europa (Deutschland) genau damit. Und Macron ist nur dabei, weil die französischen Banken als erstes in Italien unter die Räder kommen (nach den italienischen natürlich). Keiner hat etwas dagegen, dass Italien und Co Schulden machen - aber dann bitteschön zu den Zinsen, die das damit verbundene Risiko eines Zahlungsausfalls reflektieren und ohne europäische (= deutsche) Haftung. es hat(te) einen Grund, warum Italien sehr hohe Zinsen zahlen musste und es hatte einen Grund, dass die Lira immer wieder abgewertet wurde. Geändert haben sich die Gründe nicht - aber geändert hat sich, dass kein Land mehr alleine haftet und Deutschland am Ende die Zeche zahlen soll. Es wird Zeit, dass der Euro da landet, wo er hingehört: auf der Müllkippe der Geschichte!
Schauen Sie sich die italiensichen Staatsfinanzen mal detaillierter an: Seit Anfang der 1990er Jahre kann man Italien keine Vorwürfe machen: Primärüberschuss, niedrige Inflation und ab Mitte der 1990er sinkende Schuldenquote. Und Griechenland wurde immer wieder dafür gelobt, dass die Auflagen erfüllt wurden...
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