Verlassenes Land, verlorenes Land Polinnen als letzte Hoffnung

Von Jochen Bölsche

2. Teil: Im zweiten Teil lesen Sie, warum die Intelligenzija den Osten flieht und wie die Männer ihren Testosteronüberschuss kompensieren


"Das Gefühl, die Arschkarte gezogen zu haben"

Im Osten hat die Abwanderung der Klügeren bereits lange vor der Wende begonnen; schon unter den Republikflüchtigen der SED-Ära waren akademisch Gebildete überrepräsentiert. Und seit dem Fall der Mauer hat sich die Negativspirale noch beschleunigt.

Die Folgen des seither anhaltenden brain drain sind inzwischen in den Pisa-Statistiken ebenso erkennbar wie in den flächendeckenden Intelligenztests an Wehrpflichtigen: Die dümmsten jungen Deutschen leben demnach in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt. Verlagsvertreter, die das einstige Leseland bereisen, berichten von weinenden Provinz-Buchhändlerinnen - die einstige Stammkundschaft hat sich auf und davon gemacht.

So hat der IQ-Export weite Regionen im neuen Osten abermals zu dem werden lassen, was er während der Massenflucht durch den Eisernen Vorhang schon einmal gewesen zu sein schien: ein Auswanderungsland, in dem nur "der doofe Rest" noch ausharrt, wie damals die Zurückgebliebenen selbstironisch "DDR" buchstabierten.

Ganze Abi-Jahrgänge setzen sich mittlerweile aus den Problemzonen des Ostens geschlossen in den Westen ab. Als Ostdeutsche, sagt eine Abiturientin aus Neubrandenburg, habe sie "das Gefühl, die Arschkarte gezogen zu haben".

"Sie schrauben an ihren Mopeds statt an ihrer Freundin"

Die meist schlechter ausgebildeten und oft arbeitslosen jungen Männer, die im Lande bleiben, gelten als wenig attraktiv. Die Junggesellen "am sozial unteren Ende des Heiratsmarktes" finden daher nach einer Analyse des Berlin-Instituts "ganz selten eine Partnerin zur Familiengründung" - was den Bevölkerungsschwund weiter beschleunige.

"Sie schrauben an ihren Mopeds herum, statt an ihrer Freundin" - mit dieser Formulierung beschreibt die "Sächsische Zeitung" die Lage der jungen Männer etwa im Landkreis Riesa-Großenhain. Während die Mädchen, wild auf den Westen, teils sogar als Kellnerinnen in Österreich und in der Schweiz jobben, lungern die Jungs mancherorts, die Pulloverkapuze ins Gesicht gezogen, mit der Bierdose in der Hand im Bushäuschen herum und reißen Zoten.

Schon heute kommen in den neuen Ländern auf 100 Männer im Schnitt gerade mal 84 Frauen, im thüringischen Ilm-Kreis nur noch 78 - dort geht rechnerisch fast jeder vierte Mann leer aus. Und die Schieflage wird noch dramatischer, weil sich die Geburtenzahl im Osten 1990 schlagartig halbiert hat. "Was da auf uns zukommt, ist wie ein Hurrikan, der auf die Küste zurast," sagt der Chemnitzer Soziologieprofessor Bernhard Nauck: "In sechs bis sieben Jahren werden sich im Osten zwei Männer um eine Frau bemühen müssen, das ist sicher."

Die Regel, dass junge Frauen unattraktive Regionen meiden, bestätigt sich auch im Westen. So haben bajuwarische Mannsbilder an der bayrischen Ostgrenze und im Donauried deutlich schlechtere Chancen, eine Partnerin zu finden, als im Münchner oder Nürnberger Umland. "Bislang ungeklärt" sei, schreibt das Berlin-Institut, "welche Folgen stark männerlastige Bevölkerungsstrukturen für eine Gesellschaft haben" - vor allem wenn die "überzähligen Männer häufig arbeitslos, schlecht ausgebildet und sozial unterprivilegiert sind".

Wetttrinken in der Depressionszone

Die "Vermännlichung" einer Region, glaubt der Dresdner Soziologe Wolfgang Engler, führe bei den Zurückgebliebenen dazu, "dass man sich gegenseitig in seiner Perspektivlosigkeit noch bestätigt" - Tenor: "Aus uns kann nichts werden."

