Machtspielchen in der Koalition: Tante Milla und die Maut

Ein Debattenbeitrag von Christoph Schwennicke

Wenn die CSU ein Anliegen dringend durchsetzen will, ruft sie nach der Pkw-Maut. Den Partnern in der Koalition graust so sehr vor diesem Thema, dass es sich ausgezeichnet als Hebel eignet, um ganz andere Dinge durchzusetzen.

Bundesverkehrsminister Ramsauer: Es geht der CSU gar nicht um die Pkw-Maut Zur Großansicht
dapd

Bundesverkehrsminister Ramsauer: Es geht der CSU gar nicht um die Pkw-Maut

Die CSU ist die Tante Milla der Koalition. Für Tante Milla wird in Heinrich Bölls unsterblicher Satire "Nicht nur zur Weihnachtszeit" jeden Tag Weihnachten gefeiert, als "Tannenbaumtherapie" für die traumatisierte ältere Dame, die einmal den Verlust eines entsorgten Weihnachtsbaumes nicht ertragen konnte.

Der Weihnachtsbaum der CSU ist die Pkw-Maut. Immer wieder vor einem Koalitionsgipfel kramt die bayerische Volkspartei diese Idee hervor, und das beileibe "Nicht nur zur Sommerzeit", wenn einerseits viele Niederländer ihre Gespanne kostenlos über deutsche Autobahnen gen Süden steuern und deutsche Autofahrer auf derselben Strecke zum Strand den Österreichern ihre Pickerl und den Schweizern ihre Vignette abkaufen müssen.

Es soll hier gar nicht um den Sinn oder Unsinn einer solchen Straßenbenutzungsgebühr gehen. Es soll um den Umgang einer Koalition untereinander gehen und die Durchsichtigkeit und Banalität politischer Verhandlungen.

Es geht der CSU aber gar nicht um die Maut

Die CSU will die Maut, das ist ihr gutes Recht. Sie weiß aber, dass die FDP sie nicht will und die Kanzlerin, soweit man das bei ihr feststellen kann, auch nicht. Also ist es bei diesen Kräfteverhältnissen in der Sache völlig überflüssig, mit diesem Ladenhüter der Koalitionsgespräche wieder um die Ecke zu kommen.

Es geht der CSU aber bei der Pkw-Maut gar nicht um die Pkw-Maut, sondern um das Betreuungsgeld. Die Maut soll am Montagabend nur deshalb mit auf den Tisch, um so am Ende das Betreuungsgeld, das jenseits der CSU noch nach glühenden Unterstützern sucht, im Koalitionsringen durchzusetzen - nach dem Prinzip: Okay, wir verzichten auf die Maut, aber dafür kriegen wir das Betreuungsgeld. Zwei fordern, eins kriegen, ganz cleverer Trick, auch noch beim fünften Mal.

Ein über die Jahre ermüdend gewordenes Schauspiel.

Aber wie bei Tante Milla über die Zeit interessante Verfallserscheinungen des Schauspiels mitzuerleben sind (Ehebruch, Auswanderung von Familienmitgliedern, Engagement von Schauspielern), so zeigen sich Ermüdungsbrüche in der Vorgehensweise der CSU bei der Pkw-Maut.

Peter Ramsauer, Schutzpatron des Autofahrers

Verkehrsminister Peter Ramsauer, CSU-Frontmann in Berlin für die Pkw-Maut, hat plötzlich festgestellt, dass er zwar sehr für die Straßengebühr, aber gar nicht mehr so sehr für das Betreuungsgeld ist - jedenfalls seit er festgestellt hat, dass ihn das in seinem Etat Geld kosten wird.

Fehlt noch, dass CSU-Chef Horst Seehofer kurz vor dem Gipfel am Montagabend geschwind ein ungeschnittenes Interview bei Claus Kleber gibt und von der Maut abrückt, weil die das Geld nicht in seinen bayerischen Staatssäckel, sondern in die Kasse seines Parteifreundes und obersten Schutzpatrons der deutschen Autofahrer, Peter Ramsauer, spült.

Wir warten, in Gedanken bei Böll, einstweilen ab, ob und wann sich FDP-Chef Philipp Rösler in einem Koalitionsausschuss von einer Wachspuppe ersetzen lässt und ob Kanzlerin Merkel am Ende wie Onkel Franz ins Kloster geht.

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insgesamt 5 Beiträge
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1. Ich bin für...
halbtagsgott 01.06.2012
...deutlich mehr Auslandsdienstreisen des eifrigen Peters, dann ist wenigstens Ruge an der Maut-Front. Am besten 365Tage im Jahr. Es gibt genug Gründe dafür, dass er international tätig ist. Der Wichtigste: er ist dann nicht hier.
2. optional
v.papschke 01.06.2012
Es ist zum Kotzen!
3. Was ist hier iritierend
th4416 02.06.2012
Wer sich ab und zu mit Politik oder allgemein mit Verhandlungen beschäftigt, weiß, dass Ziele künstlich aufbläht werden, um in den Verhandlungen von diesen wieder abrücken zu können und so letztendlich einen Abschluss am gewünschten Ziel zu erreicht. Was ist hier nun irritierend? Allerdings muss ich zugeben, dass - nicht jeder geschickt im verhandeln ist, - Verhandlungen manchmal bizarre Ausmaße annehmen können.
4. wie die böse hexe
oldman60 02.06.2012
ich bin 67 jahre alt und habe in meinem leben viele regierungen erlebt,aber so einen haufen lächerlicher chaoten gab es noch nie.eine kanzlerin die sich in die angelegenheiten anderer länder mischt und zuhause so einen haufen stümper hat die bis jetzt nur zum lachen sind.von diesem pfeifen ist doch keiner ernst zu nehmen.für die fehler die madame veranstaltet müssen andere mit rauswurf büßen.sie sieht ihre eigene unfähigkeit nicht im geringsten ein.man kann den cdu wählern nur raten, jagt sie in die uckermark zurück.
5.
audumbla 02.06.2012
Hauptsache dem Bürger das Geld aus der Tasche ziehen, etwas anderes kann der anscheinend nicht.
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Zum Autor
  • Andrej Dahlmann
    Christoph Schwennicke, Jahrgang 1966, ist Chefredakteur des Polit-Magazins "Cicero". Zuvor schrieb er als politischer Korrespondent in Berlin für den SPIEGEL und für die "Süddeutsche Zeitung".

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