Verlassenes Land: Lockruf der Leere

Von Jochen Bölsche

Was tun mit einem Raum ohne Volk? Weil die Hälfte aller Städte und Kreise schrumpft, fahnden Planer nach Ideen für ein entleertes Land - von Solarparks über Studentenstädte und Telearbeitsdörfer bis hin zur "Pensionopolis" in der Pampa.

Das Leipzig von heute erinnert die örtliche "Volkszeitung" an ein Stück Käse: "Früher war die Stadt wie ein Gouda, dicht bebaut und besiedelt. In den letzten Jahren wurde sie zum Emmentaler, zum Schweizer Käse mit großen Löchern." Nun gehe es darum, schreibt das Blatt, "die Leerräume so zu gestalten, dass sie zu ertragen sind".

Was auf Leipzig zutrifft, gilt für den gesamten Osten und zunehmend auch für weite Landstriche und für viele Großstädte im Westen: Babymangel und Binnenwanderung haben die Republik gleichsam perforiert - und nun sehen sich Planer und Politiker allenthalben gefordert, über den Umgang mit den Vakanzen nachzudenken.

Dabei könnten die Deutschen im Westen von den Erfahrungen profitieren, die ihre Mitbürger im Osten in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten gesammelt haben. Doch die Politiker in den alten Ländern, glaubt Stefan Skora, der Baubürgermeister von Hoyerswerda, "die wissen noch gar nicht, was wirklich auf sie zukommt".

Sicher ist: Mit noch so viel Geld allein wird sich das Ausbluten von Stadt und Land nicht stoppen lassen, wie der Aufbau Ost gezeigt hat. Warum eigentlich, witzelt Volkes Stimme, haben die nagelneuen Autobahnen in den neuen Ländern sechs Spuren? Klar doch, eine geht in den Osten, fünf führen gen Westen.

"Wofür zur Hölle," flucht die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung", "brauchen Städte Autobahnanschlüsse, deren Bevölkerung schon bald so alt und arm sein wird, dass sie sich vielleicht noch einen Hackenporsche für den Gang zum Lidl leisten kann, aber sicherlich kein Auto?"

Auf welche Städte kann Deutschland verzichten?

Und wozu eigentlich sind neue Gewerbezonen nötig in Gegenden, in denen die einst von Helmut Kohl versprochenen "blühenden Landschaften" nur als vielfältige Trümmer- und Schuttvegetation "auf schon Jahre brachliegenden Gewerbeflächen" existieren, wie die Regionalforscher Thilo Lang und Sascha Vogler aus dem brandenburgischen Erkner spotten?

Ein anderes Beispiel nennt der Aufbau-Ost-Experte und frühere Hamburger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi: "Da haben Sie wunderbare elektronische Anzeiger, die angeben, wann die nächste Straßenbahn fährt, aber nur wenige Leute, die einsteigen." Groß sei die Gefahr, "dass die ganze schöne Infrastruktur wieder zerfällt, weil sie keiner bezahlen kann".

Dann aber stünde mehr zur Debatte als nur der Rückbau einzelner Viertel. "Alles läuft auf die Frage zu: Auf welche Stadt kann man verzichten, auf welche nicht?, kommentiert die Hamburger "Zeit": "Wer kann sich in Zukunft Altenburg, Torgau, Sangerhausen noch leisten?"

Mehr noch als an immer neuen Milliarden, so scheint es, mangelt es an intelligenten Plänen für den Umgang mit den Folgen der Schrumpfungsprozesse. Gesucht wird eine Zukunftsvision zum Beispiel für das gewaltige entindustrialisierte Areal zwischen Rügen und Rhön, wo nach den Prognosen des Berliner Instituts für Weltbevölkerung und globale Entwicklung bereits "die neuen heimlichen Naturparks" entstehen.

Werden sich dort eines Tages nur noch Fuchs und Hase gute Nacht sagen, zur Freude von ein paar Naturtouristen? Werden Windfarmer und Ökobauern das Land bewirtschaften oder werden Alternativos die verlassenen Halbruinen übernehmen, wenn der letzte Einheimische das Licht ausgeknipst hat?

Gefragt sind zugleich aber auch Konzepte für den Umgang mit den Hunderttausenden von verlassenen städtischen Gebäuden, in denen allein im Osten so viele Menschen Unterkunft finden könnten, wie Rostock, Magdeburg, Halle, Leipzig, Dresden, Chemnitz und Erfurt insgesamt (noch) Einwohner haben.

Der "Plattmacher" versteht sich als "Plattenspieler"

In den neuen Ländern scheint der Umgang mit dem Häuser-Leerstand vergleichsweise einfach. Um Abriss und Auflockerung überzähliger Großsiedlungen zu forcieren, hat der Bund in einem bis 2009 laufenden Sonderprogramm "Stadtumbau Ost" 2,7 Milliarden Euro bereitgestellt. Die Beseitigung leerstehender Bauten wird mit 60 Euro pro Quadratmeter gefördert.

