Versöhnungsrede in Ludwigshafen Erdogan will zwischen Deutschen und Türken vermitteln

Verstimmungen, Verdächtigungen, Spekulationen: Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan will all dem ein Ende machen - und hat an der Brandruine in Ludwigshafen für Verständnis geworben. Tausende Menschen kamen und spendeten Beifall.


Ludwigshafen - Die Menschen drängten sich an den Absperrzäunen, kletterten auf Bäume und sogar auf Übertragungswagen des Fernsehens: Rund 2500 Menschen waren heute zum Danziger Platz nach Ludwigshafen gekommen, um den türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan zu sehen. Vier Tage nach dem verheerenden Feuer mit neun Toten in dem von türkischen Familien bewohnten Haus wollte sich Erdogan selbst ein Bild machen. Er schlug sehr versöhnliche Töne an. Doch die Stimmung wird wohl mindestens so lange angespannt bleiben, bis die Brandursache feststeht.

Politiker Erdogan: Versöhnliche Töne in Ludwigshafen
DDP

Politiker Erdogan: Versöhnliche Töne in Ludwigshafen

Auch auf dem Danziger Platz zeigte sich das heute wieder. So hielt ein Mann ein rotes Plakat mit der Aufschrift "Gestern Juden, heute Moslems" in die Höhe. Auf einem anderem war in Anspielung auf den Brandanschlag in den neunziger Jahren auf ein von Türken bewohntes Haus in Solingen zu lesen: "Gestern Solingen, heute Ludwigshafen. Morgen?" Doch solche Plakate waren die Ausnahme. Die meisten Menschen warteten stundenlang ruhig hinter dem Zaun, an dem in Erinnerung an die Toten viele Blumen hingen.

Der Beifall für Erdogans versöhnliche Rede zeigte schließlich auch, dass so manche Schlagzeile der vergangenen Tage nicht den richtigen Ton getroffen hatte. Der türkische Regierungschef appellierte dann auch direkt an die Medien in der Türkei und in Deutschland, nicht "mit großen Lettern" den Frieden zu stören. Auch die Medien sollten helfen, die Freundschaft zu stärken. Der türkische Regierungschef kündigte an, dass er morgen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel ausführlich über Ludwigshafen sprechen werde.

Besonders genau dürften viele Einsatzkräfte der Ludwigshafener Feuerwehr den Worten Erdogans zugehört haben. Schließlich hatte es in den vergangenen Tagen heftige Kritik an ihrer Arbeit gegeben. Vorgeworfen wurde der Feuerwehr unter anderem, zu spät gekommen zu sein. Dabei standen die Löschzüge am Sonntag innerhalb von Minuten vor dem brennenden Haus.

Erdogan fand auch dafür klare Worte: Er danke der deutschen Polizei und Feuerwehr, sagte der Regierungschef. Sie hätten alles getan, was in ihrer Kraft gestanden habe. Der Schmerz sei groß, aber ohne das Engagement der Polizei und Feuerwehr wäre es noch größer gewesen, sagte er mit Blick auf die aus dem Haus geretteten Menschen.

"Wir sind in Trauer vereint"

Auch den rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck (SPD), der gemeinsam mit Erdogan das ausgebrannte Haus besuchte, dürften diese Worte sehr erleichtert haben. Schließlich hatte er schon zuvor deutlich gemacht, dass er Vorwürfe gegen die Einsatzkräfte nicht akzeptieren wolle. Auch im Beisein Erdogans vor tausenden Türken auf dem Danziger Platz dankte er Feuerwehr und Polizei ausdrücklich für ihre Arbeit.

Beck sagte in seiner Ansprache: "Wir sind in Trauer vereint." Er betonte: "Wir trauern um die Toten und empfinden mit, welches Leid die Menschen über sich ergehen lassen mussten durch dieses furchtbare Unglück." Er versicherte, dass alles getan werde, um die Not der Opfer zu lindern. Beck bat alle Mitbürger, "dieses furchtbare Ereignis zu nutzen, um unser Miteinander und unsere Solidarität zu stärken".

Unklar ist aber weiterhin die Ursache des Feuers. Selbstverständlich werde alles getan, um das schreckliche Unglück aufzuklären, versicherte Beck. Begleitet werden die deutschen Ermittler dabei von vier türkischen Experten. Er hoffe, dass die Ermittlungen "sorgfältig und schnell" ein Ergebnis bringen, sagte Erdogan. Wann das Ergebnis vorliegen wird, ist noch völlig ungewiss. 20 Bürger würden im Krankenhaus behandelt. Er werde versuchen, einige zu besuchen, sagte Erdogan. Er sei sehr glücklich, dass es gelungen sei, das Leben vieler zu retten.

ffr/AP/AFP



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