Verena Becker: Die Terroristin als Informantin

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Arbeitete die Terroristin Verena Becker schon seit 1972 mit dem Verfassungsschutz zusammen? Hatte der Geheimdienst also eine Informantin, die von den Mordplänen an Generalbundesanwalt Buback wusste? Der RAF-Experte Kraushaar liefert in einem neuen Buch Indizien für diesen ungeheuerlichen Verdacht.

Verena Becker: Was wusste sie wann über die Pläne der RAF? Zur Großansicht
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Verena Becker: Was wusste sie wann über die Pläne der RAF?

Berlin - Um gleich mit dem Ergebnis der Untersuchung von Kraushaar anzufangen - die beiden letzten Sätze im neuen Buch des Hamburger Politikwissenschaftlers lauten: "Der Verdacht, dass Becker bereits vor 1977 für den Verfassungsschutz gearbeitet haben könnte, ist und bleibt eine begründete Vermutung. Nicht mehr, aber auch nicht weniger."

Die jetzt veröffentlichte Studie des RAF-Experten mit dem Titel "Verena Becker und der Verfassungsschutz" ist vor allem Wasser auf die Mühlen eines Mannes: Michael Buback. Je länger der Göttinger Chemieprofessor sich intensiv mit dem Attentat der RAF auf seinen Vater im April 1977 in Karlsruhe beschäftigte, umso mehr kam er zu der Überzeugung, dass Verena Becker sich bei den Strafverfolgern einer "schützenden Hand" erfreuen konnte.

Der Sohn des ermordeten Generalbundesanwalts Siegfried Buback ist sich zu "99 Prozent" sicher, dass Verena Becker vom Soziussitz des gerade wieder aufgetauchten Suzuki-Motorrads aus die tödlichen Schüsse auf seinen Vater und dessen beide Begleiter abgefeuert hat.

Doch obwohl sie bei ihrer Verhaftung Anfang Mai 1977, vier Wochen nach der Bluttat von Karlsruhe, die Tatwaffe dabei hatte, klagte die Bundesanwaltschaft sie nicht für diese Morde an. Wie konnte das geschehen in einer Zeit, in der RAF-Mitglieder reihenweise auf der Grundlage dünner Indizien und fragwürdiger Zeugen angeklagt und verurteilt wurden?

Die Brisanz der Frage, ob Becker schon vor 1977 mit dem Verfassungsschutz kooperierte, ergibt sich aus Folgendem: Falls ja, dann hatten die Schlapphüte eine Informantin, die von den Plänen wusste, Buback zu ermorden - und die in die geplanten Entführungen zur Freipressung von Andreas Baader und der RAF-Spitze eingeweiht war.

Ein Tatgenosse packte sofort aus

Michael Buback hält diese Variante schon länger für nicht ausgeschlossen, doch ihm haftet der Makel des Betroffenen und Amateurdetektivs an. Kraushaar hingegen nähert sich der Terrorkarriere Beckers mit dem kühlen Blick des Wissenschaftlers.

Zunächst beschreibt der auf die 68er-Bewegung spezialisierte Politologe die Anarcho-Szene der frühen 1970er Jahre in West-Berlin, in die Verena Becker als Jugendliche geriet und aus der heraus sie bald auch bei einem Bombenanschlag mitmachte. Dieses Milieu, aus der sich Anfang 1972 die Terrorgruppe "Bewegung 2. Juni" formierte, war durchsetzt von Zuträgern des Verfassungsschutzes. Schon ein Tatgenosse Beckers bei einem Bombenanschlag, bei dem ein Bootsbauer zu Tode kam, packte sofort aus.

