Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Vergessene Gräber: Nachhilfe in Geschichte für das Auswärtige Amt

Von

Das Auswärtige Amt hat wieder Ärger mit der Geschichte. Erst der Historiker-Bericht über Verstrickungen von Diplomaten während der Nazi-Zeit - und jetzt will man NS-Verfolgte nicht kennen, die im Ausland gestorben sind. Ein Linke-Abgeordneter zeigt, wie einfach die Recherche ist.

Auswärtiges Amt in Berlin: Kein Glück mit der deutschen Geschichte Zur Großansicht
DPA

Auswärtiges Amt in Berlin: Kein Glück mit der deutschen Geschichte

Der junge Abgeordnete der Linken, Michael Leutert, gehört zum eher unideologischen Teil seiner Fraktion. Als talentierter Haushaltspolitiker hat er sich schon mehrfach zum Unwillen der linken Fundis auch in Menschenrechtsfragen eingemischt, wenn er den Eindruck hatte, seine Genossen seien dabei auf dem linken Auge blind. Leutert regt sich gerne auf, wenn er den Eindruck hat, es gehe ungerecht zu.

Aber diesmal waren es nicht die eigenen Genossen, die ihn in Wallung brachten, sondern der Haushaltsentwurf der Bundesregierung. Nachdem eine Historikerkommission die Verstrickung des Amtes in den Holocaust dokumentiert hat, ist das Ministerium von Guido Westerwelle (FDP) nun wegen seines Umgangs mit Gräbern von NS-Opfern in Erklärungsnot.

Im aktuellen Haushaltsentwurf sind beim AA rund neun Millionen Euro vorgesehen für die "Kosten der Erhaltung deutscher Kriegsgräber im Ausland".

Das ist viel Geld.

Aber Leutert hat genau hingesehen und festgestellt, dass davon aber nur rund 15.000 Euro vorgesehen sind für "Gräber von Personen, die infolge nationalsozialistischer Verfolgung ausgewandert und im Ausland verstorben sind".

Das ist wenig Geld.

Leutert kam das seltsam vor und er fragte nach. Das AA begründete die geringe Summe damit, dass ihm nur vier Grabstätten von NS-Verfolgten im Exil, darunter das von Kurt Tucholsky in Schweden, bekannt seien.

Der Haushaltspolitiker der Linken hat daraufhin mit seinen Mitarbeitern auf eigene Faust bei deutschen Botschaften und NS-Opfervereinigungen recherchiert. Sie schickten Briefe und forschten in öffentlichen Quellen und fanden innerhalb kürzester Zeit mehrere Dutzend weiterer Grab- oder Gedenkstätten von NS-Verfolgten im Exil:

  • darunter das des Anwalts von Carl von Ossietzky, Alfred Apfel, in Frankreich.
  • oder des Bruders von Autor Carl Zuckmayer, Eduard Zuckmayer, in der Türkei.
  • Auf der Liste des AA fehlten auch viele Prominente wie die Schriftsteller Thomas Mann und Erich Maria Remarque in der Schweiz.

Im Auswärtigen Amt war man peinlich berührt von den offensichtlich mühelosen Recherchen und ließ sich bereits vor Wochen die Leutert-Liste zuschicken. Passiert ist aber immer noch nichts. Man müsse "die neuen Erkenntnisse noch prüfen", heißt es aus dem AA.

Leutert hofft nun, dass diese Woche im Haushaltsausschuss des Bundestages doch noch eine angemessenen Summe für die Grabpflege von NS-Opfern im Exil umgeschichtet wird. "Alles andere wäre peinlich", sagt er.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Zuckmayer und Mann
gsm900, 09.11.2010
Zitat von sysopDas Auswärtige Amt hat wieder Ärger mit der Geschichte. Erst der*Historiker-Bericht über*Verstrickungen von Diplomaten während der Nazi-Zeit - und jetzt will man NS-Verfolgte nicht kennen, die im Ausland gestorben sind. Ein Linke-Abgeordneter zeigt, wie einfach die Recherche ist. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,728085,00.html
waren doch US Bürger. http://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Zuckmayer Im Januar 1946 erhielt er die 1943 von ihm beantragte US-amerikanische Staatsbürgerschaft http://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Mann Am 19. November 1936 wurde ihm auf seinen Antrag hin im tschechischen Konsulat die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft verliehen. Die US-amerikanische Staatsbürgerschaft zu erlangen, gelang erst 1944.
2. tucho's grab in mariefred
floerken 09.11.2010
hi, ich war 1997 da. tucholskys grab sah so aus, als ob einmal im jahr jemand vorbeikommt, etwas unkraut zupft und einen blumenstrauss daraufstellt, den er ein jahr später wieder wegnimmt. wenn das die vom AA bezahlte grabpflege sein soll ... leider hatte ich damals keinen photoapparat dabei.
3. Und weshalb...
Fleiser, 09.11.2010
...wird nicht gleich für alle Menschen, welche aus politischen Erwägungen ab 1933 das Deutsche Reich verließen, ein Grab auf Bundeskosten gepflegt? Und noch die, welche nach Polen verschleppt wurden. Der nächste Schritt ist dann, die Fahrtkosten für die hier lebenden Angehörigen zur Grabstätte zu bezahlen. Es muß so schön sein, das Geld anderer Leute auszugeben!
4. Und Katyn?
poitiers732 09.11.2010
Wenn die Bundesrepublik Deutschland als Nachfolgerin des Dritten Reiches Gräber von Opfern pflegen und bezahlen will, die auf das Konto des Auswärtigen Amtes im Dritten Reich gehen, dann sollte sie sich mal um die Gräber derjenigen polnischen Offiziere kümmern, die bei Katyn vom NKWD ermordet wurden. Denn: ohne das diplomatische Schurkenstück der Abtretung Ostpolens an die UdSSR wäre Katyn nicht passiert.
5. Der kleine Unterschied
intenso1 09.11.2010
Zitat von Fleiser...wird nicht gleich für alle Menschen, welche aus politischen Erwägungen ab 1933 das Deutsche Reich verließen, ein Grab auf Bundeskosten gepflegt? Und noch die, welche nach Polen verschleppt wurden. Der nächste Schritt ist dann, die Fahrtkosten für die hier lebenden Angehörigen zur Grabstätte zu bezahlen. Es muß so schön sein, das Geld anderer Leute auszugeben!
Wie wohl fast alle Familien hat auch meine Familie Gefallene im 2. Weltkrieg zu beklagen. Die beiden Brüder meiner Großmutter, einer ihrer Söhne, 3 Brüder meiner Mutter sind auf den Schlachtfeldern ums Leben gekommen. Ich bin dafür das Deutschland Geld für die Pflege der Gräber aufbringt, es ist aber auch eine Selbstverständlichkeit das Deutschland auch Mittel für die Pflege deutscher Opfer der Nazis aufbringt.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Fotostrecke
Auswärtiges Amt in der NS-Zeit: Braunes Haus


SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: