Verlassenes Land, verlorenes Land Polinnen als letzte Hoffnung

Auf der Suche nach einem guten Job oder einer guten Partie fliehen junge Frauen massenhaft vom Land in die Städte. Zurück bleiben Männer, die sich in Fernsehsucht, Suff und Fremdenhass flüchten. Politiker erwägen bereits, Ausländerinnen für die Frustrierten anzuwerben - ein fragwürdiges Konzept.

Von Jochen Bölsche


Die blonde Polin heißt nicht Potemkin, sondern Pasikowska. Doch wie der legendäre russische Feldmarschall versteht es die junge Künstlerin, mit Leinwand, Leim und Farbe triste Realitäten aufzuhübschen.

Während Fürst Grigorij Alexandrowitsch Potemkin im Jahre 1787 in Südrussland der durchreisenden Zarin Katharina II. mit bemalten Kulissen blühende Dörfer vorgetäuscht haben soll, nahm sich Anita Pasikowska der deutschen Provinzstadt Görlitz an - eines Gemeinwesens, in dem sich wie kaum irgendwo sonst die Widersprüchlichkeiten des wiedervereinigten Deutschland spiegeln.


Obwohl der Westen seit 1990 mit Multi-Millionen-Aufwand geholfen hat, die matt gewordene "Perle der Lausitz" mit ihren mehr als 4000 denkmalgeschützten Bauwerken aufzupolieren, steht die aufwendig sanierte Altstadt heute fast zur Hälfte leer, wirken die toten Fenster in den fein restaurierten Renaissancefassaden auf Besucher wie "Grabsteine der Urbanität" ("Frankfurter Allgemeine").

Seit der Wende sind aus der schmucken Geisterstadt an der deutsch-polnischen Grenze mehr als 20.000 Menschen gen Westen gezogen, jeder vierte Einwohner.

Ein Fall für Anita Pasikowska. Sie sorgte dafür, dass plötzlich nachts in vormals schwarzen Fenstern warmes Licht leuchtete; hinter den Scheiben waren Blumentöpfe und Kinderköpfe wahrnehmbar; Schatten huschten über bunte Vorhänge; Wohnzimmerlampen erstrahlten und erloschen wieder.

Alles war nur schöner Schein: die Installation einer Illusionistin, die "traurig" gewesen war über die Stadtkulisse mit den "vielen leerstehenden Häusern und den wenigen Menschen auf der Straße".

Bis 2010 verlassen eine Million Menschen den Osten

Wenngleich Kunst-Events wie die Pasikowskaschen Häuser, illuminiert im Dienste von Stadtmarketing und Imagepflege, Seltenheitswert haben - die Probleme von Görlitz teilen mehr und mehr deutsche Kommunen. Während in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten rund eine Billion Euro an Subventionen gen Osten flossen, wanderten mehr als zwei Millionen Menschen gen Westen - und ein Ende der gegenläufigen Entwicklung ist nicht absehbar.

Bevölkerungswissenschaftler rechnen bis 2020 mit einer Schrumpfung des Ostens um mindestens eine weitere Million Einwohner. Zu den Fortzugswilligen zählen beispielsweise Fernpendler, die jahrelang die Woche über im Westen gearbeitet haben und nun, der Fahrerei überdrüssig, dort auch wohnhaft werden wollen.

Zurück in die alten Länder zieht es auch Wessis, die einst per Buschprämie in den Osten gelockt worden waren. In Sachsen-Anhalt etwa, das seit 1990 zehn Prozent seiner Bevölkerung verloren hat, ist zum Bedauern des evangelischen Bischofs Axel Noack auch "von den früheren Ministern, Staatssekretären, Regierungsbeamten fast keiner mehr hier".

Mittlerweile, beobachtet Markus Goldschmidt, Baudezernent der früheren Textilstadt Forst, "gehen sogar die Alten weg, sie ziehen ihren Kindern hinterher, in den Westen". Seit der Wende hat der Ort in der Lausitz jeden fünften Einwohner verloren. Goldschmidt: "Wenn die Entwicklung so weitergeht wie jetzt, dann werden ganze Städte von den Landkarten verschwinden."
Mehr als alles andere aber schreckt die Fachleute ein Trend, der im Osten bereits spektakuläre Ausmaße angenommen hat und auch in den alten Ländern bereits wahrnehmbar ist: die Massenflucht junger Frauen aus dem ländlichen Raum in die prosperierenden Stadtregionen.

Dieser Aderlass trifft die Abwanderungsregionen doppelt hart: Die Frauen sind zumeist besser gebildet als die Männer, zugleich verlieren die Regionen potenzielle Mütter - weiterer Schwund ist damit programmiert.

Exodus der Frauen - ein historisch einmaliges Phänomen

"Nirgendwo auf der Welt ist die überproportionale Abwanderung von Frauen so groß wie in Ostdeutschland", sagt Wolfgang Weiß von der Universität Greifswald. Rainer Klingholz vom Berlin-Institut spricht von einem "historisch einmaligen Phänomen". In der Geschichte der Menschheit hätten bei Völkerwanderungen sonst stets Männer die Vorhut gebildet.