Später ließ sich der Student Ulrich Schmücker im Gefängnis als V-Mann anwerben und wurde, als seine Kooperation ruchbar wurde, von anarchistischen Genossen erschossen. Ein weiterer V-Mann namens Volker Weingraber Edler von Grodek übergab die Tatwaffe dem Verfassungsschutz, wo sie 15 Jahre lang im Tresor lag. Der Führungsbeamte der beiden starb angeblich, ohne im Sterberegister aufzutauchen - in Vergessenheit geratene Skandale des West-Berliner Verfassungsschutzes, die nur annähernd aufgeklärt wurden.

Das für Kraushaar zentrale Dokument seiner Untersuchung stammt von der Stasi. Ein Major unterzeichnete 1978 einen Vermerk, in dem es über Becker heißt: "Es liegen zuverlässige Informationen vor, wonach die B. seit 1972 von westdeutschen Abwehrorganen wegen der Zugehörigkeit zu terroristischen Gruppierungen bearbeitet bzw. unter Kontrolle gehalten wird. Diese Informationen wurden durch Mitteilungen der HVA von 1973 und 1976 bestätigt." Die Interpretation dieses Dokuments ist allerdings strittig. Die Bundesanwaltschaft legt es, gestützt auf den Verfasser, so aus, dass Becker vom Verfassungsschutz beobachtet wurde.

Fragen über Fragen

Es gibt allerdings einen stärkeren Einwand gegen die Vermutung, Becker habe schon frühzeitig als Informantin gearbeitet: Wenn sie nicht mehr an die Sache glaubte und sich Hafterleichterungen oder andere Vergünstigungen durch eine Kooperation mit dem Verfassungsschutz erhoffte, warum ließ sie sich dann von der "Bewegung 2. Juni" bei der Entführung des Berliner CDU-Politikers Peter Lorenz freipressen? Warum lehnte sie nicht einen Austausch - wie Horst Mahler, der sich vom Terrorismus verabschiedet hatte - einfach ab?

Fragen über Fragen. Kraushaar schildert Beckers Einstieg bei der RAF und ihre seit 2007 öffentlich bekannte Kooperation mit dem Verfassungsschutz, um darauf aufbauend zehn "Verdachtsmomente" aufzulisten. Der Politologe zeichnet unter anderem nach, wie die Bundesanwälte Verena Becker schrittweise als mögliche Täterin beim Buback-Mord ausschlossen; er weist noch einmal darauf hin, dass Beckers angebliche Aussage, dass drei RAF-Männer Buback erschossen hätten, in ihrem Dossier nicht enthalten ist. Er fragt, warum der für die Auslandsspionage zuständige Bundesnachrichtendienst bei der Entscheidung über Beckers frühzeitige Begnadigung im Jahr 1989 mitreden durfte.

Diese und weitere offene Fragen lassen derzeit den Prozess gegen Becker in Stuttgart-Stammheim in einem Nebel von Spekulationen und Rätseln versinken. Michael Buback hat zusammen mit weiteren Kindern von RAF-Opfer wie Jörg Schleyer und Corinna Ponto von Bundeskanzlerin Merkel eine vollständige Veröffentlichung aller Akten zum Buback-Mord und anderen RAF-Verbrechen gefordert. Nur so könnte sich das Vertrauen in die Bundesanwaltschaft wieder herstellen lassen.

Bei der überfälligen Freigabe aller Akten ließen sich auch Kraushaars Hypothesen besser überprüfen. Schließlich sind diejenigen, die den Fall Buback aufklären wollen, derzeit vor allem auf Indizien und Mutmaßungen angewiesen. "Der Autor dieser Untersuchung", so heißt es mit der Vorsicht eines Wissenschaftlers zusammenfassend, "hat keine Belege für eine Informantentätigkeit Verena Beckers für den Verfassungsschutz vor 1977."

