Von Lisa Erdmann
Die Rollläden sind heruntergelassen, das Praxisschild abgeschraubt. An dem zweigeschossigen Backsteinbau deutet nichts mehr darauf hin, dass hier bis vor kurzem noch die Praxis von Dr. Kipper war. 23 Jahre praktizierte der Mediziner in dem Ort Lette in der Nähe von Gütersloh. Schließlich ging er mit 69 in den Ruhestand. Vergangenen Samstag wurden die letzten Kartons aus den Räumen geschleppt.
Nun hat das Dorf mit seinen 2250 Einwohnern keinen Arzt mehr. Denn ein Nachfolger ließ sich nicht finden.
Hausärzte sind bundesweit rar geworden. In Deutschland fehlen laut Kassenärztlicher Vereinigung (KV) rund 2000. Besonders betroffen sind ländliche Regionen in Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Westfalen-Lippe. Und es wird noch schlimmer kommen: Rund jeder fünfte Vertragsarzt der KV ist 60 Jahre oder älter.
Mit aller Kraft hatte Lette gegen das Schicksal der Arztlosigkeit gekämpft. Gemeinsam mit einem lokalen Radiosender starteten einige besonders engagierte Bürger die Aktion "Ein Retter für die Letter". Sie schnürten ein Willkommenspaket mit dem sie einen potentiellen neuen Arzt den Einstieg im Dorf erleichtern wollten: umsonst Mittagessen bei Fleischer Niko Ringhoff, ein kostenloser Haarschnitt bei Friseurin Maria Sowart, ein Begrüßungsständchen vom Spielmannszug "Frei weg Lette". Kostenlose Nächte im Hotel, Blumen für die Praxis, ein Grillabend zur Eröffnung, kamen hinzu.
Schlagzeilen für Lette
Die Aktion schlug ein - zumindest in den Medien. Zeitungen und Radiosender aus ganz Deutschland berichteten über den umtriebigen Ort in Ostwestfalen - sogar ein Fernsehsender aus Brüssel. "Ich weiß gar nicht mehr, wie viele Interviews ich gegeben habe", freut sich Ortsbürgermeister Paul Tegelkämper über den Coup. Auch Fleischer Ringhoff und Friseurin Sowart bewegen sich längst routiniert vor der Kamera.
Ortsbürgermeister Tegelkämper liebt seinen Heimatort. Wenn er von der restaurierten alten Turmuhr spricht, die nun in einem Glaskasten auf dem Kirchplatz tickt, dann leuchten seine blauen Augen hinter der Brille. Er ist stolz auf die Letter Landfrauen, die Kochbücher herausgegeben und über 700.000 mal verkauft haben. Auf den Metzger, der seine Produkte bis ins 40 Kilometer entfernte Münster verkauft. Sein schönes Lette ohne Doktor? Auf keinen Fall!
Geld, so hofften die Bürger, könnte das Problem vielleicht lösen. Die Letter Landfrauen waren sogar bereit, einem neuen Arzt notfalls mit einem Teil ihrer Kochbuch-Einnahmen bei den Kosten für die Praxis-Übernahme zu helfen.
Es geht nicht ums Geld
Aber Geld ist oft nicht der Grund, warum die Dorfpraxen eingehen. "Die Frage des Honorars ist wichtig, stellt aber nicht die ausschlaggebende Größe dar", sagt Roland Stahl von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. "Der Landarzt hat eben nicht generell einen geringeren Praxisumsatz als sein Kollege in der Stadt." Viel wichtiger sind andere Gründe: "Landarzt ist ein Knochenjob", so Stahl. "Niedergelassene Mediziner auf dem Land versorgen große Gebiete, sind auch an vielen Abenden und Wochenenden im Dienst." Dazu kommen Fragen wie: Gibt es auch Jobs für den Partner? Gute Schulen für die Kinder?
120 Gespräche hat Tegelkämper seit September geführt, um einen Nachfolger in die Dorfpraxis zu locken. Er sprach Krankenhausärzte an, die Kassenärztliche Vereinigung, sogar einen Abgeordneten im Europäischen Parlament in Straßburg. Er versuchte, Ärzte aus umliegenden Gemeinden davon zu überzeugen, doch wenigstens eine Zweigstelle in Lette zu eröffnen. Vergeblich.
Ursachen für die Landflucht gibt es viele. Zum einen wollen Ärzte heute der Studie der Uni Trier zufolge mit Abstand am liebsten als Angestellte in einem Krankenhaus arbeiten. 77 Prozent gaben das an. Außerdem wandern jedes Jahr rund 2500 ins Ausland ab, weil sie da besser bezahlt sind. Viele schreckt beim Gedanken sich niederzulassen der in der Vergangenheit stark gewachsene Anteil an bürokratischem Aufwand ab.
Die KV bemängelt entsprechend, dass die Verteilung der Praxen nicht dem Bedarf entspricht. In manchen Ballungsgebieten gebe es viel zu viele Ärzte. Man müsse stattdessen gucken, welche Krankheitslast in welchen Regionen vorliege. Wo die Menschen im Schnitt älter sind, da sind sie auch kränker - brauchen also öfter einen Arzt.
Ärztemangel in Problemstadtteilen
Leerstehende Praxen sind inzwischen kein allein ländliches Phänomen mehr. Immer häufiger gibt es sie auch in Problem-Stadtteilen von Großstädten. In Berlin-Neukölln oder Lichtenberg. Allerdings geht es hier eher um Fachärzte, die keine Nachfolger mehr finden.
Die Rufe nach gesetzlichen Regeln und einem Einschreiten der Politik werden immer lauter. Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler ist das Problem längst bekannt - es steht für dieses Jahr auf der Agenda und soll in einem Versorgungsgesetz münden. Ideen gibt es viele: mehr Studienplätze, eine Landarztquote, Stipendien für Mediziner, die aufs Dorf gehen. Vergangenes Jahr hatte sich der Minister heftige Kritik mit dem Vorschlag eingefangen, den Numerus Clausus für künftige Landärzte zu senken. Im Moment liegt nichts Konkretes auf dem Tisch. Erste Gespräche, so heißt es aus dem Ministerium, sollen im Februar stattfinden.
Die Letter müssen nun fahren, wenn sie zum Arzt müssen. Mit dem Auto oder mit dem Bus. Die nächste Praxis liegt vier Kilometer entfernt in Clarholz. "Der Doktor dort nimmt aber gar keine neuen Patienten mehr an. Der ist schon überlaufen", weiß Tegelkämper. Bleiben die Ärzte in Oelde. Das ist aber ein paar Kilometer weiter weg. "Vor allem für die alten Leute ist das schon beschwerlich", sagt Maria Sowart. "Meine Mutter ist fast 90. Für sie ist das schon eine anstrengende Umstellung."
Tegelkämper rechnet inzwischen nicht mehr damit, dass noch einmal ein Arzt seine Praxis in Lette eröffnet. "Da muss man realistisch sein." Der ganze Trubel in den Medien hat zu keinem einzigen Anruf oder Brief von einem Interessenten geführt. Aber traurig macht ihn das schon. "Ein junger Arzt hätte sich bei uns sicher wohl gefühlt."
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