Wahlverlierer Norbert Röttgen: Kronprinz a.D.

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"Das tut richtig weh": Norbert Röttgen erleidet mit der CDU in NRW eine dramatische Niederlage. Als Landeschef ist der Spitzenkandidat umgehend zurückgetreten, als Bundesminister kehrt er gedemütigt nach Berlin zurück. Den Traum vom Kanzleramt muss der einstige Hoffnungsträger aufgeben.

DPA

Berlin/Düsseldorf - So hat man Norbert Röttgen noch nie gesehen. Sonst reckt der CDU-Mann gerne das Kinn in die Höhe, schiebt die Unterlippe nach vorn - als Ausdruck von Arroganz und Überlegenheit empfinden Beobachter diese typische Körperhaltung. An diesem Sonntagabend ist davon nichts zu sehen. Mit gesenktem Haupt tritt der 46-Jährige in der Düsseldorfer CDU-Zentrale vor seine Parteikollegen und Journalisten, an seiner Seite seine Frau Ebba, Mitglieder seines Schattenkabinetts und des Landesvorstands. Es ist erst 18.10 Uhr, doch das Ergebnis ist eindeutig. Es ist historisch schlecht. Ein Debakel.

"Eindeutig, umfassend und klar", nennt Röttgen die Schlappe. "Das tut richtig weh." Und er betont, dass es "zuallererst auch meine Niederlage" sei, für die er die "uneingeschränkte Verantwortung" übernehme. "Ganz zwingend" sei sein Rücktritt als Landesvorsitzender. Fünf Minuten dauert es, dann verlässt Röttgen die Bühne wieder.

Es ist schon bitter: In der historischen Niederlage legt Röttgen seinen überzeugendsten Auftritt hin. Keine Ausflüchte, klare Konsequenzen - so eindeutig in der Botschaft war der Spitzenkandidat im ganzen Wahlkampf nicht. Etwas anderes als demonstrative Demut blieb ihm aber auch nicht übrig. Der Landesvorsitz war unter diesen Umständen nie und nimmer zu halten, die Messer waren längst gewetzt. Doch das Drama von Düsseldorf bedeutet für Röttgen mehr als nur das bittere Ende eines kurzen Ausflugs in die Landespolitik. Es ist der Absturz eines Hoffnungsträgers. Für Röttgen endet an diesem Abend ein Traum. Der Traum vom Kanzleramt.

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Gescheiterter CDU-Kandidat: Wahlverlierer Norbert Röttgen

Ein Wahlkampf, den Röttgen nicht wollte

Und so versucht Röttgen zumindest zu retten, was noch zu retten ist: sein Ministeramt in Berlin. Dafür muss er in den Staub, muss die Schuld für das Debakel voll und ganz auf sich nehmen. Und er muss erklären, dass die Lage im Bund natürlich eine ganz andere sei. Es ist der Versuch, die Kollateralschäden für die Bundeskanzlerin zu begrenzen. Und es ist wohl auch die Bedingung dafür, dass Angela Merkels Getreue in der Hauptstadt noch am Abend zu ihm halten - trotz des "Keulenschlags" für die ganze CDU. Röttgen werde seine Arbeit als Bundesumweltminister fortsetzen, sagt CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe, "mit ganzem Einsatz".

Mit ganzem Einsatz. Genau davon konnte im Wahlkampf keine Rede sein, und das haben sie Röttgen in der CDU von Anfang an zum Vorwurf gemacht. Der Bundesumweltminister ist an Rhein und Ruhr in ein Abenteuer geschliddert, das er so nicht geplant hatte. Erst im Herbst 2010 hatte er sich in einer Urwahl den Vorsitz des größten CDU-Landesverbandes gesichert, er brauchte eine parteiinterne Machtbasis für seine großen Ambitionen. Offen hatte er natürlich nie darüber gesprochen, aber dass er sich zutraute, irgendwann einmal Merkel zu beerben, daran zweifelte niemand in den eigenen Reihen.