Doch die Ungereimtheiten und Verdachtsmomente, die Kraushaar zusammengetragen hat, reichen aus, den Bundesanwälten neue Alpträume von einem alten Fall zu bescheren.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 7 Beiträge
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1. --
Baracke Osama, 13.10.2010
Zitat von sysopArbeitete die Terroristin Verena Becker schon seit 1972 mit dem Verfassungsschutz zusammen? Hatte der Geheimdienst also eine Informantin, die von den Mordplänen an Generalbundesanwalt Buback wusste? Der RAF-Experte Kraushaar liefert in einem neuen Buch Indizien für*diesen*ungeheuerlichen Verdacht. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,722910,00.html
War (Ist?) RAF eine Art deutsches Gladio?
2. Berlin - alles ist möglich
creativefinancial 13.10.2010
Zitat von sysopArbeitete die Terroristin Verena Becker schon seit 1972 mit dem Verfassungsschutz zusammen? Hatte der Geheimdienst also eine Informantin, die von den Mordplänen an Generalbundesanwalt Buback wusste? Der RAF-Experte Kraushaar liefert in einem neuen Buch Indizien für*diesen*ungeheuerlichen Verdacht. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,722910,00.html
Berlin war Ende der 60-er Jahre aufgeheizt. Eine faschistische Atmosphäre - schlagt Andersdenkende tot. Ich könnte mir da schon so einiges vorstellen. Ich habe in den 60-er Jahren an der Freien Universität studiert, meine Erfahrung aus dieser Zeit in Berlin sind so heftig, dass ich bis heute Berlin nicht betrete.
3. Ohne das Buch gelesen zu haben
GeorgAlexander 13.10.2010
Genau diesen Verdacht hege ich schon seit Jahren! Nach dem "Celler Loch" sollte man so einen Verdacht nicht von vorn herein als absurd abtun. Um jedem Missverständnis vorzubeugen: Verschwörungstheorien sind nicht mein Ding.
4. ...ein schrecklicher Verdacht...
bassman1 13.10.2010
Bin auch kein Fan von Verschwörungstheorien. Aber wenn man das alles so liest und hört... nein! Ich mag es mir einfach nicht vorstellen! Hat die BRD ihr eigenes Bologna? Wahrscheinlich werden die Behörden daraufhin wirken, das Becker nicht noch einmal verurteilt wird, wollen wir wetten? Was wäre wenn deutsche Geheimdienste durch Mitwissen an Anschlägen beteiligt wären? Das würde Deutschland an den Abgrund bringen. Und für eine Neuauflage des Terrors gegen ein "Schweinesystem" sorgen. Solange keine Einsicht in die geheimen Unterlagen gewährt wird, muss man mit mannigfaltigen Spekulationen leben.
5. Indizien für*diesen*ungeheuerlichen Verdacht.
werner3 13.10.2010
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Verena Becker in Stammheim: Ex-Terroristin vor Gericht
Hintergrund
AP
Jan-Carl Raspe, Gudrun Ensslin und Andreas Baader galten als führende Köpfe der Roten Armee Fraktion (RAF).

Baader und Ensslin legten 1968 Brände in zwei Kaufhäusern in Frankfurt am Main, mit dieser Aktion begann der RAF-Terror in Deutschland.

Nach Mord- und Bombenanschlägen wurden Baader, Ensslin, Raspe und zwei weitere RAF-Mitglieder im Juni 1972 gefasst. Ihre Gesinnungsgenossen machten weiter und ließen sich von palästinensischen Freischärlern ausbilden.

1977 erreichte die Terrorwelle ihren Höhepunkt: Palästinensische Terroristen kaperten die Lufthansa-Maschine "Landshut" und wollten die Freilassung inhaftierter RAF-Leute erpressen. Eine Sondereinheit der GSG 9 stürmte das Flugzeug. Alle Geiseln überlebten, drei der vier Entführer wurden erschossen.

Wenige Stunden nach Bekanntwerden der Befreiungsaktion begingen Baader, Ensslin und Raspe im Hochsicherheitsgefängnis von Stuttgart-Stammheim Selbstmord. Einen Tag nach der Obduktion begann Bildhauer Georg Halbritter seine Arbeit an den Leichen und fertigte Totenmasken an.

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