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S.P.O.N. - Im Zweifel links: Die Welt als Schlachthaus

Eine Kolumne von

Die Schlacht von Verdun ist das Sinnbild des menschlichen Frevels. Wir feiern die Gedenktage des Erstens Weltkriegs. Gleichzeitig steuern Ost und West mit Lust in einen neuen Großkonflikt. Wir sind nicht in Sicherheit.

Wer den Krieg immer noch für die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln hält, sollte nach Verdun fahren. Die vom Tod durchpflügten Felder sehen. Der Journalist Frank Schirrmacher ist einmal gemeinsam mit Martin Schulz, dem Präsidenten des Europäischen Parlaments, über diese Felder gegangen. Er schrieb nachher: "Die Antwort auf die Frage, warum es ein geeintes Europa geben müsse, hat man eigentlich immer mit einem Wort beantworten können: Verdun." Aber der Mensch vergisst. Europa zerfällt vor unseren Augen. Und gegen Russland rüsten wir schon wieder auf. Der Krieg ist nicht vorüber.

Am 1. Januar des Jahres 1901 blickte die "Chicago Tribune" dem neuen Jahrhundert mit Hoffnung entgegen: "An der Schwelle des 20. Jahrhunderts sieht es so aus, als könne es das Jahrhundert der Humanität und der Brüderschaft aller Menschen werden."

Nichts war weiter von der Wirklichkeit entfernt. Die Moderne war auf ihrem kreischenden Gipfel angekommen. Sie war bereit zur Explosion. Die Lektion in Demut, die die Kollision des unsinkbaren Ozeanliners "Titanic" mit einem Eisberg in der Nacht des 14. April 1912 hätte sein können, wurde nicht gehört. Das Brausen und Rauschen und Klirren und Prasseln der neuen Zeit war zu laut.

Mit welcher Begeisterung man sich der Vernichtung hingab! Thomas Mann jubelte: "Krieg! Es war eine Reinigung, Befreiung, was wir empfanden, eine ungeheure Hoffnung." Max Weber ehrfürchtete: "Dieser Krieg ist bei aller Scheußlichkeit doch groß und wunderbar, es lohnt sich, ihn zu erleben." Und Ernst Jünger ästhetisierte: "Ganz weit zerfloß der weiße Ball eines Schrapnells im grauen Dezemberhimmel."

Sinnbild für den menschlichen Frevel

Da war der Franzose Louis-Ferdinand Céline dichter dran, als er schrieb: "Sollte ich denn der einzige Feigling auf Erden sein?, dachte ich. Und mit so was von Angst! Verloren in mitten von zwei Millionen heldenmutigen, entfesselten, bis an die Zähne bewaffneten Verrückten! Behelmt waren die, unbehelmt, ohne Pferde, auf Motorrädern, brüllend, in Autos, pfeifend, als Schützen, Verschwörer, fliegend, auf Knien, buddelnd, in Deckung, über die Wege tänzelnd, knatternd, auf der Erde eingesperrt wie in der Klapsmühle, um alles auf ihr zu zerstören, Deutschland, Frankreich und sämtliche Kontinente, alles, was atmet, tollwütiger als Hunde, in ihre Raserei verliebt, hundert-, tausendmal tollwütiger als tausend Hunde und so viel gemeiner!"

Verdun ist Sinnbild für den menschlichen Frevel. Diese totale Schlacht begann am 21. Februar 1916 mit dem Trommelfeuer aus 1250 deutschen Kanonenrohren. Am 19. Dezember 1916 endete sie. Niemand kennt die genaue Zahl der Toten. Mehr als 300.000 Soldaten ließen ihr Leben. Die Deutschen hatten keinen Meter gewonnen.

Das Muster der Gräben von Verdun legte sich wie ein mahnendes Zeichen über das Antlitz der europäischen Geschichte. Allein, wir können die Schrift nicht mehr lesen.

Die Menschen der Jahre 1914 fort folgende wussten, dass sie mit dem Feuer spielten, und dennoch versuchte jeder von ihnen, die drohende Gefahr zum eigenen Vorteil zu nutzen. Ist uns das so fremd? Der Historiker Christopher Clark nannte die Akteure von 1914 "unsere Zeitgenossen".

Ja, die Bereitschaft, sich zu verfeinden, ist ungebrochen. Und ebenso ungebrochen ist der Hang zur Unlogik der Gewalt. Die Vorstellung, wir seien zu vernünftig, um uns zu vernichten, ist absurd. Da hatte sich schon der britische Friedensaktivist Norman Angell geirrt, der noch 1913 auf einen Pazifismus der Vernunft setzte. In einer wirtschaftlich verflochtenen Welt, so Angell, mache Krieg einfach keinen Sinn mehr. Es werde dann "der Einfluss der gesamten deutschen Finanzwelt gegenüber der deutschen Regierung zum Tragen kommen..., um eine für den deutschen Handel ruinöse Situation zu beenden".