Nur vereinzelt melden sich Abrisskritiker zu Wort, die wie der Berliner Architekt Ulrich Peickert die alten Plattenbauten "zum Wegwerfen zu schade" finden. Bei einem Symposium präsentierte Peickert die Idee, ein weitgehend verlassenes Viertel in Stendal-Süd in eine 120.000 Quadratmeter große Solaranlage umzuwandeln, mit Sonnenkollektoren auf allen Dächern und an den Fassaden. Im Innern der angegammelten Gebäude sollten Pilze für medizinische Zwecke gezüchtet werden.

Einen Teil der Plattensubstanz will auch Jürgen Polzehl nutzen, Chef-Planer in Schwedt an der Oder, einer Stadt, die alljährlich rund 1000 Einwohner verliert. Der Stadtentwicklungsdezernent, von der Presse bisweilen als "Plattmacher" tituliert, sieht sich selbst eher als "Plattenspieler": Er lässt wie etliche seiner Kollegen in anderen Städten die oberen Etagen von Plattenbauten kappen und die einst monotonen Wohnblocks zu kleinen Stadtvillen zurechtstutzen.

Bauschild-Aufschrift: "Hier entsteht eine Wiese"

Auf die teilweise Umwandlung von Platte in "Edelplatte" (Volksmund) mit bunten Balkonen im Toskana-Stil und mit großzügig zusammengelegten Wohnungen setzt auch die einstige sozialistische Musterstadt Hoyerswerda. Seit das dortige Industriekombinat "Schwarze Pumpe" dichtgemacht hat, ist die Einwohnerzahl von 70.000 auf rund 40.000 gesunken; bis 2020 erwartet die Stadt einen weiteren Rückgang auf 30.000 Einwohner.

Wegen der massiven Abwanderung müssen auch dort ganze Blocks abgerissen werden. Andernfalls, bei allzu viel Umbau zur "Edelplatte", würden die Wohnungsgesellschaften riskieren, dass bald auch ein Teil der aufwendig hergerichteten Bauten leer steht.

Kommunalpolitiker, die nach der künftigen Nutzung abbruchreifer Plattenbau-Viertel gefragt werden, antworten daher immer öfter wie Baubürgermeister Skora in Hoyerswerda: "Leute, da kommt nichts mehr hin." Eine Künstlergruppe, die in seiner Stadt den Abriss begleitet, hat schon Bauschilder aufgestellt mit dem Hinweis: "Hier entsteht eine Wiese."

"Ganze Stadtteile müssen weg"

Städtebaulich wie finanzpolitisch ist es gleichermaßen sinnvoll, die Überbleibsel der sozialistischen Massenmenschhaltung, die einst sogenannten Arbeiterschließfächer, an der Peripherie der Orte dem Erdboden gleich zu machen. Denn nur eine "konzentrische Schrumpfung" der Kommunen, von außen nach innen, führt zu einem kompakten, ökonomischen Verkehrs- und Versorgungssystem.


Rückbau-Experten wie der Thüringer Andreas Jäger fordern daher: "Ganze Stadtteile müssen weg, samt Straßen und Leitungen, sonst ist die Infrastruktur überdimensioniert und überteuert - zu Lasten der Bewohner."

Sehr viel schwieriger als der Abriss an den Stadträndern ist der Umgang mit verwahrlosten Vierteln in den Zentren - wie in Leipzig, wo die DDR einst die Altbauten so sehr vernachlässigt hatte, dass das Volk spottete, die SED wolle "Ruinen schaffen ohne Waffen". Wo binnen anderthalb Jahrzehnten rund 80.000 Einwohner die Koffer gepackt haben, standen bald Tausende teils einsturzgefährdeter Altbauten leer.

Planer stehen vor Aufgaben wie nach dem Bombenkrieg

Die Gründerzeithäuser einzumotten und auf bessere Zeiten zu warten, ist kaum möglich. "So eine Immobilie ist nichts wert", sagt Stefan Weber von der sächsischen Aufbaubank. "Um sie über mieterarme Jahre zu retten, gibt's von der Bank kein Geld." Eine Renovierung ohne hinreichende Nachfrage wäre ruinös, Nichtstun wiederum verbietet sich schon aus Sicherheitsgründen.

Folglich sind auch in den Zentren vielerorts Abriss- und Aufwertungsaktionen notwendig - was die Planer vor Aufgaben stellt, mit denen sie zuletzt in der "Stunde null" konfrontiert waren: nach den Bombenangriffen des Zweiten Weltkriegs.

Der Berliner Regionalsoziologe Hartmut Häußermann glaubt sogar, dass vergleichbare Probleme überhaupt noch nie zu bewältigen waren: "Für eine Stadtentwicklung ohne ökonomisches Wachstum bei zurückgehender Einwohnerzahl zu planen ist, historisch ohne Vorbild."