In der CDU erzählen sie Röttgens Strategie so: Er habe geglaubt, dass die rot-grüne Minderheitsregierung schon irgendwie bis zum regulären Ende der Legislaturperiode 2015 durchhalten werde. Dann hätte er sich vielleicht gar nicht mehr mit der lästigen Frage einer Spitzenkandidatur in NRW herumschlagen müssen, weil Merkel die Machtübergabe längst eingeleitet hätte. Zu seinen Gunsten. Oder aber die CDU in NRW hätte sich bis dahin erholt und das Amt des Ministerpräsidenten wäre wirklich in Reichweite gewesen - auch keine schlechte Ausgangsposition für eine spätere Kanzlerkandidatur.

Wenn es wirklich so war, dann ist die Rechnung gründlich schief gegangen. Mit der Landtagsauflösung im März 2012 stand Röttgen plötzlich im Wahlkampf. Und das merkte man ihm an. Er wollte sich nicht ganz der Landespolitik verschreiben, hatte lieber - menschlich und machtstrategisch durchaus verständlich - das Rückfahrtticket nach Berlin in der Tasche. Der Wahlkampf geriet völlig verkorkst, im Endspurt brachte er gar die Kanzlerin gegen sich auf, als er sie präventiv in Mithaftung für die drohende Niederlage nahm, indem er die NRW-Wahl zur Abstimmung über Merkels Euro-Politik erhob.

"Röttgen ist ein reiner Egoist"

Ob das nun Kalkül war oder ein Akt der Verzweiflung - an einen Wahlsieg glaubte Röttgen zu diesem Zeitpunkt ohnehin nicht mehr. Aber er hoffte wohl, zumindest über der 30-Prozentmarke zu landen. Dann hätte ihn niemand auf die harte Oppositionsbank nach Düsseldorf gerufen, in Berlin hätten sie ihn eine Weile verspottet. Doch der Sturm wäre irgendwann vorüberzogen. Noch so eine Rechnung, die nicht aufgegangen ist.

Stattdessen brechen sich jetzt Frust und Wut Bahn, die sich in den vergangenen Wochen aufgestaut haben. "Herr Röttgen ist ein reiner Egoist, wir sind die Deppen vor Ort, haben uns wochenlang die Sohlen abgelaufen und keine Chance wieder in den Landtag zu kommen. Ich habe kein Ministeramt in Berlin", schimpft ein Christdemokrat in Düsseldorf, der Röttgen einst noch unterstützte, als es um den Landesvorsitz ging. "Man hatte ja das Gefühl, dass er verlieren wollte."

Die Machtbasis ist nun futsch, die Röttgen für seine weiteren Karrierepläne so dringend benötigte. Gedemütigt kehrt der Wahlverlierer nach Berlin ins Bundeskabinett zurück. Die Opposition wird ihn vorführen, wann immer es geht, die Grünen legen der Kanzlerin bereits nahe, ihn zu entlassen. Das wird Merkel nicht tun, sie hat kein Interesse an zusätzlicher Unruhe. Auch fachlich gibt es aus ihrer Sicht keinen Grund, mitten in der Energiewende den zuständigen Ressortleiter auszutauschen.

Doch in der Parteihierarchie rutscht Röttgen kräftig ab. Dass er beim Parteitag im Herbst dieses Jahres noch einmal mit dem besten Ergebnis als stellvertretender Bundesvorsitzender wiedergewählt wird, ist unwahrscheinlich. Röttgen hat sich in seiner politischen Laufbahn viele Gegner gemacht. Sie sind auf dem Wirtschaftsflügel zu finden, im Lager der Konservativen und auch unter den alten Kumpels aus der schwarz-grünen Pizza-Connection, von denen er in seiner Karriere einige beiseite geräumt hat. Sie alle beobachten Röttgens Absturz nicht ohne Schadenfreude, sie werden den Teufel tun, ihm beim Wiederaufstieg zu helfen.