Im Bauwagen der Dorfjugend, im Vereinshaus der Feuerwehr, im Clubheim der Motorradfreunde wird der Frust ertränkt, nicht selten beim "Wetttrinken bis zur Alkoholvergiftung", wie die Ex-Bundesdrogenbeauftragte Marion Caspers-Merk klagt. Mitunter dröhnen dazu die Böhsen Onkelz aus dem Rekorder: "Deutsche Frauen, deutsches Bier, Schwarz-rot-gold, wir stehn'n zu dir."

Statistiken zeigen: Vor allem in den Depressionszonen mit überdurchschnittlich hohem Anteil unfreiwilliger Singles fließt der Alk in Strömen. Während in Ländern wie Bayern und Baden-Württemberg nur fünf beziehungsweise sechs Gramm pro Person und Tag verzehrt werden, ist die durchschnittliche Alkohol-Ration in Brandenburg (12 Gramm), Sachsen-Anhalt (12,5 Gramm) oder Mecklenburg-Vorpommern (14,5 Gramm) doppelt oder dreimal so hoch.

Dort flüchten sich die Zurückgebliebenen auch mehr als anderswo in exzessiven Fernsehkonsum. In Sachsen-Anhalt, einem Land mit fast 21 Prozent Arbeitslosigkeit, sitzen die Menschen am längsten vor der Glotze - pro Tag 275 Minuten, macht pro Jahr sage und schreibe 2,3 Monate TV total und nonstop.

In den neuen Ländern mit ihrem "Männerproletariat" liege aber auch die Kriminalitätsrate, bezogen auf die Einwohnerzahl, höher als im Westen, warnt Forscher Klingholz. Besonders hoch ist der Anteil der jugendlichen Straftäter.

"Hier im Osten brennt die Luft", spürt der Greifswalder Dozent Wolfgang Weiß; der Männerüberschuss lasse sich "auch nicht durch verordnete Homosexualität ausgleichen", sagt er sarkastisch. "Es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, wohin der Testosteronüberschuss in Zukunft führen wird," kommentierte die "FAZ".

Als Sozialwissenschaftler die Schrumpfungsfolgen in der sächsischen Stadt Weißwasser analysierten, die seit 1990 ein Drittel ihrer Einwohnerschaft verloren hat, stießen sie in der Restbevölkerung vor allem auf Apathie und Trostlosigkeit. Auf die lokale Arbeitslosenquote von 22 Prozent reagierten die ehemals werktätigen Plattenbau-Bewohner, die in der DDR immerhin noch verbal als "führende Klasse" hofiert worden waren, mit "kognitiver Einigelung".

Typische Äußerungen: "Die ganze Gegend ist heute schon an den Westen verraten und verkauft worden." - "Die deutsche Einheit wird es wohl nie geben. Hass zwischen Ossis und Wessis." - "Ein Staat gegen die kleinen Leute, schlimmer als bei Honecker. Alle Ostdeutschen haben Wut im Bauch."

Politisch führt das allgegenwärtige Gefühl des Gekränkt- und Abgehängtseins in Randregionen wie dem Erzgebirge (Volksmund: "Schmerzgebirge") teils zur ostalgischen Verklärung der SED-Staates, teils geradewegs in den Rechtsradikalismus. Immer häufiger zielen in den Zonen mit gestörter Sexualökonomie die Aggressionen der alkoholisierten Zwangssingles auf Fremde - nicht zuletzt wohl auch aus Angst, Eindringlinge könnten den Einheimischen die ohnehin knapp gewordene Ressource Frau streitig machen.

Schrumpfende Regionen - Nährboden für Radikalismus?

Nirgendwo in Deutschland, außer im platten Schleswig-Holstein, registriert der Verfassungsschutz pro Kopf ähnlich viele rechtsradikale Gewalttaten wie in den ausblutenden neuen Ländern. "Rechtsextremismus - eine Begleiterscheinung in schrumpfenden Städten?" war schon das Thema einer Fachtagung in Berlin.

Pogromartige Ausschreitungen gegen Ausländer wie früher in Rostock-Lichtenhagen oder in Hoyerswerda machten, so die Erkenntnisse von Experten, kaum noch Schlagzeilen. Stattdessen dominiere auf dem Land die gewöhnliche, nahezu alltägliche Gewalt locker organisierter Kameradschaften gegen einzelne Fremde, aber auch gegen linksverdächtige Jugendliche.

Die Täter tragen heute statt Bomberjacke und Springerstiefel oft Zivil. Mancher entspreche, erklärt Jürgen Kanehl, Bürgermeister im vorpommerschen Wolgast, eher dem Bild vom idealen Schwiegersohn als dem Neunziger-Jahre-Rambo mit Glatze.