Es gibt keinen Grund daran zu zweifeln, dass Krieg auch in Europa wieder möglich ist. Das Kosovo und die Ukraine gehören zu Europa. Dennoch verhält sich der Westen gegenüber Russland so, als müsse man nie wieder miteinander ins Geschäft kommen. Natürlich immer mit den besten Argumenten. Aber es hatte bislang noch jeder, der sich zum Kampf rüstete, die besten Argumente.

Als Barack Obama Russland als "Regionalmacht" verspottet hat, da war das eine Geringschätzung, die einem amerikanischen Präsidenten nicht hätte unterlaufen dürfen. Wir erleben in Syrien, was aus solchen Gesten hegemonialer Arroganz werden kann.

Man kann eine Kultur, in der nationaler Stolz zu den Währungsreserven gerechnet wird, lächerlich finden. Aber man darf sich dann nicht wundern, dass es für ein friedliches Nebeneinander nicht mehr reicht.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 149 Beiträge
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1. Zum Glück
globalundnichtanders 22.02.2016
ist Mitteleuropa kulturell so weit, dass hier nicht sofort mit Waffen aufeinander geschossen wird!
2. Erst stimming und dann das
gnarze 22.02.2016
Eine passende Aufarbeitung der schlimmen Ereigenisse der ersten Weltkriges - nur um dann wieder das tumpe West-Bashing zu betreiben. Meine Güte, die Globalisierung kann man in mancher Hinsicht zu Recht kritisieren, eines aber ist positiv an ihr: Durch sie werden Kriege verhindert, da es sich Russland einfach nicht leisten kann.
3. Ein Tag bei Verdun
ja_cek (Karl Kannenberg) 22.02.2016
als die Nacht brach vom Himmel an kam die Angst pockennarbig herbei tänzelte herum strahlend fromm scheinheilig zahnlos lächelnd stumm sie hing pulsierend über manchen Leibern welche zitternd im Graben bekrochen Pfützen aus Blut Kot und Erbrochenem wie des Todes lebende Leichen der Wind strich kalt um das Gewürm als der Morgen sich grau lichtete gepflanzt wurde erneut spitze Bajonette gebellt ging der Befehl zum Sturm doch die Angst konnte nicht lauter sein als Schüsse und Detonationen gefühllos beschien die Morgensonne das irre Szenario aus Rauch und Blei der Tag verging dann in Nebelschwaden so gleichgültig wie die kommende Nacht gebettet auf Leibern die still und flach leblos ruhten auf noch heißen Waffen die Angst schaute in die offenen Augen sie fand kein Wiedererkennen kein Zittern gar Wegrennen der Tod verlernt das Laufen so strömte sie zurück in die Gräben wo hurend das entblößte Grauen lag viel Arbeit gab es bis zum nächsten Tag die Angst hing sehr am Leben
4. Hoffnung auf Vernunft
weem 22.02.2016
Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass es nochmals einen Krieg in dieser Größenordnung auf diesem Erdball geben wird. Regionalkonflikte werden leider aus den verschiedensten Gründen immer wieder ausbrechen und auch (hoffentlich) bald (bei den aktuellen) beendet werden. Für einen 3. Weltkrieg halte ich die Menschheit (sowieso) bzw. die zur Zeit verantwortlichen Entscheider für zu intelligent, um alles (in wahrsten Sinne des Wortes) aufs Spiel zu setzen. Seien wir mal ehrlich, ein neuer globaler Krieg wäre spätestens nach 1 Woche zu Ende..und alles andere auch.
5. Mahnung, ja! Hoffnung?
Loisl 22.02.2016
Verdun ist zu einem Mythos geworden. Damit beschwören Politiker und Medien gern die angeblichen Lehren aus diesem Krieg mit seinem beispiellos symbolischen Ort. Wenn man ein positives Fazit ziehen möchte, so steht Verdun nicht für ein geeintes Europa (das ist eine Fata Morgana), wohl aber für die deutsch-französische Verständigung. Nichts anderes erkenne ich, wenn ich die Gefallenengräber und die angehäuften Totenschädel sehe. Die Mahnung des Autors ist wohlbegründet. Zu übertriebenen Friedenshoffnungen oder gar Euphorie besteht in dieser wenig friedfertigen Zeit kein Anlass. Alles steht und liegt vielmehr bereit für die nächste Katastrophe. Weder im Sommer1914 noch 1939 dachten die Menschen an Krieg. Von der Großelterngeneration ist mir der Spruch im Gedächtnis: „Wenn die Politiker von Frieden reden, gibt es Krieg!“
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Jakob Augstein
Augenzeugen von Verdun

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