Nein, die Rolle des Kronprinzen ist Röttgen los, dafür bleiben nun noch Ursula von der Leyen oder Thomas de Maizière. Der Bundesumweltminister dagegen droht zur lame duck im Kabinett zu werden. "Er steht künftig auf einer Stufe mit Ilse Aigner", sagt einer aus der Unionsfraktion und meint das nicht nett, da die Verbraucherschutzministerin von der CSU nicht unbedingt als Leuchtturm des Kabinetts gilt. Es gebe aber noch einen entscheidenden Unterschied zwischen Aigner und Röttgen: "Ilse Aigner hat keine Feinde."

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insgesamt 62 Beiträge
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1.
sistermercy 13.05.2012
Zitat von sysopDPA"Das tut richtig weh": Norbert Röttgen erleidet mit der CDU in NRW eine dramatische Niederlage. Als Landeschef ist der Spitzenkandidat umgehend zurückgetreten, als Bundesminister kehrt er gedemütigt nach Berlin zurück. Den Traum vom Kanzleramt muss der einstige Hoffnungsträger aufgeben. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,832949,00.html
Der Norbert ist schön ins offene Messer gelaufen.
2.
habibi1951 13.05.2012
Ich kann meine Schadenfreude nicht verhehlen. Sie eliminieren sich jetzt selbst, diese "Retorten-Berufs-Politiker" Röttgen, Rösler, Schröder usw. Nur weiter so - wir brauchen sie nicht!
3. Klatsche für unseren Energieclown
rationalism 13.05.2012
Norbert Röttgen hat die nationale Energieversorgung zur Spielwiese für Verrückte erklärt und bekommt nun eine ganz gewaltige Klatsche. Bravo
4. Never again
DerZitator 13.05.2012
Zitat von sysopDPA"Das tut richtig weh": Norbert Röttgen erleidet mit der CDU in NRW eine dramatische Niederlage. Als Landeschef ist der Spitzenkandidat umgehend zurückgetreten, als Bundesminister kehrt er gedemütigt nach Berlin zurück. Den Traum vom Kanzleramt muss der einstige Hoffnungsträger aufgeben. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,832949,00.html
...und in Berlin findet Röttgen einen riesigen Batzen unerledigter Aufgaben, auf seinem Schreibtisch vor. Der überwiegende Teil davon, schon vor seinem Antritt, als NRW-Kandidat der schwarzen Seelen, datiert. Genau das sollte auch einmal, als Begründung für das verdiente Desaster, herangezogen werden. Wie kann ein Minister, der offensichtlich schon in seinem kleinen Ressort nichts zuende bringt, es überhaupt wagen, mein Ministerpräsident werden zu wollen. Herr Röttgen, schnappen Sie sich einen Besen und fegen Sie die Asse aus, greifen Sie zu Spaten und Schweißgerät und verlegen Sie die notwendigen Überlandleitungen zur erfolgreichen Energiewende und beginnen Sie die unvoreingenommene (und damit sinnlose) Suche nach einer Endlageralternative. Wenn Sie bewiesen haben, dass Sie solche Aufgaben nicht vollständig überfordern, dann können Sie wiederkommen und sich noch einmal, der Wahl der Westfalen stellen (und der Rheinis) - Ich vermute mal, also nie !!!!
5. Ein verheizter Minister
wago 13.05.2012
Nur Ignoranten war nicht klar, dass Röttgen einen klassischen Schiffbruch erleichen würde. Eiskalter Politmanager gegen Landesmutter - das konnte nicht klappen. Aber er fällt ja weich und bleibt in seinem Amt als Minister in Berlin. Schade! Frau Merkel wird sich aber Gedanken machen müssen, ob der von ihr vertretene Betonkurs wirklich noch den Wählern vermittelbar ist. Vier Wahlen in einer Woche und überall wurde ihre Politik national wie international abgewählt. Die Leute haben es eben satt nur noch als Melkkuh für Finanzhaie behandelt zu werden. Ich bin weder Linker, noch Pirat, noch Grüner. Krafft hat den Menschen eben aus der Seele gesprochen.
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