In Ost wie West zeigen sich nun die Frauen auf der Suche nach einem guten Job oder einer guten Partie deutlich mobiler als junge Männer. Die weiblichen Landeier - vielleicht beflügelt von der tollen Lolle, dem Publikumsliebling aus der TV-Kultserie "Berlin, Berlin" - haben kaum Angst vor dem Asphaltdschungel der Großstädte. Statt daheim auf einen Heiratsantrag zu warten, wollen sie sich im Beruf verwirklichen. "Sie migrieren eigenständig", sagt Steffen Kröhnert vom Berlin-Institut. Und: Sie kehren, sind sie erst einmal fortgezogen, seltener wieder heim als junge Männer.

Warum sollten sie auch. Frauen neigten dazu, sich ihren Partner möglichst in höheren Sozialsphären zu suchen, erklärt die Magdeburger Professorin Christiane Dienel: "Frauen heiraten nach oben, Männer nicht." Besser ausgebildete, besser verdienende Männer aber werden auf dem Lande zunehmend knapp.



Forum - Landflucht - Tickt eine soziale Zeitbombe?
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Seite 1
PhilippSchumann, 14.03.2006
1.
---Zitat von sysop--- Geburtenschwund, Arbeitslosigkeit, Abwanderung: Den ländlichen Gegenden in Deutschland entvölkern sich, die Menschen zieht es in die Städte. Entwickelt sich - wie Wissenschschaftler warnen - auf dem Lande ein "Ozean von Armut und Demenz"? Was kann gegen den Trend getan werden? ---Zitatende--- Die Frage ist natürlich auch, MUSS gegen den Trend etwas getan werden? Muß in jeden sich von alleine entwickelnden Vorgang eingegriffen werden? Muß man die Politiker für alles um Hilfe rufen; wenn nicht eigentlich die vielen Verantwortlichkeiten und Monopole des Staates zurückgefahren werden sollten, um den Menschen selber wieder die Möglichkeit und die Notwendigkeit zur Entfaltung Ihrer Fähigkeiten zurückzugeben? Industrie und Landwirtschaft nehmen mit zunehmender Automatisierung an wirtschaftlicher Bedeutung ab werden einen immer geringeren Stellenwert einnehmen. Es ist völlig klar, daß viele Dörfer ausbluten. In 10 bis 20 Jahren indes wird es für den Großteil der 'Bürojobs' und 'Wissensjobs' nicht mehr nötig sein, das Haus zu verlassen (es handelt sich um einen heute geringen, beständig wachsenden Prozentsatz). Dann werden viele Städter schon aus Flucht der überfüllten Städte die Dörfer neu besiedeln. Man höre auf, bei jeder kleinen Veränderung im Land nach dem Staat zu rufen. Die Leute verhalten sich eh schon größtenteils wie Kinder, und auch das liegt m.E. am paternalistischen, dirigistischen Staat.
Norbert-FM, 14.03.2006
2. Braucht´s das?
Die Frage ist interessant, aber muß wirklich etwas dagegen getan werden? Es gibt in diesen Landstrichen nichts, es gibt keine Jobs, keine Perspektive, kein kulturelles Leben manchmal sind diese Landstriche nicht einmal touristisch wertvoll. Warum sollten also dort noch Menschen leben? Wer einmal durch z.B. Südschweden gefahren ist findet in den dortigen Dörfern auch kaum mehr Einwohner. Die meisten der dort befindlichen Häuser verschwinden oder werden kurzerhand zu Ferienhäusern. Entweder für die eigene Familie oder Touristen. Vielleicht sollte eher über Renaturierungsprojekte als über die aussichtslose Ansiedlung von Arbeitgebern o.ä. nachgedacht werden. Das grösste Problem dabei sind die Menschen die in realitätsferner Beharrung dort bleiben wollen. Ob das schon ein Beispiel für die "Verdummung" ganzer Landstriche ist? Ich wage darauf keine Antwort zu geben.
Jürgenk1, 14.03.2006
3.
Man sieht ja in Halberstadt wie Deutschland in zehn Jahren aussehen wird. Man sollte das einfach akzeptieren. Notfalls kann man die ehemaligen Besatzungsmächte Amerika und Rußland wieder einladen, die meiner Meinung nach viel zu früh abgezogen sind.
Majikat, 14.03.2006
4. In der Politik hat man das Thema aber auch schon bemerkt
In der Politik ist diese Situation - entgegen der Aussagen in diesem Artikel - längst ein Thema. Auswirkungen der demographischen und finanziellen Entwicklung in Deutschland in den nächsten Jahren stehen auf der Tagesordnung. In Sachsen-Anhalt hat die SPD eine Reihe von Papieren vorgelegt, in denen genau das analysiert und diskutiert wird. (http://www.zukunftsprogramm.de/files/zukunft8_laendlraeume.pdf) Die Debatte ist längst im Gange. Nur: Patentlösungen hat niemand, und die werden leider auch auf spiegel-online nicht angeboten. Wie wäre es , wenn man - anstatt die Malaise wieder einmal in gefälligem Stil zu beschreiben - konkrete Vorschläge macht? Damit eben nicht die Dementen und die Alten übrigbleiben. Doch selbst der Vorschlag, Wirtschaftsförderung auf die starken Regionen zu konzentrieren, wird in dem Artikel eher negativ bewertet. Was also dann?
E_N, 14.03.2006
5.
Na denne, Gute Nacht Deutschland. Der letzte macht das Licht aus... Man kann dieser Entwicklung nicht entgegenwirken. IMHO ist der Point of No Return schon lange erreicht. E_N
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