Erschwert wird der Umbau der Innenstädte durch die dort oft komplizierten Besitzverhältnisse und durch mangelnde Kooperationsbereitschaft der teilweise ortsfernen Grundeigner. Viele wollen, wie Häußermann sagt, "den Wertverfall ihrer Immobilien nicht wahrhaben und halten an illusionären Preisvorstellungen fest".

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Forum - Landflucht - Tickt eine soziale Zeitbombe?
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1.
PhilippSchumann, 14.03.2006
---Zitat von sysop--- Geburtenschwund, Arbeitslosigkeit, Abwanderung: Den ländlichen Gegenden in Deutschland entvölkern sich, die Menschen zieht es in die Städte. Entwickelt sich - wie Wissenschschaftler warnen - auf dem Lande ein "Ozean von Armut und Demenz"? Was kann gegen den Trend getan werden? ---Zitatende--- Die Frage ist natürlich auch, MUSS gegen den Trend etwas getan werden? Muß in jeden sich von alleine entwickelnden Vorgang eingegriffen werden? Muß man die Politiker für alles um Hilfe rufen; wenn nicht eigentlich die vielen Verantwortlichkeiten und Monopole des Staates zurückgefahren werden sollten, um den Menschen selber wieder die Möglichkeit und die Notwendigkeit zur Entfaltung Ihrer Fähigkeiten zurückzugeben? Industrie und Landwirtschaft nehmen mit zunehmender Automatisierung an wirtschaftlicher Bedeutung ab werden einen immer geringeren Stellenwert einnehmen. Es ist völlig klar, daß viele Dörfer ausbluten. In 10 bis 20 Jahren indes wird es für den Großteil der 'Bürojobs' und 'Wissensjobs' nicht mehr nötig sein, das Haus zu verlassen (es handelt sich um einen heute geringen, beständig wachsenden Prozentsatz). Dann werden viele Städter schon aus Flucht der überfüllten Städte die Dörfer neu besiedeln. Man höre auf, bei jeder kleinen Veränderung im Land nach dem Staat zu rufen. Die Leute verhalten sich eh schon größtenteils wie Kinder, und auch das liegt m.E. am paternalistischen, dirigistischen Staat.
2. Braucht´s das?
Norbert-FM, 14.03.2006
Die Frage ist interessant, aber muß wirklich etwas dagegen getan werden? Es gibt in diesen Landstrichen nichts, es gibt keine Jobs, keine Perspektive, kein kulturelles Leben manchmal sind diese Landstriche nicht einmal touristisch wertvoll. Warum sollten also dort noch Menschen leben? Wer einmal durch z.B. Südschweden gefahren ist findet in den dortigen Dörfern auch kaum mehr Einwohner. Die meisten der dort befindlichen Häuser verschwinden oder werden kurzerhand zu Ferienhäusern. Entweder für die eigene Familie oder Touristen. Vielleicht sollte eher über Renaturierungsprojekte als über die aussichtslose Ansiedlung von Arbeitgebern o.ä. nachgedacht werden. Das grösste Problem dabei sind die Menschen die in realitätsferner Beharrung dort bleiben wollen. Ob das schon ein Beispiel für die "Verdummung" ganzer Landstriche ist? Ich wage darauf keine Antwort zu geben.
3.
Jürgenk1, 14.03.2006
Man sieht ja in Halberstadt wie Deutschland in zehn Jahren aussehen wird. Man sollte das einfach akzeptieren. Notfalls kann man die ehemaligen Besatzungsmächte Amerika und Rußland wieder einladen, die meiner Meinung nach viel zu früh abgezogen sind.
4. In der Politik hat man das Thema aber auch schon bemerkt
Majikat, 14.03.2006
In der Politik ist diese Situation - entgegen der Aussagen in diesem Artikel - längst ein Thema. Auswirkungen der demographischen und finanziellen Entwicklung in Deutschland in den nächsten Jahren stehen auf der Tagesordnung. In Sachsen-Anhalt hat die SPD eine Reihe von Papieren vorgelegt, in denen genau das analysiert und diskutiert wird. (http://www.zukunftsprogramm.de/files/zukunft8_laendlraeume.pdf) Die Debatte ist längst im Gange. Nur: Patentlösungen hat niemand, und die werden leider auch auf spiegel-online nicht angeboten. Wie wäre es , wenn man - anstatt die Malaise wieder einmal in gefälligem Stil zu beschreiben - konkrete Vorschläge macht? Damit eben nicht die Dementen und die Alten übrigbleiben. Doch selbst der Vorschlag, Wirtschaftsförderung auf die starken Regionen zu konzentrieren, wird in dem Artikel eher negativ bewertet. Was also dann?
5.
E_N, 14.03.2006
Na denne, Gute Nacht Deutschland. Der letzte macht das Licht aus... Man kann dieser Entwicklung nicht entgegenwirken. IMHO ist der Point of No Return schon lange erreicht. E_N
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