Das größte Problem sei nicht die absolute Zahl der Rechtsextremisten, glaubt der Berliner Schrumpfungsexperte Philipp Oswalt. Mehr Sorge bereiten ihm die "fehlenden gesellschaftlichen Abwehrkräfte" in den Abwanderungsregionen, die oft auch von allen guten Geistern verlassen scheinen.

"Du siehst aus wie ein Jude"

Dazu zählen Dörfer wie das 600-Einwohner-Kaff Potzlow in der Uckermark - ein Ort, der 2002 zum Menetekel des moralischen Niedergangs in Schrumpfdeutschland wurde. Dort bemerkte ein Kommunalpolitiker über die Reaktion der Dörfler auf Rüpeleien der ortsansässigen Rechtsradikalen: "Da traut man sich doch schon lange nicht mehr, was dagegen zu sagen." Eine Sozialarbeiterin gestand unter Tränen ihre Ohnmacht: "Die Gesellschaft verroht immer mehr."

Erst hatte einer aus dem Ort in einer Nachbarstadt einen Afrikaner zusammengeschlagen. Dann quälte er mit anderen jungen Rechtsradikalen einen 17-jährigen Kumpel bestialisch zu Tode, bevor sie seinen Leichnam in eine Jauchegrube warfen - ihnen hatte die Frisur des Opfers nicht gefallen: "Du siehst aus wie ein Jude."

Als 150 ortsfremde Antifa-Aktivisten mit Lautsprecherwagen in Potzlow einfielen, um die Mordtat anzuprangern, hielten angereiste Reporter die Reaktion von Dörflern fest: "Fahren wir nach Berlin, wenn dort einer ermordet wird?" - "Ein bisschen rechts denkt doch jeder." - "Da wird doch ein Pups zu einem Donnerschlag aufgeblasen."

Typisch für die Mentalität, die in den Schrumpfregionen aufkeimt, mögen Extremfälle wie Potzlow nicht sein. Symptomatisch ist eher schon das Wahlverhalten, das in den Abwanderungsgebieten stärker zu Tage tritt als anderswo: Kaum zufällig erzielten gerade dort nicht nur PDS-Kandidaten, sondern auch die radikalen Rechten bei den Landtagswahlen im vorigen Jahr Rekordwerte.

In Brandenburg kam die DVU auf 6,1 Prozent. In Sachsen ist die NPD mit 9,2 Prozent seither fast so stark wie die SPD. Dort votierten 20 Prozent der männlichen Erstwähler für die radikale Rechte, im westdeutschen Schrumpfland an der Saar immerhin 14 Prozent.

Die "ugly citizens" können "den Osten wegreißen"

Solche Resultate geben, ebenso wie die extrem niedrige Beteiligung von Jungwählern, Wahlanalytikern zu denken. "Die psychologische Wirkung des Wegzugs insbesondere jüngerer Ostdeutscher in den Westen kann kaum noch hoch genug eingeschätzt werden", urteilt die Allensbach-Forscherin Renate Köcher.

Das extreme Wahlverhalten in diesen Landstrichen, meint auch der Dresdner Soziologe Engler, entspringe dem "Gefühl, verlassen, abgekoppelt zu sein". Für diesen Wählertypus hätten die Angelsachsen den Begriff ugly citizen geprägt: Gemeint ist der hässliche Bürger, "der sich gerade noch politisch äußert, aber in einer Art, die schon eine Verwerfung des politischen Systems ist".

Wenn sich gleich "ganze Regionen in Verzweiflung, Depression und Radikalisierung verabschieden", werde das, meint Engler, fatale Folgen haben: "Das kann den Osten wegreißen."

Dieses "Grundgefühl der Zweitklassigkeit", sagt SPD-Chef Matthias Platzeck, habe auch schon bei den Anti-Hartz-Protesten vorgeherrscht, die in den schrumpfenden Provinzen den meisten Zulauf hatten. Wenn der Trend anhalte, warnte der Sozialdemokrat bereits voriges Jahr, könnten die benachteiligten Regionen "stimmungsmäßig" mehr und mehr aus Deutschland herausrutschen. Platzeck: "Die Demokratie als Grundlage unserer Gesellschaft verliert - und zwar gravierend - an Zustimmung."



