Verbraucherschutz Seehofer plant weiche Kriterien für Genfood-Aufkleber

Verbraucherschutz oder Verbrauchertäuschung? Geht es nach Landwirtschaftsminister Seehofer, sollen Fleisch, Milch und Eier künftig relativ einfach als gentechnikfrei gelten - selbst wenn die Tiere mit gentechnisch hergestellten Medikamenten und Futterzusätzen aufgezogen wurden.


Hamburg - Wann darf ein Lebensmittel den Aufdruck "ohne Gentechnik" bekommen? Nach SPIEGEL-Informationen wird im Haus von Landwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU) gerade ein Entwurf des Gentechnikgesetzes erstellt, der neue Kriterien für dieses Prädikat festlegt - streitbare Kriterien.

Proteste gegen Gentechnik: Neuer Gesetzentwurf in der Koalition umstritten
DPA

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Bislang ist die Kennzeichnung in Deutschland freiwillig und wird kaum verwendet. Seehofer will die Kriterien nun präzisieren - plant aber nach SPIEGEL-Informationen, dass etwa Vitaminzusätze im Futter, die von genveränderten Bakterien produziert wurden, der Etikettierung als "ohne Gentechnik" nicht im Weg stehen.

Nutztiere müssten ebenfalls nicht ihr ganzes Leben lang mit gentechnikfreiem Futter versorgt werden, um das Etikett "ohne Gentechnik" zu erhalten. Nach Informationen des SPIEGEL sollten Rinder mindestens drei Viertel ihres Lebens, Schweine vier Monate vor der Schlachtung gentechnikfreies Futter bekommen.

Seehofer tritt mit dem Gesetz Forderungen aus den eigenen Reihen entgegen, strengere Kriterien zu beschließen. Unionsabgeordnete wollen damit den Verbrauchern klarmachen, wie weit verbreitet die Gentechnik inzwischen ist, um die Ängste vor ihr zu reduzieren.

Das Gentechnikgesetz ist innerhalb der Koalition seit längerem umstritten: Seehofer hatte vorgeschlagen, den Hinweis "ohne Gentechnik" klar zu regeln. Das war von der SPD zunächst akzeptiert worden, in der Union regte sich aber Widerstand, weil manche gentechnischen Verfahren in seinem Plan nicht berücksichtigt wurden. Unionspolitiker warfen Seehofer und der SPD "Verbrauchertäuschung" vor.

Eine Kritik, die man in der SPD nicht nachvollziehen kann: Fraktionsvizechef Ulrich Kelber hatte die mit Seehofer ausgehandelte "Positivkennzeichnung" schon Ende des Jahres als eine "praktikablere Regelung" bezeichnet, die dafür sorgen könne, dass neue, gentechnikfreie Komponenten auf den Markt gebracht würden. Entscheidend für den Verbraucher sei die Kennzeichnung der Produkte mit Blick auf den Einsatz von Gentechnik in Futtermitteln.

Diese pragmatische Sichtweise wird von Umwelt- und Verbraucherverbänden ausdrücklich unterstützt. Sie halten die bislang bestehende Regelung für unzureichend, zumal sie weder von den Verbrauchern noch von der Wirtschaft angenommen werde. Eine Greenpeace-Sprecherin sagte am Samstag zu SPIEGEL ONLINE zu Seehofers geplanten Kriterien: "Kennzeichnungsregeln müssen praktikabel sein. Die Vorschläge scheinen mehr Transparenz zu schaffen als bisher. Verbraucher sollen endlich mit dem Einkaufskorb entscheiden können, ob sie den Anbau von Genpflanzen unterstützen wollen oder nicht."

sam



Forum - Neues Gentechnikgesetz - besserer Verbraucherschutz?
insgesamt 441 Beiträge
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morini 12.01.2008
1.
Herr Seehofer ist, wie die meisten anderen Minister auch, eine Marionette der Wirtschaft.
merkoor 12.01.2008
2.
herr seehofer ist mit abstand der härteste lobbyist in der aktuellen regierung. von verbraucherschutz, nachhaltigkeit in der landwirtschaft und ökologie versteht er leider gar nichts. dass das von seiten der opposition derart wenig kritisiert wird ist sehr schade. herrn seehofer scheint nicht bewusst, dass er in seiner stellung auch verantwortung übernehmen muss. herr seehofer ist gefährlich für die nachhaltige entwicklung unseres landes.
gadget101 12.01.2008
3. Neues Gentechnikgesetz - Verbraucherschutz oder Unternehmenssschutz?
Eine Kennzeichnung für Lebensmittel einzuführen kann EIGENTLICH nicht so schwierig sein - sei es in der Weise, dass man gentechnikfreie Lebensmittel als solche kennzeichnet oder auch umgekehrt. Es ist lediglich eine Frage der Interessen. Wenn man sich aber anschaut, was Herr Seehofer da hat ausarbeiten lassen, wird deutlich, wessen Interessen vertreten werden - wie sonst auch, sind es die der Unternehmen. Sollten die Bürger nicht das Recht haben, selbst zu bestimmen, ob er Genfood (im weitesten Sinne) essen möchte oder nicht?? Ich sage JA! Herr Seehofer, das Volk hat Sie gewählt, vertreten Sie auch seine Interessen, nicht die Ihrer Kumpanen aus der Wirtschaft!
sarmb 12.01.2008
4. Dann halt zurück zu den Wurzeln
Gott sei Dank habe ich noch ein paar Hektar Ackerland und auch noch ein paar Wiesen. Wenn dieser Schwachsinn so weiter geht, muss ich halt nicht nur mein Gemüse wieder selbst anbauen. Solange in Bezuig auf Gentechnik der Größenwahn in der Industrie, die Inkompetenz in der Politik und Geiz ist geil bei den Verbrauchern herrscht und man jedes Risiko unter den Teppich kehrt, kann man sicher sein dass es zur Katastrophe kommt. Schade nur dass man nie einen der Verantwortlichen zur Verantwortung wird ziehen können. So und jetzt muss ich Brot backen für morgen.
hypnos 12.01.2008
5.
Zitat von sysopLandwirtschaftsminister Horst Seehofer will das Gentechnikgesetz ändern. Fleisch, Milch und Eier sollen demnach künftig relativ einfach als gentechnikfrei gelten können. Verbraucherschutz oder Verbrauchertäuschung?
Warum wundern? Seehofer ist ja schließlich nicht dem Wohle des Deutschen Volkes verpflichtet. Er hat den Eid auf die Lobbyisten geleistet. So wahr ihm Gott helfe ...
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