Verdacht auf Kokain "Im Bundestag würden Drogenhunde anschlagen"

Die Spekulationen über angeblichen Kokain-Konsum im Bundestag sorgen für heftigen Wirbel. Der drogenpolitische Sprecher der Unions-Fraktion, Hubert Hüppe, bezweifelt nicht, dass Kokain auch im Parlamentsgebäude geschnupft wird.


Plenarsaal im Reichstag
AP

Plenarsaal im Reichstag

Berlin - Von Zweifel über Empörung bis hin zu Gelassenheit reichen die Reaktionen von Politikern auf einen Bericht des Senders Sat.1. Darin war behauptet worden, dass in 22 von 28 untersuchten Toiletten des Berliner Reichstagsgebäudes Spuren von Kokain gefunden worden seien. Der Unionspolitiker Hubert Hüppe sagte der Berliner Tageszeitung "BZ": "Wir im Bundestag sind auch keine besseren oder schlechteren Menschen als alle anderen. Wer glaubt, dass von den 650 Abgeordneten nicht der eine oder andere auch mal dazu kommt, Drogen zu nehmen, ist naiv." Seiner Ansicht nach sind die Parlamentarier sogar besonders gefährdet, weil sie "ständig fit" sein müssten und die meisten weg von Zuhause und dadurch relativ isoliert seien.

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Christa Nickels, nannte die Aktion "fragwürdig und unseriös". Er habe wohl dem Zweck gegolten, sinkende Einschaltquoten anzuheben. Die Bundestagspressestelle sagte, es stelle sich die Frage, ob der Bericht "auf einer seriösen Grundlage basiert". Drogenexperte Fritz Sörgel wies jeden Zweifel an dem Untersuchungsergebnis entschieden zurück. Er empfahl der Bundestagsverwaltung, durch weitere Wischproben in Abgeordnetentoiletten nach Kokainspuren zu fahnden. Das Ergebnis der Untersuchungen im Auftrag von Sat.1 stehe außer Zweifel, so Sögel. Das von ihm geleitete Institut für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung in Heroldsberg bei Nürnberg habe die neuesten Methoden eingesetzt. Das Institut hatte bereits die wissenschaftlichen Untersuchungen im Doping-Fall um den Leichtathleten Dieter Baumann vorgenommen.

Sörgel wies nach Sat.1-Angaben Kokain in solchen Mengen nach, "bei denen ein Drogenhund anschlagen würde." Über das Untersuchungsergebnis gebe es "nichts zu diskutieren", betonte er.

Bundestag geht dem Wahrheitsgehalt nach

Parlamentspressesprecher Hans Hotter kündigte an, die Bundestagsverwaltung werde dem Wahrheitsgehalt der Darstellung nachgehen. "Es ist unglaublich, was in diesem Bericht behauptet wird", sagte Hotter. Im Reichstagsgebäude hielten sich täglich viele Menschen auf. "Es ist nicht feststellbar, ob sich darunter auch Verbraucher von Rauschgift befinden." Die Toiletten, "in denen die Kokainspuren angeblich gefunden wurden", würden täglich gereinigt - im Falle erhöhter Inanspruchnahme auch zweimal.



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