insgesamt 289 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
PhilippSchumann, 14.03.2006
1.
---Zitat von sysop--- Geburtenschwund, Arbeitslosigkeit, Abwanderung: Den ländlichen Gegenden in Deutschland entvölkern sich, die Menschen zieht es in die Städte. Entwickelt sich - wie Wissenschschaftler warnen - auf dem Lande ein "Ozean von Armut und Demenz"? Was kann gegen den Trend getan werden? ---Zitatende--- Die Frage ist natürlich auch, MUSS gegen den Trend etwas getan werden? Muß in jeden sich von alleine entwickelnden Vorgang eingegriffen werden? Muß man die Politiker für alles um Hilfe rufen; wenn nicht eigentlich die vielen Verantwortlichkeiten und Monopole des Staates zurückgefahren werden sollten, um den Menschen selber wieder die Möglichkeit und die Notwendigkeit zur Entfaltung Ihrer Fähigkeiten zurückzugeben? Industrie und Landwirtschaft nehmen mit zunehmender Automatisierung an wirtschaftlicher Bedeutung ab werden einen immer geringeren Stellenwert einnehmen. Es ist völlig klar, daß viele Dörfer ausbluten. In 10 bis 20 Jahren indes wird es für den Großteil der 'Bürojobs' und 'Wissensjobs' nicht mehr nötig sein, das Haus zu verlassen (es handelt sich um einen heute geringen, beständig wachsenden Prozentsatz). Dann werden viele Städter schon aus Flucht der überfüllten Städte die Dörfer neu besiedeln. Man höre auf, bei jeder kleinen Veränderung im Land nach dem Staat zu rufen. Die Leute verhalten sich eh schon größtenteils wie Kinder, und auch das liegt m.E. am paternalistischen, dirigistischen Staat.
Norbert-FM, 14.03.2006
2. Braucht´s das?
Die Frage ist interessant, aber muß wirklich etwas dagegen getan werden? Es gibt in diesen Landstrichen nichts, es gibt keine Jobs, keine Perspektive, kein kulturelles Leben manchmal sind diese Landstriche nicht einmal touristisch wertvoll. Warum sollten also dort noch Menschen leben? Wer einmal durch z.B. Südschweden gefahren ist findet in den dortigen Dörfern auch kaum mehr Einwohner. Die meisten der dort befindlichen Häuser verschwinden oder werden kurzerhand zu Ferienhäusern. Entweder für die eigene Familie oder Touristen. Vielleicht sollte eher über Renaturierungsprojekte als über die aussichtslose Ansiedlung von Arbeitgebern o.ä. nachgedacht werden. Das grösste Problem dabei sind die Menschen die in realitätsferner Beharrung dort bleiben wollen. Ob das schon ein Beispiel für die "Verdummung" ganzer Landstriche ist? Ich wage darauf keine Antwort zu geben.
Jürgenk1, 14.03.2006
3.
Man sieht ja in Halberstadt wie Deutschland in zehn Jahren aussehen wird. Man sollte das einfach akzeptieren. Notfalls kann man die ehemaligen Besatzungsmächte Amerika und Rußland wieder einladen, die meiner Meinung nach viel zu früh abgezogen sind.
Majikat, 14.03.2006
4. In der Politik hat man das Thema aber auch schon bemerkt
In der Politik ist diese Situation - entgegen der Aussagen in diesem Artikel - längst ein Thema. Auswirkungen der demographischen und finanziellen Entwicklung in Deutschland in den nächsten Jahren stehen auf der Tagesordnung. In Sachsen-Anhalt hat die SPD eine Reihe von Papieren vorgelegt, in denen genau das analysiert und diskutiert wird. (http://www.zukunftsprogramm.de/files/zukunft8_laendlraeume.pdf) Die Debatte ist längst im Gange. Nur: Patentlösungen hat niemand, und die werden leider auch auf spiegel-online nicht angeboten. Wie wäre es , wenn man - anstatt die Malaise wieder einmal in gefälligem Stil zu beschreiben - konkrete Vorschläge macht? Damit eben nicht die Dementen und die Alten übrigbleiben. Doch selbst der Vorschlag, Wirtschaftsförderung auf die starken Regionen zu konzentrieren, wird in dem Artikel eher negativ bewertet. Was also dann?
E_N, 14.03.2006
5.
Na denne, Gute Nacht Deutschland. Der letzte macht das Licht aus... Man kann dieser Entwicklung nicht entgegenwirken. IMHO ist der Point of No Return schon lange erreicht. E_N
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.